«Da haben wir uns ein Riesenproblem eingebrockt»

Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 24.11.2009 254 Kommentare

Drängt die Personenfreizügigkeit Schweizer Arbeitskräfte aus ihren Jobs? Laut Ökonom Reiner Eichenberger führt die Zuwanderung zu einem erhöhten Lohndruck - und bringt die Schweiz an den Anschlag.

Zuwanderung in die Schweiz

Zuwanderung in die Schweiz


Quelle: (BFM)


«Da haben wir ein Riesenproblem»: Ökonom Reiner Eichenberger.

«Da haben wir ein Riesenproblem»: Ökonom Reiner Eichenberger.

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Zur Person

Prof. Reiner Eichenberger, 48, ist Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Freiburg. Er ist zugleich auch Forschungsdirektor von CREMA (Center for Researchin Economics, Management and the Arts) und Mitherausgeber von «Kyklos», einer renommierten Zeitschrift für Volkswirtschaft. Eichenberger gilt als liberaler Vordenker auf dem Gebiet der politischen Ökonomie.

Herr Eichenberger, die SVP will die Personenfreizügigkeitsverträge mit der EU aufkündigen, weil die Schweiz die Masseneinwanderung nicht mehr tragen könne. Hat sich die Personenfreizügigkeit in der Schweiz nicht bewährt?
Es kommt drauf an, was man als Ziel definiert. War es die Öffnung der Arbeitsmärkte, welche die Personenfreizügigkeit bezweckte? Falls ja, dann wurde dieses Ziel klar erreicht. Nur muss man sich dann nicht wundern, wenn die Leute scharenweise in die Schweiz kommen, weil hier die Löhne höher sind als im umliegenden Ausland.

Befürworter der Personenfreizügigkeit versprachen stets, dass die Zuwanderung in der Rezession automatisch abnehme. Genau das geschieht aber nicht. Warum?
Die ausländischen Arbeitskräfte kommen wegen der hohen Lebensqualität in die Schweiz. Nicht nur die Löhne sind hier höher. Auch die Zukunftsaussichten sind deutlich besser als in den umliegenden Ländern. In der Krise haben sich die Aussichten gar noch zugunsten der Schweiz verschoben: In Deutschland etwa müssen die Arbeitnehmer mit einer noch stärkeren Besteuerung rechnen, weil die Verschuldung des Staates dort weit mehr zugenommen hat als in der Schweiz.

Trotzdem: Auch in der Schweiz sind kaum mehr Arbeitsplätze verfügbar.
Das Problem liegt heute nicht in erster Linie in der Zuwanderung, hier hat der Druck ein wenig nachgelassen. Aber die ausländischen Arbeitskräfte wollen die Schweiz nicht mehr verlassen. Logisch: In ihrer Heimat finden sie heute keine bessere Stelle als in der Schweiz. Wer also glaubte, dass diese Leute in ihre Heimat zurückkehren, als die Rezession nahte, war völlig naiv. Früher wurden die ausländischen Arbeitskräfte bei schlechter Konjunktur auf die Strasse gestellt und sie verloren das Aufenthaltsrecht schnell. Heute ist die Situation eine andere.

Es kommen aber auch immer noch mehr als tausend Deutsche pro Monat in die Schweiz.
Das schon. Trotzdem aber ist der Druck kleiner geworden. Das wird sich wohl aber schnell ändern, wenn die Konjunktur wieder anzieht: Dann dürfte die Einwanderung wieder stark zunehmen. Denn in der Krise wurden die Arbeitnehmer im EU-Raum mobilisiert. Wer seine Stelle verloren hat oder sie als gefährdet betrachtet, hält heute auch im nahen Ausland nach einem neuen Job Ausschau.

Welche Auswirkungen hat die anhaltende Zuwanderung auf die Löhne und die Arbeitslosigkeit?
Kurzfristig ist klar, dass der Lohndruck steigen wird. Das führt zu sinkenden Lohnkosten für die Firmen; die Schweiz gewinnt damit als Firmenstandort an Attraktivität und zieht vermehrt ausländisches Kapital an. Dank den ausländischen Arbeitskräften entstehen also auch neue Arbeitsplätze in der Schweiz. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung, zugleich aber auch die Anzahl an Arbeitsplätzen.

Die Zuwanderung beschert der Schweiz also Wachstum?
Aufgepasst: Die Gesamtwirtschaft wächst zwar, für den Einzelnen bessert sich die Situation aber nicht. Sein Einkommen pro Kopf bleibt unverändert. Darum ist es auch falsch, dass manche Bundesstellen immer wieder verkünden: «Wirtschaftswachstum dank Zuwanderung». Die Zahlen sind nämlich nie pro Kopf gerechnet.

Wird die Schweizer Wirtschaft dank der Öffnung der Arbeitsmärkte denn nicht produktiver?
Möglicherweise schon. Wenn viele hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Schweiz einwandern, wird die Schweizer Wirtschaft flexibler und die Produktivität steigt. Davon können auch die unproduktiven Arbeitskräfte allenfalls profitieren. Aber: Wenn die Bevölkerung wegen der Zuwanderung weiterhin um 1,4 Prozent zunimmt, gelangt die Schweiz an ihre Kapazitätsgrenze, mit all den bekannten negativen Auswirkungen auf die Natur und die Menschen.

Der Ökonom Rudolf Strahm befürchtet, dass die Sockelarbeitslosigkeit auch nach der Krise hoch bleiben wird. Denn wer jetzt seine Stelle verliere, könne nicht mehr darauf hoffen, in besseren Zeiten wieder eingestellt zu werden, da die Unternehmen im Ausland billigere Arbeitskräfte finden können.
Ich gehe davon aus, dass Schweizer weiterhin eingestellt werden – aber sie können nicht höhere Lohnforderungen stellen, als die ausländischen Arbeitskräfte. Die Frage ist nun, ob die Schweizer das mitmachen. Sie haben ja auch die Alternative arbeitslos zu bleiben, oder gar Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Eine vierköpfige Familie erhält heute immerhin 6000 Franken Sozialhilfe.

Welche politische Lösung propagieren Sie als Ökonom?
Angesichts der offenen Arbeitsmärkte sind wir nicht in der Lage, die Zuwanderung so zu steuern, dass tatsächlich nur die Elite in unser Land kommt. Mit anderen Worten: Da haben wir uns ein Riesenproblem eingebrockt.

Sollte die Schweiz also tatsächlich die Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU neu aushandeln?
Solange wir die Verträge haben, sind uns die Hände gebunden. Das Abkommen lässt meines Wissens nicht allzu viel Spielraum offen. Das Krisenszenario der SVP, die Verträge zu kündigen, ist meines Erachtens weniger schlimm, als befürchtet. Ich bin überzeugt, dass die EU durchaus Verständnis für unsere Anliegen hätte, wenn die Bevölkerung in der Schweiz weiterhin um 1,4 Prozent ansteigt. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass die Schweiz ihr Anliegen geschickt kommuniziert. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2009, 11:41 Uhr

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254 Kommentare

oliver keller

25.11.2009, 15:16 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Hm, wir Helvetier waren schon immer der weniger erfolgreiche Stamm als unsere keltischen Cousins aus dem Norden. Was mir hier immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass Berufsbildung in der CH gerade soweit stattfindet, dass jemand Sklave sein kann, nicht jedoch als Mitbewerber aktiv werden könnte. Deutsche sind meist besser ausgebildet und können sich besser vermarkten, sorry für uns Helvetier! Antworten


Martin Müller

25.11.2009, 09:52 Uhr
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Mehr Menschen bedeutet mehr Markt und mehr Dienstleistungen, der Wirtschaftsraum wächst. Früher oder später sinken also die Arbietslosen zahlen wieder. Es gibt ja auch Länder mit mehr Einwohner als die Schweiz die auch einen funktionierendes Wirschaftssystem haben. Ein Problem entsteht aber sicher beim knapp- und teurer werdenden Wohnraum. Antworten



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