Bündner Polizeikommandant deckte koksenden Polizisten

Laut der Bündner Regierung funktionierte die Polizei trotz der Alkoholsucht des Ex-Kommandanten Markus Reinhardt einwandfrei. Jetzt zeigt sich: Im Korps wurde gekokst, und es herrschte ein Klima der Begünstigung.

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Der Untersuchungshäftling im Churer Polizeigebäude staunte nicht schlecht: Er kannte den Polizisten, der ihm sein Abendessen in die Zelle brachte – von gemeinsamen Kokain-Partys im Churer In-Lokal «P–1». Das sorglose Verhalten des Polizisten Z.* hatte einen Grund: Er wusste sich gedeckt durch Markus Reinhardt, den Kommandanten der Bündner Kantonspolizei.

Reinhardt, der sich am 26. Januar das Leben genommen hat, war alkoholkrank – und damit erpressbar. Zwar betonen seine politischen Vorgesetzten stets, Reinhardts Arbeit habe nicht unter der Sucht gelitten. TA-Recherchen zeigen jedoch, dass dies nicht stimmt. So tauchte Reinhardt wiederholt betrunken in der WEF-Zentrale in Davos auf. Nun bestätigen mehrere Quellen, dass Reinhardt den Kokainkonsum mindestens eines Polizisten tolerierte und in einem weiteren Fall eine zweifelhafte Beförderung vornahm – weil er auf das Entgegenkommen dieser Leute angewiesen war.

Den Chef in der Hand

Z. arbeitete im Material- und Transport-dienst. An ihn wandte sich Reinhardt, wenn er alkoholisiert mit dem Dienstauto einen Unfall verursacht hatte. Entgegen der Weisungen liess Z. die Blechschäden ohne weitere Abklärung reparieren. Zudem war der Davoser bestens informiert über Reinhardts Trinkverhalten während des WEF: Z. hatte den Kommandanten in der Hand und liess es ihn spüren. Reinhardt dankte es mit der Beförderung zum WEF-Logistikchef und Vize des Bereitschaftsdienstes.

Im Korps war der Kokainkonsum von Z. kein Geheimnis. Ende der 90er-Jahre wurde wegen Aussagen des erwähnten Untersuchungshäftlings polizeiintern gegen Z. ermittelt – auch wegen Dealerei. Ein Fahnder führte die Einvernahme durch, das Protokoll ging an den Kommandanten. Doch der von Reinhardt geschützte Z. blieb im Dienst.

Als das Schweizer Fernsehen 2006 einen Bericht über die Kokainszene in St. Moritz ausstrahlte, wandte sich ein Ex-Polizist ans Fernsehen. Er wies auf den Kokainkonsum im Korps hin, schrieb von allgemeinen Missständen und dem Frust vieler Polizisten. Die Behörden erhielten Kenntnis vom Brief. Auf Ersuchen von Regierungsrat Martin Schmid (FDP) wurde der Ex-Polizist von einem Untersuchungsrichter einvernommen. Er wiederholte seine Vorwürfe, doch nichts geschah. Die Lage änderte sich erst nach Reinhardts Suizid – dafür schlagartig: Weniger als zwei Monate nach dessen Tod wurde Z. Ende März 2010 entlassen. Offizielle Begründung: Er habe die Arbeitszeit nicht korrekt erfasst. Tatsächlich war mit Reinhardts Ableben seine Protektion dahin.

«Führungsproblem im Korps»

Auch Polizist X.* stand in der besonderen Gunst des Kommandanten. Reinhardt benötigte den Mann mit Verbindungen in die Churer Hotellerieszene, um seine Gäste aus Polizei- und Militärkreisen grosszügig zu beherbergen. Zum Dank beförderte Reinhardt seinen Intimus zum Chef der Abteilung Operationen – wo dieser überfordert war. Als schliesslich die Mannschaft aufbegehrte und Reinhardt darüber hinwegsehen wollte, nahmen seine Stellvertreter das Heft in die Hand. Sie wirkten 2008 auf die Absetzung von X. hin. Der Mann liess sich krankschreiben und bezog fast zwei Jahre lang weiter den Lohn.

Laut einem Ex-Polizisten herrschte unter Reinhardt ein «Günstlingssystem». Leute, die ihm nahe standen oder zu viel über seine Sucht wussten, wurden mit Prämien und Beförderungen belohnt. Wer hingegen die Behörden auf Reinhardts Sucht aufmerksam machen wollte, musste mit Sanktionen rechnen. Auch der Untersuchungsbericht der Geschäftsprüfungskommission (GPK) spricht von einem «Führungsproblem im Korps», das es Mitarbeitern schwer gemacht habe, mit ihren Bedenken an den zuständigen Departementsvorsteher zu gelangen.

Handzahmer GPK-Bericht

Seit Reinhardts Tod wird das Korps von einem Stellvertreter geführt. Insider beschreiben den Zustand als «praktisch führungslos». Von mehreren Seiten wird die Befähigung des Stellvertreters zur Ausübung des Amts angezweifelt. Trotzdem wartet die Regierung zu, das Amt auszuschreiben. Offensichtlich will sich niemand vor den Parlaments- und Regierungswahlen vom 13. Juni die Finger verbrennen. Zu stark sind Regierungsrat Martin Schmid (FDP) als früherer Vorgesetzter von Reinhardt und die jetzige Justizdirektorin Barbara Janom Steiner (BDP) wegen ihrer Versäumnisse bereits in die Kritik geraten.

Allzu viel zu befürchten hätten sie indes nicht. Zwar hat Schmid laut GPK «seine Führungsverantwortung nicht genügend wahrgenommen» und eine «verhängnisvolle Unterlassung» begangen, weil er Reinhardts Sucht tolerierte und auf Appelle aus dem Korps nicht reagierte. Und Janom Steiners Nachsicht wird als «naiv» und «zu wenig entschlossen» taxiert. Trotzdem kommt die GPK zum erstaunlichen Schluss, Schmid könne «aus seinem Handeln zum damaligen Zeitpunkt kein Vorwurf gemacht werden», und das Vorgehen von Janom Steiner sei «aus damaliger Sicht nachvollziehbar». Die Regierung nahm diese Einschätzung befriedigt zur Kenntnis. Und sieht auch keinen Anlass, sich zu den hier geschilderten Fällen zu äussern.

* Namen der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.05.2010, 22:46 Uhr)

Alkoholkrank und damit erpressbar: Markus Reinhardt, der sich am 26. Januar das Leben genommen hat.
(Bild: Keystone )

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