Schweiz
Auf den Jurahöhen sind mehr als 230 Windturbinen geplant
Von Richard Diethelm, Col du Marchairuz. Aktualisiert am 09.08.2009
Auf dem Marchairuz-Pass scheiden sich nicht nur die Wasser, die entweder via Rhone ins Mittelmeer oder via Rhein in die Nordsee fliessen. Es scheiden sich auch die Geister, seit die Gemeinden des Vallée de Joux und die Stadt Lausanne hier zehn Windturbinen auf 140 Meter hohen Masten errichten wollen. «EolJoux» wäre der erste Windpark in einem Gebiet, das zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) zählt.
Das Projekt in der Waadt hat eine starke Lobby. Die grünen Schwergewichte Daniel Brélaz und Ueli Leuenberger zählen ebenso dazu wie die einheimische SP-Nationalrätin und Präsidentin der Kommission für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Josiane Aubert. Doch der Bundesrat und der Kanton Waadt haben Vorbehalte. Natur- und Landschaftsschützer befürchten einen Dammbruch.
«Nationale Regeln verletzt»
Wir treffen Josiane Aubert und den Generalsekretär der Pro Natura-Sektion Waadt, Michel Bongard, auf dem Marchairuz-Pass zum Streitgespräch. Bongard beteuert, Pro Natura befürworte die Nutzung der Windenergie, obschon die gesparte Energie die umweltfreundlichste sei. «Aber das Projekt EolJoux schadet der Sache der Windenergie, weil es nationale Regeln verletzt.»
2004 hatte der Bund mit den Kantonen, der Energiewirtschaft und den Umweltverbänden Kriterien definiert, die potenzielle Standorte für Windparks erfüllen müssen. Sie schliessen den Bau solcher Anlagen in national geschützten Gebieten aus. Ausser den Siedlungen liegt aber das ganze Vallée de Joux im BLN oder im Bundesinventar der Hochmoore von nationaler Bedeutung. Marchairuz ist daher weder im Konzept Windenergie Schweiz noch im kantonalen Richtplan als geeigneter Standort aufgeführt.
«Endlich handeln, nicht nur reden»
Ein zu strikter Schutz des vor langer Zeit erstellten BLN werde den neuen energiepolitischen Herausforderungen nicht gerecht, entgegnet Aubert dem Pro-Natura-Sekretär. «Mit EolJoux nimmt eine ganze Region beispielhaft die Versorgung durch erneuerbare Energie in die eigenen Hände und will dadurch von der Atomenergie unabhängig werden.» Die zehn Windturbinen würden so viel Strom produzieren, wie die 6200 Einwohner und die Luxusuhrenfirmen im Hochtal jährlich verbrauchen. «Wir müssen endlich handeln und nicht nur über die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien reden», betont Aubert.
Würde man alle hängigen Projekte verwirklichen, wären die Jurahöhen zwischen Genf und Solothurn mit mehr als 230 Windturbinen gespickt. Den Boom löste der Entscheid des Bundes aus, die Einspeisung von Strom aus neuen Windparks ins Netz kostendeckend zu vergüten. Der Branchenverband Suisse Eole glaubt auf Grund von Erfahrungen im Ausland, die Windenergie könne ihren Anteil am Schweizer Stromverbrauch bis 2050 von derzeit 0,3 Promille auf 5 bis 10 Prozent steigern.
Nachfrage nach grünem Strom decken
Vor allem Konsumenten in den Grossstädten verlangen nach grünem Strom. So wollen die Industriellen Betriebe Genfs mit einer Tessiner Firma 70 Windturbinen auf Jura-Weiden pflanzen. Das EWZ und Romande Energie planen im Val-de-Travers die grösste Windkraftanlage der Schweiz mit 40 Windturbinen. Zuvor fand das EWZ am Mollendruz-Pass andere lokale Partner, um zwölf Windturbinen zu errichten.
Wegen des harten Konkurrenzkampfs zwischen den Werken der Grosstädte, überregionalen Stromgesellschaften und ausländischen Projektierungsbüros fürchtet die Stiftung für Landschaftsschutz um den «modus vivendi», den die Energiewirtschaft und die Umweltverbände 2004 gefunden haben. Danach sollen Windparks nur dort gebaut werden, wo sie das Landschaftsbild wenig stören, viel Wind bläst und bereits Strassen und Starkstromleitungen bestehen.
Suisse Eole rührt an Tabu
Nationalrätin Aubert versuchte den Bundesrat dazu zu bewegen, die Auslegung des BLN «zu überdenken», sprich: nationale geschützte Landschaften für Windparks zur autonomen Energieversorgung zu öffnen. In der Antwort auf ihre Interpellation bestätigte der Bundesrat die Grundsätze des Windenergiekonzepts von 2004. Aber der politische Druck auf eine Öffnung wächst. So überwies der Basebieter Landrat einen entsprechenden Vorstoss. Und Suisse Eole stellt «das Tabu» von Windturbinen in BLN-Landschaften demnächst zur Diskussion.
Pro Natura bekämpfe jede Aufweichung des BLN-Schutzes, versichert Bongard auf dem Marchairuz-Pass. «Wegen des bescheidenen Potenzials der Windenergie ist es unverhältnismässig, Grundsätze des Naturschutzgesetzes aufzuweichen.» Aubert weist das Argument zurück, die Windenergie decke nur wenig des Strombedarfs. «Wenn wir neue AKW verhindern wollen, müssen wir alle Beiträge der erneuerbaren Energien ausschöpfen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.08.2009, 20:45 Uhr
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