Schweiz
Auf dem Internet mit allen Zügen reisen
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 14.12.2009 8 Kommentare
Schaltet Robert de Heer im Internet auf www.swisstrains.ch, erscheint auf dem Bildschirm ein Kartenausschnitt der Region Vevey. Der 36-jährige Holländer wohnt mit seiner Ehefrau und zwei kleinen Töchtern im Vorort Saint-Légier. Ein Code ihres Kabelfernsehanschlusses bewirkt, dass Google Map nicht irgendeinen Flecken auf der Schweizer Karte zeigt, sondern eine dem Benutzer der Webseite vertraute Umgebung. Auf der Karte sind alle Bahnlinien rot eingezeichnet. Rot sind auch die Punkte, die sich auf der Karte bewegen und die geläufigen Abkürzungen für S-Bahnen (S), Regionalzüge (RE), Interregio (IR)- und Intercity (IC)-Züge tragen.
Sobald De Heer einen der roten Punkte anklickt, erscheinen in einem Fenster die Zugnummer, der Ausgangs- und Endbahnhof mit Abfahrts- und Ankunftszeit, die aktuelle Position und die Fahrgeschwindigkeit. Ein weiterer Klick – und schon bewegen sich die roten Punkte statt auf der Karte auf der Satellitenaufnahme der betreffenden Gegend. Eine der «coolsten Funktionen» der Webseite aktiviert ihr Erfinder mit einem Klick auf «Follow». Sie versetzt den Benutzer in die Lage eines Vogels, der über dem Bahntrassee fliegt und dem roten Punkt durch Dörfer, Wälder und Wiesen folgt.
Kein Bahnfreak
Ein Bahnfreak ist De Heer allerdings nicht. «Ich habe als Junge nie mit Modelleisenbahnen gespielt. Als ich noch in Holland lebte, war ich sogar gegen die Bahn eingestellt», sagt er. In den Niederlanden hatte es der Journalist satt, in häufig überfüllten oder verspäteten Zügen zur Arbeit zu fahren. Seine Triebfeder war das Internet. Bei der kleinsten nationalen Zeitung Hollands bastelte der Jungredaktor in der Freizeit eine Online-Ausgabe. Rasch entdeckten grössere Zeitungen De Heers Talent im Umgang mit dem Internet und warben ihn als Leiter ihrer Online-Redaktion ab.
De Heer wollte immer verstehen, «wie neue Entwicklungen im Internet funktionieren». Und da zu jener Zeit Google mit Maps Aufsehen erregte, kam er auf die Idee, Polizeimeldungen mit diesen Karten zu kombinieren. Die «Krimi-Karte» gefiel seinen Chefs bei der grössten niederländischen Zeitung «de Volkskrant». Die Webseite, die vom Velodiebstahl bis zum Mord alle Vergehen und Verbrechen auf Google Maps lokalisiert, «läuft heute in Holland von selbst», sagt ihr Erfinder stolz.
Seit Mai 2006 ist Robert de Heer Projektleiter im Bereich Online des Westschweizer Verlagshauses Publigroupe. Nach dem Erfolg mit der «Krimi-Karte» in den Niederlanden steckte er sich am Genfersee ein höheres Ziel: «Ich wollte Informationen auf Landkarten bewegen, da waren die Züge und das Bahnnetz das Naheliegende.» Der Holländer staunte, wie pünktlich in der Schweiz die Züge fahren. «Die Anzeigetafel in den Bahnhöfen geben sogar Verspätungen von zwei Minuten an!» Darum hielt er es für vertretbar, auf www.swisstrains.ch die jeweilige Position jedes Zuges gemäss Fahrplan anzuzeigen.
Swisstrains in Echtzeit?
Sein Fernziel bleibt jedoch, die Verspätungen einzubeziehen und die roten Zugpunkte in Echtzeit über die Schweizer Landkarte wandern zu lassen. Mit den SBB hatte er Gespräche geführt, weil er glaubte, Swisstrains in Echtzeit würde den Bundesbahnen für Auskünfte an wartende Passagiere sowie bei Rettungseinsätzen nützen. Diese Kontakte sind wieder eingeschlafen, zumal De Heer nicht viel Freizeit für dieses Hobby aufbringen kann. Technisch wäre es aber möglich, glaubt er, die stets aktuellen Daten über Verspätungen auf der Webseite prosurf.sbb.ch mit Swisstrains zu verknüpfen. «Aber bisher habe ich in Europa noch keinen Programmierer gefunden, der das für wenig Geld macht.»
Ein Rumäne programmierte Swisstrains in der bisher nur auf Englisch verfügbaren Version. De Heer zahlte ihm dafür gegen 2000 Dollar aus dem eigenen Sack. «Wenn man Geld verdienen will, macht man so was nicht», sagt der Tüftler lachend. Aber ihn freuen die Reaktionen von Bewunderern des Schweizer Bahnnetzes aus aller Welt. Im Oktober zählte die Webseite fast 12'000 Besucher, davon 38 Prozent aus der Schweiz, 19 Prozent aus Grossbritannien, 7 Prozent aus den USA und 5 Prozent aus Deutschland. Ein Australier, der vor zwei Jahren Zermatt besucht hatte, schrieb De Heer kürzlich begeistert ein Mail: «Auf www.swisstrains.ch durfte ich die Fahrt im Glacier Express zum Matterhorn nochmals erleben.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 04:00 Uhr




Ueli Keller
Ich konnte gerade mitverfolgen, wie sich zwei Züge der Zürcher S3 zwischen Fehraltorf und Pfäffikon ZH auf der einspurigen Strecke beim Flugplatz Speck gekreuzt haben. Da gibt es schon noch einiges zu tun, sonst ist die Seite aber sehr interessant. Antworten