Schweiz

Auf dem Internet mit allen Zügen reisen

Robert de Heer hat eine Webseite ausgetüftelt, die den Verlauf jedes Passagierzugs auf der Landkarte anzeigt. Das geht, weil die Züge meistens pünktlich sind.

«Die Anzeigetafeln geben sogar Verspätungen von zwei Minuten an!» Robert de Heer im Bahnhof Bern.

Beatrice Devènes

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Schaltet Robert de Heer im Internet auf www.swisstrains.ch, erscheint auf dem Bildschirm ein Kartenausschnitt der Region Vevey. Der 36-jährige Holländer wohnt mit seiner Ehefrau und zwei kleinen Töchtern im Vorort Saint-Légier. Ein Code ihres Kabelfernsehanschlusses bewirkt, dass Google Map nicht irgendeinen Flecken auf der Schweizer Karte zeigt, sondern eine dem Benutzer der Webseite vertraute Umgebung. Auf der Karte sind alle Bahnlinien rot eingezeichnet. Rot sind auch die Punkte, die sich auf der Karte bewegen und die geläufigen Abkürzungen für S-Bahnen (S), Regionalzüge (RE), Interregio (IR)- und Intercity (IC)-Züge tragen.

Sobald De Heer einen der roten Punkte anklickt, erscheinen in einem Fenster die Zugnummer, der Ausgangs- und Endbahnhof mit Abfahrts- und Ankunftszeit, die aktuelle Position und die Fahrgeschwindigkeit. Ein weiterer Klick – und schon bewegen sich die roten Punkte statt auf der Karte auf der Satellitenaufnahme der betreffenden Gegend. Eine der «coolsten Funktionen» der Webseite aktiviert ihr Erfinder mit einem Klick auf «Follow». Sie versetzt den Benutzer in die Lage eines Vogels, der über dem Bahntrassee fliegt und dem roten Punkt durch Dörfer, Wälder und Wiesen folgt.

Kein Bahnfreak

Ein Bahnfreak ist De Heer allerdings nicht. «Ich habe als Junge nie mit Modelleisenbahnen gespielt. Als ich noch in Holland lebte, war ich sogar gegen die Bahn eingestellt», sagt er. In den Niederlanden hatte es der Journalist satt, in häufig überfüllten oder verspäteten Zügen zur Arbeit zu fahren. Seine Triebfeder war das Internet. Bei der kleinsten nationalen Zeitung Hollands bastelte der Jungredaktor in der Freizeit eine Online-Ausgabe. Rasch entdeckten grössere Zeitungen De Heers Talent im Umgang mit dem Internet und warben ihn als Leiter ihrer Online-Redaktion ab.

De Heer wollte immer verstehen, «wie neue Entwicklungen im Internet funktionieren». Und da zu jener Zeit Google mit Maps Aufsehen erregte, kam er auf die Idee, Polizeimeldungen mit diesen Karten zu kombinieren. Die «Krimi-Karte» gefiel seinen Chefs bei der grössten niederländischen Zeitung «de Volkskrant». Die Webseite, die vom Velodiebstahl bis zum Mord alle Vergehen und Verbrechen auf Google Maps lokalisiert, «läuft heute in Holland von selbst», sagt ihr Erfinder stolz.

Seit Mai 2006 ist Robert de Heer Projektleiter im Bereich Online des Westschweizer Verlagshauses Publigroupe. Nach dem Erfolg mit der «Krimi-Karte» in den Niederlanden steckte er sich am Genfersee ein höheres Ziel: «Ich wollte Informationen auf Landkarten bewegen, da waren die Züge und das Bahnnetz das Naheliegende.» Der Holländer staunte, wie pünktlich in der Schweiz die Züge fahren. «Die Anzeigetafel in den Bahnhöfen geben sogar Verspätungen von zwei Minuten an!» Darum hielt er es für vertretbar, auf www.swisstrains.ch die jeweilige Position jedes Zuges gemäss Fahrplan anzuzeigen.

Swisstrains in Echtzeit?

Sein Fernziel bleibt jedoch, die Verspätungen einzubeziehen und die roten Zugpunkte in Echtzeit über die Schweizer Landkarte wandern zu lassen. Mit den SBB hatte er Gespräche geführt, weil er glaubte, Swisstrains in Echtzeit würde den Bundesbahnen für Auskünfte an wartende Passagiere sowie bei Rettungseinsätzen nützen. Diese Kontakte sind wieder eingeschlafen, zumal De Heer nicht viel Freizeit für dieses Hobby aufbringen kann. Technisch wäre es aber möglich, glaubt er, die stets aktuellen Daten über Verspätungen auf der Webseite prosurf.sbb.ch mit Swisstrains zu verknüpfen. «Aber bisher habe ich in Europa noch keinen Programmierer gefunden, der das für wenig Geld macht.»

Ein Rumäne programmierte Swisstrains in der bisher nur auf Englisch verfügbaren Version. De Heer zahlte ihm dafür gegen 2000 Dollar aus dem eigenen Sack. «Wenn man Geld verdienen will, macht man so was nicht», sagt der Tüftler lachend. Aber ihn freuen die Reaktionen von Bewunderern des Schweizer Bahnnetzes aus aller Welt. Im Oktober zählte die Webseite fast 12'000 Besucher, davon 38 Prozent aus der Schweiz, 19 Prozent aus Grossbritannien, 7 Prozent aus den USA und 5 Prozent aus Deutschland. Ein Australier, der vor zwei Jahren Zermatt besucht hatte, schrieb De Heer kürzlich begeistert ein Mail: «Auf www.swisstrains.ch durfte ich die Fahrt im Glacier Express zum Matterhorn nochmals erleben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2009, 04:00 Uhr

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8 Kommentare

Ueli Keller

09.02.2010, 23:04 Uhr
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Ich konnte gerade mitverfolgen, wie sich zwei Züge der Zürcher S3 zwischen Fehraltorf und Pfäffikon ZH auf der einspurigen Strecke beim Flugplatz Speck gekreuzt haben. Da gibt es schon noch einiges zu tun, sonst ist die Seite aber sehr interessant. Antworten


Stefan Meier

17.12.2009, 19:23 Uhr
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Es ist eine super Idee, aber der Cisalpino fährt von Zürich Richtung Zug immer noch auf der SZU-Strecke via Adliswil-Langnau A/a !!! Antworten


Robert Sturzenegger

14.12.2009, 09:50 Uhr
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Gute Idee, auch schön gemacht. Leider fehlt der praktische Nutzen, wenn das ganze nicht auf dem aktuellen Fahrplan aufbaut. Auf der Neubaustrecke Mattstetten - Rothrist verkehren hier noch keine Züge. Antworten


Ramon Paxus

14.12.2009, 08:05 Uhr
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Sehr schön gemacht, und originelle Idee. Bis Ende Jahr soll angeblich auch eine iPhone Version folgen. Wär' grossartig wenn Sie auch eine Android Version anbieten würden. Antworten


Lars Mazzucchelli

14.12.2009, 08:05 Uhr
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Wow! Extrem gut gemacht!!! Antworten


Markus Schafroth

14.12.2009, 07:50 Uhr
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Tolle Funktionalität. Leider basiert die Anzeige auf den Fahrplandaten der Jahre 2007/2008. Antworten


Martin Grosup

14.12.2009, 07:42 Uhr
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Genial! Sowas dann noch mit den Verspätungsinformationen gekoppelt wäre ideal.. Antworten


Hans Graf

14.12.2009, 07:35 Uhr
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Habe soeben die website von Robert de Heer besucht und gratuliere ihm zur Idee und Umsetzung. Für mich unverständlich, dass die SBB die coolste website seit der Erfindung des online Fahrplans nicht von sich aus unterstützt. Antworten



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