Schweiz
Basler putzen den Gotthardtunnel
Von Markus Wüest. Aktualisiert am 09.09.2010 4 Kommentare
Hat Grund zum Strahlen: Firmenchef Andreas Marquis im Tunnel. (Bild: Marquis AG)
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Was an diesem speziellen Tag zum Mittagessen auf den Teller kam, entsprach nicht ganz dessen Bedeutung: Spinat und Spiegeleier mit Käse überbacken. «Am Abend allerdings gabs dann noch einen guten Schluck Wein», sagt Andreas Marquis, Geschäftsführer von Marquis Kanalservice mit Sitz in Basel und Reinach. Dabei hätte man durchaus Grund zum Feiern gehabt. Die Kanalreiniger aus der Nordwestschweiz haben trotz internationaler Ausschreibung einen Auftrag mit einem Volumen von elf Millionen Franken ergattert. Ihre Aufgabe: den Gotthard-Basistunnel putzen.
Dass auf die «Kanalratten» aus Basel Verlass ist, haben sie bereits bewiesen. Sie sind schon seit Jahren im Jahrhundertbauwerk im Einsatz. Denn einige Segmente des gigantischen Tunnels mit zwei separaten Röhren sind schon seit rund sechs Jahren fertiggestellt, zwar noch ohne Innenausbau, aber das Gewölbe ist betoniert.
Hinter dieser Betonauskleidung ist der Berg. Und im Berg sickert Wasser. An einigen Stellen mehr, an einigen Stellen weniger. Das Wasser wird in zwei Röhren gefasst, die hinter dem Beton verlegt sind. Die Querschlitze in diesen Röhren sind relativ fein. Werden sie nicht regelmässig gereinigt, drohen sie zu verkalken oder zu versintern. Die Firma Marquis verhindert dies. Mit Spezialreinigungsgeräten, die auf hohen Wasserdruck, aber nicht auf Chemie setzen, werden die Röhren von 20 Zentimetern Durchmesser beziehungsweise die Querschlitze vom Kalk befreit.
Lauter Männer
«Körperlich hart ist die Arbeit im Tunnel für meine Männer – und es sind ausschliesslich Männer – nicht», sagt Andreas Marquis. Fordernd seien eher die Umstände: Hunderte von Metern unter der Erde in einem Tunnel, aus dem man für die Pause nicht schnell, schnell rausfahren kann. Dazu ist es konstant rund 28 Grad warm. «Das klingt zwar nicht schlecht: Arbeiten im T-Shirt. Aber auf Dauer ist die Hitze, kombiniert mit hoher Feuchtigkeit, nicht so toll.»
Die Kanalreiniger der Firma Marquis waren schon in den letzten Jahren teils im Drei-Schicht-Betrieb im Einsatz. Mit dem neuen Auftrag, der jetzt unter Dach und Fach ist, werden noch mehr Mannstunden dazukommen. «Rund ein Fünftel meiner Belegschaft wird für diesen Auftrag eingesetzt», sagt Andreas Marquis. Derzeit beschäftigt er rund 100 Mitarbeiter. Er wird dank des Auftrags weitere zehn Stellen schaffen können.
Keine schlechte Zukunftsperspektive, für eine Firma, die vor 50 Jahren im Oberbaselbiet als Ein-Mann-Unternehmen gegründet wurde. Guido Marquis aus Tenniken, der Vater von Andreas, kam damals auf die Idee, beim Bau des Belchentunnels als Kiestransporteur Geld zu verdienen. «Da rät ihm einer davon ab», sagt Andreas Marquis, Geschäftsführer seit 1997. «‹Mach du lieber Kanalreinigung, das macht sonst keiner›, gab man meinem Vater als Tipp.»
Das war der Anfang. Und weil die Firma seither immer mal wieder bereit war, auch ungewöhnlichere Aufgaben anzupacken, erhielt sie auch mehr und mehr ungewöhnliche Aufträge. «Vor dem, was nicht 08/15 ist, schrecken in unserem Business viele zurück», sagt Marquis. «Wir betrachten es als Herausforderung.»
Spezielle Fahrzeuge
Die Herausforderung annehmen, bedeutete aber immer wieder auch Investitionen tätigen. Der Fuhrpark des Unternehmens ist mittlerweile hoch spezialisiert. Für die Reinigung im Basistunnel lässt sich die Firma Marquis gerade ein ganz besonderes Putzfahrzeug bauen, das sowohl auf Schienen als auch auf Pneus verwendet werden kann. «Diese Maschine wird neben dem Motor für den Strassenbetrieb ein eigenes Fahrwerk für den Betrieb auf Schienen haben», sagt Andreas Marquis. «Es wird als Schienenfahrzeug abgenommen werden.»
Auch damit wird der Tunnel geputzt. «Dieselöl, Rost und Staub haben die ausbetonierten Wände teils stark verschmutzt. Um überhaupt messen zu können, ob die Röhren nicht schon Risse haben, müssen sie gescannt werden. Und das geht nur, wenn sie sauber sind», sagt Marquis. Erst nach der Reinigung und dem Scannen werden unter anderem Beleuchtung, Funkleitungen, Stromkabel und schliesslich die Schienen eingebaut.
Der neue Auftrag für die Reinigung während des Einbaus der Bahntechnik gilt bis zur Fertigstellung des Tunnels 2017. Was jetzt schon feststeht: An den «Kanalratten» aus Basel und Reinach wird es sein, vor der feierlichen Inbetriebnahme eine Schlussreinigung zu machen. «Inklusive den Geländern und allem.» Das heisst auch: Sie werden die letzten Arbeiter im dann fertigen Tunnel sein, bevor die Züge rasen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 09.09.2010, 17:18 Uhr





