Bei den SBB wachsen die Passagierzahlen – und die Probleme
Von Markus Wüest. Aktualisiert am 18.08.2009 6 Kommentare
Die SBB transportieren viele – manchmal, wie hier nach einer technischen Störung, zu viele – Passagiere. (Bild: Keystone)
Umfrage
Sind Sie mit den SBB zufrieden?
Die SBB bieten zwar einen dichten Fahrplan, machen aber trotzdem immer öfter negative Schlagzeilen: Verspätungen, Zugsausfälle, Pannen bestimmen den Alltag. Sind Sie mit den Dienstleistungen der SBB zufrieden?
Rund 900'000 Passagiere täglich, ein Schienennetz, das so intensiv genutzt wird wie kein anderes weltweit, und eine Bevölkerung, die im Schnitt pro Kopf in 47 Bahnfahrten pro Jahr 2103 Kilometer zurücklegt. Da spricht SBB-Chef Andreas Meyer zurecht von den «Weltmeistern im Bahnfahren». Die Zahlen und Statistiken sind beachtlich. Aber es gibt auch einige Dinge, die nicht so gut laufen, wie sie sollten.
> Pech und Pannen
Nahezu täglich
kommt es in letzter Zeit auf dem Netz
der SBB zu kleinen und grösseren
Pannen. Seien es defekte Stellwerke,
der Zusammenbruch der Stromversorgung
wie jüngst im Tessin, technische
Probleme an Lokomotiven oder,
auffällig häufig in der Region Basel,
Züge, die an Stationen vorbeifahren,
statt zu halten. Diese Häufung von
Pannen ist mindestens teilweise dem
Erfolg des Bahnunternehmens geschuldet:
Die Zugfrequenz ist mittlerweile
so hoch, dass das System ausgereizt
ist und kleinere technische Probleme
sofort grössere Auswirkungen
haben. Trotzdem: Wäre beim Unterhalt
der Infrastruktur nicht massiv abgebaut
worden – Stichwort Werkstätten
– wäre auch die Zuverlässigkeit
grösser.
> Personalzufriedenheit
Die Lokführer
klagen und ächzen. Sie können
kaum mehr Freitage einziehen, die
Dienstpläne kommen oft sehr kurzfristig,
und wenn nicht – wegen der
Wirtschaftskrise – die Kollegen von
SBB Cargo punktuell aushelfen könnten,
wäre die Lage wohl noch gespannter.
Vonseiten der SBB spielt
man das Problem herunter. Fakt ist:
Der Verband Schweizer Lokomotivführer
zieht die SBB in der Sache vors
Schiedsgericht. Die Stelle des Chefs
Personenverkehr ist seit dem krankheitsbedingten
Abgang des Wallisers
Paul Blumenthal, der neben Andreas
Meyer einst als Nachfolger von Benedikt
Weibel als SBB-Chef im Rennen
gewesen war, unbesetzt. Ist diese Vakanz
Teil des Problems?
> Kundenzufriedenheit
Vor gut drei
Wochen kam es an einem Sonntag im
Bahnhof Bern zu sehr hitzigen Diskussionen,
als 50 Velofahrer ultimativ
dazu aufgefordert wurden, mitsamt
ihrer Zweiräder den Zug zu verlassen.
Der morgendliche Intercity zwischen
Basel und Interlaken war krass überfüllt.
Der Zwischenfall fand in den Medien
grosses
Echo und war bei BaZOnline
eines der heissest diskutierten
Themen des Sommers. Anlass zu Unmut
gibt zum Beispiel auch die Regel,
dass als Schwarzfahrer gilt, wer mit
einem 2.-Klasse-Ticket in der 1. Klasse
angetroffen wird. Für nächstes Jahr
sind Tariferhöhungen angekündigt,
auch das dürfte einigen Zündstoff bergen.
Und schliesslich tragen sich die
SBB mit dem Gedanken, statt des einheitlichen
Preissystems ein variables
einzuführen; also unterschiedliche
Preise je nach Tageszeit auf derselben
Strecke. Die SBB sind sich offenbar
der wachsenden Unzufriedenheit ihrer
Kunden bewusst. Wie sonst wäre
zu erklären, dass man einen Kundenbeirat
schaffen will?
> Pensionskasse
In der Pensionskasse
(PK) der SBB klafft ein Milliardenloch.
Bereits seit dem Jahr 2001 besteht
eine Unterdeckung. Ende 2007
belief sich der Deckungsgrad auf
noch 92,4 Prozent. Erschwerend
kommt hinzu, dass die Kasse mit rund
52 Prozent einen überdurchschnittlich
hohen Altersrentneranteil aufweist
(schweizerischer Durchschnitt:
21 Prozent). Hinsichtlich des Vorsorgekapitals
beträgt dieser sogar 63
Prozent. Die SBB-Angestellten zahlen
jetzt schon 1,5 Prozent des Lohns an
die Sanierung der PK und werden voraussichtlich
noch massiv mehr einzahlen
müssen, um zu verhindern,
dass die PK noch tiefer in die roten
Zahlen abrutscht.
> Cisalpino
Die Ablieferung des neuen
Neigezuges für den Nord-Süd-Verkehr
hat sich jahrelang verzögert. Der
ETR-610, wie der Zug in der Fachwelt
heisst, wird von der Alstom gebaut
und hätte dank seiner Neigetechnik
die Fahrzeit über den Gotthard erheblich
verkürzen sollen. Bereits der
Fahrplan 2008 war auf den neuen Zug
ausgelegt worden. Wegen der Verzögerung
mussten entsprechende Anpassungen
im Zugangebot in Kauf
genommen werden. Im Sommer
nun stellte sich heraus, dass der
Cisalpino II zwar endlich fertig ist –
aber für die Gotthardstrecke derzeit
aus technischen Gründen gar nicht
zugelassen werden kann. Die beiden
fertigen Exemplare werden nun zwischen
Genf und Mailand getestet. Bereits
mit dem Vorgängermodell hatte
es Probleme gegeben. Die Cisalpino
AG ist eine Tochterfirma der SBB und
der Trenitalia.
> SBB Cargo
Noch dieses Jahr soll entschieden
werden, ob das stark defizitäre
Güterbahnunternehmen weiterhin
eigenständig weitergeführt werden
soll, oder ob sich ein Zusammengehen
mit einem starken Partner wie
der deutschen DB oder der französischen
SNCF aufdrängt. Die DB Schenker,
das Güterbahnunternehmen der
Deutschen Bahn, stünde der SBB Cargo
bezüglich Firmenkultur und Technik
näher als die SNCF Fret. Zudem
stand Andreas Meyer vor seinem
Amtsantritt als SBB-Chef im Sold der
DB und hat bestimmt immer noch
gute Drähte nach Berlin. Kämen SBB
und DB ins Geschäft, hätten die SBB
ein Problem möglicherweise gelöst,
aber sich garantiert das nächste eingehandelt:
Denn schon jetzt steht fest,
dass die Partnerschaft SBB Cargo und
DB Schenker ein Fall für die Wettbewerbskommission
werden würde.
Lesen Sie am Mittwoch in der Basler Zeitung: Das grosse Interview mit SBB-Chef Andreas Meyer. (Basler Zeitung)
Erstellt: 18.08.2009, 11:20 Uhr
6 KOMMENTARE
@bergmann: Supervorschlag, Verkauf der SBB an die deutsche Bahn. Dann hätten wir zur überlasteten Technik auch noch ein Bilettsystem, dass kein Normaler mehr verstehen würde. Wochenend-Senioren-Spar-Gruppen-Familien-Grün-Rosarote Wolken-Tarife die bei Vollmond 37,5% günstiger sind aber nur im Regionalzug ab 20 Uhr bei Gruppen ab 6 Personen davon 3 unter 6 Jahren usw. Bloss nicht….
Mir ist in den letzten 10 Monaten, in Interlaken Ost, zwei Mal der IC nach Basel, sprichwörtlich, vor der Nase weggefahren, sprich ich fuhr mit der ZB, kommmend aus Meiringen, ein und sehe wie auf dem anderen Geleise der IC wegfährt. Fazit, das GA habe ich zurück geschickt und fahre jetzt mit dem Auto.
Lieber Herr Wartenberg - ich pendle mehrmals wöchentlich aus der Ostschweiz nach Basel, weil ich in der Bodenseeregion schlicht keine Stelle gefunden habe - und keinesfalls aus Spass an der Freude. Ein noch teureres GA und eine Abschaffung der Pendlerabzüge würden mich ruinieren. Aber zum Thema: die ausländischen Züge von Basel nach Zürich sind eine Zumutung (was die Pünktlichkeit betrifft).
Das wichtigste Problem wird im Artikel gar nicht erwähnt. Die Unzuverlässigkeit der ICN-Züge auf der Strecke Basel-Genf. Etwa 40% der Züge fahren mit Verspätung, wenn sie nicht überhaupt ausfallen. Dabei gebe es eine einfache Lösung für die Qualitätsprobleme der SBB: Verkauf and die Deutsche Bahn. Dann hätten wir bequemere und pünklichere Züge, schnellere Verbindungen und noch freundlichen Service
Die Schweiz ist so klein und dermassen dicht bevölkert, dass man grosse Teile des Landes direkt mit einer Grosstadt vergleichen könnte. Mit anderen Worten: Wir haben viel zu viele kleine Agglomerationen, die zusammenwachsen. Das System "Reiseverkehr" ist nicht geeignet, allzu "fein" zu verteilen. Mangels grenzenübergreifenden Agglomerationskonzepten in der Feinverteilung wird die SBB überfordert.
Schweizer bevorzugen 2-3 Std. zu pendeln, als den Wohnort in die Nähe des Arbeitsortes zu verlegen. Da sind wir unbeweglich. Dringend einheitliches Schulsystem! Keine finanzielle Anreize fürs Pendeln (teureres GA), es hindert die Verlagerung des Gütertransports auf die Schiene und erhöht die Umweltbelastung. Politiker sollten alternative Verkehrssysteme analysieren, weniger über Bundesräte faseln.
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