Schweiz

Bund bestraft unternehmerischen Mut einer Kinobetreiberin

Von René Staubli. Aktualisiert am 02.10.2012 45 Kommentare

Nadine Crotti schaffte im Sommer 2010 für rund 150'000 Franken einen Digitalprojektor an. Wenig später beschloss der Bund, solche Investitionen mitzufinanzieren – aber erst ab Januar 2011.

Die Digitalisierung hat sie ins Dilemma gestürzt: Nadine Crotti in ihrem Kino Rex in Uznach.

Die Digitalisierung hat sie ins Dilemma gestürzt: Nadine Crotti in ihrem Kino Rex in Uznach.
Bild: Daniel Ammann

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Nadine Crotti sitzt an einem Ecktisch im Uznacher Bahnhöfli, vor sich einen Kaffee, auf dem blauen T-Shirt den eingestickten Schriftzug «Kino Rex 3-D». Im Foyer ihres Kinos gleich nebenan sind Maler an der Arbeit, deshalb reden wir hier. Die 44-Jährige erinnert sich an den Dezember 2009, als «Avatar» in Zürich zum Kassenschlager wurde. «Damals wurde mir klar, dass die Zukunft dem digitalisierten Film gehört», sagt sie. Nur: Um solche Produktionen zeigen zu können, muss ein Kino über einen geeigneten Projektor verfügen.

Ersparnisse angezapft

Im Kino Rex, das die gelernte Personalfachfrau 2004 von ihren Eltern übernommen hatte, arbeitete noch immer ein 35-Millimeter-Projektor riesige Filmspulen ab. Wenn sie ihr Publikum nicht an die direkte Konkurrenz in Wetzikon, Wädenswil, Rapperswil und Einsiedeln verlieren wollte, musste Crotti investieren. Gleichzeitig stand der Entscheid an, ob sie den langjährigen Mietvertrag für das Rex verlängern sollte oder nicht.

Crotti entschied sich für das unternehmerische Risiko. Die Umrüstung auf die digitale Projektion im Juni 2010 kostete rund 150'000 Franken, dazu kamen 50'000 Franken für bauliche Anpassungen. Das ist viel Geld für einen Betrieb, der zwar kostendeckend arbeitet, aber kaum Gewinn abwirft. Die grosse Summe konnte Crotti nur aufbringen, weil sie ihre eigenen Ersparnisse anzapfte und ihre Eltern Pensionskassengelder als Darlehen beisteuerten. Die Familie engagierte sich in diesem Ausmass, weil sie fest mit der finanziellen Unterstützung des Bundes rechnete. Im Bundesamt für Kultur (BAK) wurde seit Monaten über ein Hilfsprogramm diskutiert, um die Digitalisierung zu fördern und damit ein Kinosterben zu verhindern.

Schockierender Beschluss

Im Januar 2011 beschloss der Bund, pro Leinwand maximal 60'000 Franken an die Digitalisierungskosten zu zahlen. Grosse, finanzstarke Kinobetreiber sollten nicht unterstützt werden. Aus dem Förderprogramm ausgeschlossen wurden aber auch all jene Betreiber, die ihre Kinos schon vor dem 1. Januar 2011 umgerüstet hatten.

Für Nadine Crotti war das ein harter Schlag. Sie wandte sich im Februar 2011 direkt an Bundesrat Didier Burkhalter und BAK-Direktor Jean-Frédéric Jauslin. In ihrem Brief beschrieb sie, wie ihre Eltern das Kino Rex 1995 übernommen und über die Jahre mehr als eine halbe Million Franken in neue Technik und die Renovation des Saals mit 227 Plätzen gesteckt hatten. Sie schilderte, wie die Zeit im Sommer 2010 gedrängt habe – «hätten wir uns damals nicht für die Digitalisierung entschieden, wären wir in Bälde gezwungen gewesen, das Kino schweren Herzens zu schliessen». Dies aber hätte nicht nur nachteilige Folgen für das kulturelle Leben in Uznach und Umgebung gehabt, man hätte auch alle Fest- und Teilzeitangestellten entlassen müssen.

Publikum oder Fördergelder?

Jauslin liess sich nicht erweichen, verwies aber auf das Reglement. Kinobetreiber, die vor 2011 digitalisiert hätten, könnten in den Genuss einer reduzierten Förderung von maximal 25'000 Franken pro Leinwand kommen. Allerdings nur, wenn sie die sogenannten Vielfaltskriterien erfüllten. Um die Angebotsvielfalt zu messen, hatte das BAK ein kompliziertes Bewertungssystem aufgestellt. In diesem wirft – beispielsweise – ein Schweizer Film dreimal mehr Punkte ab als ein Hollywoodfilm.

Nadine Crotti schrammt Jahr für Jahr knapp an der geforderten Punktzahl vorbei. Sie steckt in einem unauflösbaren Dilemma, weil sie nur über einen einzigen Saal verfügt: «Wenn ich das Rex so programmieren würde, dass es für Förderbeiträge des Bundes reicht, hätte ich zu wenig Eintritte und könnte schlicht nicht überleben.» Ihre direkten Konkurrenten mit zwei Kinosälen können im grösseren Saal publikumswirksame Filme zeigen und im kleineren punktewirksame. Mit den Eintrittsgeldern und den Förderbeiträgen des Bundes kommen sie über die Runden.

«Ungerechte Behandlung»

Crottis Publikum aus dem Linthgebiet und dem Glarnerland ist weniger an Studiofilmen interessiert denn an Mainstreamproduktionen. Wenn das Rex diese populären Filme nicht zeigt, bleiben die Leute weg und fahren zum nächsten Multiplexkino. Gleichwohl bemüht sich Nadine Crotti um eine möglichst grosse Vielfalt. Sie programmiert regelmässig kleinere Filme aus dem In- und Ausland, macht am ersten Wochenende des Monats ein «Spécial cinéma» mit untertitelten Originalfilmen, veranstaltet Matineen, zeigt Familienfilme und lädt immer wieder Regisseure zu Publikumsdiskussionen ein. Markus Imboden («Der Verdingbub») war da oder Xavier Koller («Dällebach Kari»). Das alles reicht nicht, um die Vorgaben des Bundes betreffend Vielfalt zu erfüllen.

Wenigstens habe sie mit den Gemeinde- und Kantonsbehörden reden können, sagt Nadine Crotti. Diese hätten sich mit 40'000 Franken an den Digitalisierungskosten beteiligt, weil es für die Region wichtig sei, das Kino zu erhalten. Vom Bund jedoch fühle sie sich ungerecht behandelt: «Warum bekommen jene Betreiber Fördermittel, die mit der Digitalisierung ein paar Monate zugewartet haben, wir aber nicht?»

Filmchef Ivo Kummer vom Bundesamt für Kultur sagt: «Aus der Sicht der Betroffenen mag unser Entscheid formalistisch erscheinen. Am Stichtag 1. Januar 2011 wollen wir aber aus Gründen der Rechtssicherheit festhalten.» Kummer hat Verständnis für das Dilemma, in dem Nadine Crotti steckt. Er sagt: «Es ist Sache des Schweizerischen Kinoverbands, solche Probleme aufzugreifen und dem Bundesamt für Kultur Anträge zu stellen. Wir sind gesprächsbereit und ebenfalls daran interessiert, dass ländliche Kinos überleben können.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2012, 06:34 Uhr

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45 Kommentare

Dan Horber

02.10.2012, 07:11 Uhr
Melden 200 Empfehlung 59

Meines Erachtens hat höchstens der Steuerzahler Grund zu jammern. Wieso müssen Kinos subventioniert werden? Antworten


G. Meier

02.10.2012, 08:27 Uhr
Melden 135 Empfehlung 9

Sie hatte einen unternehmerischen Entscheid unter den damals herrschenden Gegebenheiten gefällt. Wieviele umweltbewusste Menschen in unserem Land haben freiwillig in energetische Massnahmen investiert, bevor es Subventionen oder Fördergelder dafür gab? Wer hat nicht im Migros schon eine grössere Anschaffung gemacht + in der Folgewoche wurde dieser Artikel zum halben Preis angeboten? Nicht jammern! Antworten



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