Schweiz

Bald kommen Meerfische aus der Schweiz

Von Felix Maise. Aktualisiert am 15.04.2009 8 Kommentare

Fischfarmen boomen: Tonnen von Loup de Mer, Doraden und Stör sollen schon bald in Mollis gezüchtet werden. Und im Wallis wird ab Juli eine industrielle Fischfarm Egli produzieren.

Wolfsbarsche in einer Farm im Mittelmeer. Eine Zuchtanlage in Mollis wird diese Fische im grossen Stil herstellen.

Wolfsbarsche in einer Farm im Mittelmeer. Eine Zuchtanlage in Mollis wird diese Fische im grossen Stil herstellen.
Bild: Keystone

Aquakultur heisst das Zauberwort, das heute das Fischbusiness beherrscht. Angesichts bald leer gefischter Meere entstanden in den letzten Jahren weltweit Anlagen, in denen besonders gefragte Speisefischen gezüchtet werden. In traditionellen Fischereiländern wie Griechenland, Spanien, Frankreich, Grossbritannien, Holland oder Deutschland wurden mit EU-Fördergeldern riesige Zuchtanlagen gebaut. Das Problem dabei: Die meisten Edelfische ertragen die industrielle Massentierhaltung nicht gerade gut. Und der deshalb verbreitete Einsatz von Medikamenten in den Farmen ist bei Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend verpönt. Gross-Fischfarmen an den Meeresküsten sind zudem ökologisch umstritten.

Wissenschafter und Techniker versuchen deshalb, Fischfarmen zu entwickeln, die nicht auf natürliche Gewässer angewiesen sind, sondern als ökonomisch und ökologisch optimierte Kreislaufanlagen irgendwo auf der grünen Wiese gebaut werden können. Auch die Finanzindustrie hat die Aquakultur inzwischen als profitabel entdeckt. Die Melander-Fischfabrik von Hans Raab in Oberriet ist die erste grosse Anlage dieser Art in der Schweiz. Sie steht allerdings kurz vor der Schliessung: Die Belegschaft ist derzeit mit der Schlachtung sämtlicher Fische beschäftigt.

Zwei neue Grossprojekte waren schon vor dem Melander-Debakel aufgegleist. Im glarnerischen Mollis soll auf 30'000 Quadratmeter Industrieland eine Indoor-Kreislauf-Fischzucht, grösser als Raabs Fabrik in Oberriet, entstehen. Eine zweite, kleinere Fischfarm ist am Südportal des Lötschberg-Basistunnels in Raron im Wallis bereits im Bau.

Federführend beim Glarner Projekt ist der in Mollis wohnhafte Dirk van Vliet. Seit 2007 arbeitet der Hightech- und Finanzfachmann an der Entwicklung seiner Fischfabrik. Jetzt hält Van Vliet das 20- bis 40-Millionen-Franken-Projekt für ausführungsreif. Er will darum der Gemeinde Mollis ein Industrieareal abkaufen, worüber eine ausserordentliche Gemeindeversammlung am 29. April entscheiden soll.

Täglich frische Meerfische aus Mollis

Bei einem Ja rechnet Van Vliet mit einem Baubeginn noch vor Ende 2009. Ein Jahr später könnten bereits die ersten Fische aus Mollis auf die Teller der Schweizer Konsumenten gelangen. Täglich rund fünf Tonnen Fische sollen in der 80×200 Meter grossen Industriehalle produziert und verarbeitet werden – bereit für Gastronomie und Detailhandel.

Starten soll die Anlage mit den besonders gefragten Meerfischen Wolfsbarsch (Loup de Mer) und Goldbrasse (Dorade), später könnten auch Egli und Störe dazukommen, wie Van Vliet dem TA sagt. Den grossen Vorteil seiner Fischfabrik sieht er in der Just-in-time-Produktion von absolut frischen Hochpreis-Fischen.

Wasser aus dem Lötschbergtunnel

Weiter fortgeschritten ist das Fischfarmprojekt von Raron. Dort will die Firma Valperca S. A. jährlich 300 Tonnen der in der Schweiz besonders beliebten Egli produzieren. Heute werden 95 Prozent der Egli importiert. 14 Millionen Franken kostet die von einer deutschen Firma entwickelte ökologisch ausgereifte Indoor-Hightech-Anlage. Die Halle der mit qualitativ bestem, 18 Grad warmem Wasser aus dem Lötschberg gespeisten Eglizucht ist seit Ende 2008 fertig gebaut; zurzeit wird die Innenausstattung installiert. Im Juli sollen die ersten Fische in die Becken kommen.

Hinter dem Projekt stehen in erster Linie die Gebrüder François und Pierre Landolt, die auch Hauptaktionäre einer Egli-Brutanlage im waadtländischen Chavornay sind. An Geld fehlt es ihnen nicht: Pierre Landolt ist Präsident der Sandoz-Stiftung, die eine 3-Prozent-Beteiligung an Novartis hält. Projektleiter in Raron ist Valperca-Geschäftsführer Rudolf Moser. Er legt grossen Wert darauf, dass seine Egli-Fischfarm nicht mit anderen Projekten, speziell der Melander-Fabrik von Oberriet, in Verbindung gebracht wird.

«Wir bemühen uns um grösstmögliche Transparenz und haben die Kantons- und Gemeindebehörden von allem Anfang an über unsere Pläne genau informiert», sagt Moser. Die Egli würden mit der gesetzlich erlaubten Stromschlag-Methode getötet, so Moser. Die Bewilligung für diesen Anlageteil sei nur deshalb noch nicht erfolgt, weil man das Betäuben und Töten der Fische zusammen mit dem Veterinäramt erst noch in der Praxis überprüfen wolle.

Im Fall von Mollis ist das Veterinäramt allerdings noch völlig im Ungewissen über die Details. «Ich bin bis jetzt offiziell nie kontaktiert worden», sagt der Glarner Kantonstierarzt Jakob Hösli, «und ich weiss nicht mehr als was ich in der Zeitung gelesen habe.» Staunen würde er aber über die schiere Grösse der geplanten Fischfarm. Wie sein St. Galler Amtskollege im Fall Oberriet gelangt Hösli mit der Tierschutzkontrolle der Fischfabrik an die Grenzen seiner Möglichkeiten. «Im Bundesamt für Veterinärwesen müsste es zumindest einen Fachmann geben, der sich zentral um Fische und die Zucht von Fischen kümmert», sagt er.

Gesetzliche Regeln fehlen bislang

Hier hakt Heinzpeter Studer vom Fischschutzverein Fair-Fish ein: Angesichts des Booms bei den Indoor-Fischfarmen brauche es klare, gesetzliche Rahmenbedingungen nicht nur für Betäubung und Tötung, sondern auch für Zucht und Haltung von Fischen. «Auch für Fischfarmen sollte es klare Bewilligungskriterien geben, wie sie bei Stallbauten von Rindern oder Schweinen seit Jahren existieren. Sonst wiederholen sich bei der im Vergleich zum Wildfang ja an sich vernünftigen Indoor-Kreislauf-Fischzucht all die Fehler, die in der Intensivproduktion von Schweinen und Hühnern gemacht wurden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2009, 23:02 Uhr

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8 Kommentare

Sascha Fässler

15.04.2009, 23:59 Uhr
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Wolfsbarsch (Dicentrarchus labrax) sowie Goldbrasse (Sparus aurata) sind beides Raubfische. Zuchtfische dieser Gattungen ernähren sich hauptsächlich von Fischmehl, welches aus nichts anderem als industriell gefangenen, weniger wertvollen Fischarten wie Sardellen besteht. Es braucht ein vielfaches mehr an Fischmehl um ein gewisses Gewicht an Raubfischen zu züchten. Meere werden somit weiter geleert Antworten


rudolf thoma

15.04.2009, 22:34 Uhr
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Wenn die Tierschutzverordnung strikte eingehalten wird, ist dagegen nichts einzuwenden! Antworten