Schweiz

«Dann wird es verdammt schwierig»

Von Martin Wilhelm. Aktualisiert am 11.02.2016

Ein Stellenabbau nach dem anderen: Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, sieht nur eine Lösung.

Fordert die Nationalbank zum Handeln auf: SGB-Chefökonom Daniel Lampart.

Fordert die Nationalbank zum Handeln auf: SGB-Chefökonom Daniel Lampart.
Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Herr Lampart, laut Bundesrat Johann Schneider-Ammann muss sich die Schweiz auf eine höhere Arbeitslosigkeit einstellen. Sehen Sie das auch so?
Die Schweiz ist fast das einzige Land in Europa, wo die Arbeitslosigkeit steigt. Wenn sich der Franken nicht abschwächt, wird sich diese besorgniserregende Entwicklung fortsetzen. Zurzeit überlagern sich zwei Effekte. Erstens drückt der starke Franken nach wie vor auf die Exportwirtschaft. Firmen wie Bucher lagern deshalb Produktionsbereiche aus oder schliessen ganz. Zweitens befinden sich Firmen wie die Zurich und die Credit Suisse zwar in der Gewinnzone, sind mit ihren eigentlich komfortablen Gewinnen aber nicht zufrieden. Sie wollen ihre Gewinne weiter erhöhen – auf Kosten des Personals.

Wirtschaftsminister Schneider-Ammann wird von links immer wieder kritisiert. Er reagiere auf die Ankündigung von Abbauplänen resigniert oder gar verständnisvoll. Könnte ein kämpferischer Schneider-Ammann mehr bewegen?
Entscheidend ist nicht der Auftritt des Wirtschaftsministers, sondern das Handeln des Bundesrats. Dieser muss im Austausch mit der Nationalbank nun klare Signale senden, dass der starke Franken der Wirtschaft schadet und deshalb etwas passieren muss. In zwei Punkten könnte sich Bundespräsident Schneider-Ammann aber sehr wohl als Akteur einbringen: Erstens sollten die Firmen freie Arbeitsplätze obligatorisch den Arbeitsämtern melden müssen. Zweitens schlagen wir vor, dass ältere Arbeitnehmer, die schon lange in ihrem Betrieb arbeiten, einen besseren Kündigungsschutz erhalten.

Wie Sie gesagt haben, hat der Stellenabbau nicht in allen Fällen dieselbe Ursache. Alstom beispielsweise gab als Grund für die Abbaupläne die trüben Geschäftsaussichten im Turbinengeschäft an. Welchen Anteil hat denn die Aufhebung des Euromindestkurses an der steigenden Arbeitslosigkeit?
Seit der Aufhebung des Mindestkurses sind über 13'000 Personen arbeitslos geworden. Die Arbeitslosigkeit steigt nur, weil wir über eine überbewertete Währung verfügen. Das zeigt sich einerseits im Vergleich mit Baden-Württemberg oder Bayern, in denen die Arbeitslosigkeit sinkt. Andererseits zeigt die Statistik, dass die Industrie, Fachkräfte, ältere Mitarbeiter und mit dem Jurabogen und der Ostschweiz industrielle Regionen von der steigenden Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind.

Werden die Stellen, die heute in der Industrie verloren gehen, je wieder geschaffen werden?
Wenn sie wieder geschaffen werden, dann wird es lange dauern. Wir hatten in den 2000er-Jahren wieder viele Ansiedlungen von Industriebetrieben, nachdem Mitte der 90er-Jahre viele Industriearbeitsplätze abgebaut worden waren. Es dauerte aber lange.

Linke und Gewerkschaften setzen zum Erhalt von Arbeitsplätzen auf die Wiedereinführung eines Euromindestkurses. Können Sie da wirklich mit einem Erfolg rechnen?
Mittlerweile fordern auch Arbeitgeberorganisationen eine vernünftig bewertete Währung, beispielsweise die Hoteliers oder Swissmem. Economiesuisse, die behauptet, der Frankenschock sei überwunden, steht ziemlich allein da. Wenn der Franken wieder vernünftig bewertet wäre, wäre schlagartig alles anders. In Baden-Württemberg und Bayern läuft es gut. Ich habe schon von Firmen gehört, die sich freuen, dass die Schweizer Konkurrenten das Frankenproblem haben und Marktanteile verlieren.

Angenommen, die Nationalbank bewegt sich nicht. Wie lautet dann Ihre Strategie?
Dann wird es verdammt schwierig. Die Kosten kann man nicht weiter senken. Die Löhne in der Industrie sind heute schon zu tief. Deshalb hat sie einen Fachkräftemangel. Man kann ein Währungsproblem nicht durch eine ganz andere Massnahme lösen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2016, 19:43 Uhr

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