Schweiz

«Bologna-System ist kein Grund zu streiken»

Während in der Schweiz hunderte Studenten protestierten, wiegeln Dozenten ab. Für Geschichtsprofessor Bernd Roeck ist Bologna der falsche Grund und die Uni der falsche Ort für den Streik.

«Bologna ist nicht das Problem»: Bernd Roeck, Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich.

«Bologna ist nicht das Problem»: Bernd Roeck, Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich.

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Herr Roeck, an den Schweizer Unis demonstrieren die Studenten gegen das Bologna-System – Zu Recht?
Dass Bologna für viele eine grosse Belastung darstellt, ist klar. Die Proteste sind aus Deutschland zu uns rübergeschwappt. Fest steht jedoch, dass die Studenten an Schweizer Universitäten weit bessere Verhältnisse vorfinden als an fast allen deutschen Unis. Hierzulande gibt es viele Massnahmen, die das abfedern. Zum Beispiel das reich ausgestaltete Stipendienwesen.

Können Sie den Frust über Bologna nachvollziehen?
Teilweise ja. Das neue System bedarf ohne Zweifel vieler Nachbesserungen. Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Ein Problem ist etwa, dass Bologna nur einem Teil der Studierenden gerecht wird. So fördert es bestimmt nicht den Typus der reflektierenden Studierenden, die Zeit brauchen, um sich für Themen zu erwärmen und nicht nur ergebniszentriert studieren. Auch die deutlich gewachsene Bürokratie ist ein negativer Aspekt. Und es ist fraglich, ob Bologna die Durchlässigkeit zwischen den Unis fördert. Andererseits ist das Studium dank Bologna deutlich besser strukturiert. Es bietet vielen Studierenden «Leitplanken», an denen sie sich orientieren können. Und es hat die Kreativität der Lehrenden, neue Studiengänge anzubieten, gefördert. Das System hat also auch viele Vorteile.

Welcher negative Aspekt ist der schwerwiegendste?
Für mich ist nicht Bologna das Hauptproblem. Sondern das oft unhaltbare Betreuungsverhältnis. Die Schweizer Universitäten verzeichnen enorme Zuwächse an Studierenden. Alleine die Uni Zürich hat dieses Jahr 1000 Studierende mehr. Teilweise betreuen Dozierende über hundert Studentinnen und Studenten oder mehr. Dagegen wird schlicht zu wenig unternommen. Das ist jedoch kein Problem, das sich durch Umstrukturierung des Studiums beseitigen lässt. Dennoch stehen die Studierenden auf der richtigen Seite: Man muss deutlich machen, dass in der Bildung, einer der wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen der Schweiz, zu viel gespart wird.

Die Demonstranten schiessen mit dem Fokus auf Bologna also am Ziel vorbei?
Bologna ist nur ein Aspekt der Problematik. Aber es ist nicht der zentrale Punkt. Und bestimmt kein Grund, sich im Hörsaal die Nächte um die Ohren zu schlagen. Die Aktionen finden zudem am falschen Ort statt. Statt die Universität zu lähmen, sollten die Studenten den politischen Instanzen zeigen, wo die Missstände sind.

Früher war das Studium von Strukturlosigkeit geprägt, heute ist es überkontrolliert.
Das ist genau der Punkt. Strukturlosigkeit ist für manche gut. Andere werden gerne an der Hand genommen und geführt. Nochmals anderen hilft weder das eine noch das andere. In dieser Hinsicht ist das Bologna-System manchmal zu kompliziert und zu rigide.

Sind es vor allem Geisteswissenschaftler, die sich gegen Bologna beschweren?
Das kann ich nicht beurteilen. Die Uni Zürich hat rund 25'000 Studenten. Und es ist nur ein kleiner Teil, der nun auf die Strasse geht. 1968 erlebte man Proteste einer ganz anderen Dimension. Insofern kann man den jetzigen Aktionen gelassen entgegensehen. Für die Studenten ist es eine Möglichkeit, sich zu artikulieren. Und wir hören uns gerne an, was sie zu sagen haben.

Die Mehrheit der Studenten steht also wohl nicht hinter den Demonstranten.
Der Ton der meisten Studierenden ist gelassen. Wir werden heute um 15.45 Uhr sehen, wie viele der 25'000 Studenten beim Demo-Umzug dabei sind. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2009, 16:41 Uhr

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