«Das Ergebnis ist der Schweiz unwürdig»

Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 29.11.2009

Durch die Annahme der Anti-Minarett-Initiative fühlen sich die Muslime in der Schweiz weniger willkommen, sagt Muslimvertreter Farhad Afshar.

«Dies ist ein demokratisches Plebiszit, daher werden wir es auch akzeptieren»: Farhad Afshar.

«Dies ist ein demokratisches Plebiszit, daher werden wir es auch akzeptieren»: Farhad Afshar.
Bild: Keystone

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Farhad Afshar

Farhad Afshar ist Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz KIOS und lehrt in Bern Soziologie. Er ist einer der führenden Köpfe unter den Muslimen der Schweiz.

Das Schweizer Volk sagt deutlich Ja zu einem Verbot von Minaretten. Was sagen sie dazu?
Eines vorweg: Dies ist ein demokratisches Plebiszit, daher werden wir es auch akzeptieren. Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative verletzt jedoch Grundrechte der Schweizer Verfassung und widerspricht der Tradition des Minderheitenschutzes. Das Ergebnis ist der Tradition und der Geschichte der Schweiz unwürdig, denn man setzt eine Minderheit unter Druck und erlässt Ausnahmegesetze.

Umfragen vor der Abstimmung deuteten auf ein Nein hin. Wie erklären Sie sich den überraschenden Meinungswandel in der Bevölkerung?
Den Initianten ist es gelungen, die Ängste, die man im Ausland gegenüber dem Islam hat, auf die Schweiz zu übertragen. Andere Länder in Europa wären froh, sie hätten eine solche islamische Gemeinschaft. Hierzulande sind die Muslime stark integriert, gerade im Vergleich zu Frankreich und Deutschland. Das Resultat liegt also nicht an den Muslimen, die in der Schweiz leben.

Haben sich die Gegner der Initiative für ihr Anliegen zu wenig stark gemacht?
Ja. Zwei Gruppen haben die Initiative unterschätzt: Die Parteien haben sich viel zu zurückhaltend eingeschaltet. Und die Wirtschaft hat die Konsequenzen einer Annahme zu wenig berücksichtigt und sich passiv verhalten.

Warum haben sich die islamischen Gemeinschaften im Abstimmungskampf nicht stärker engagiert?
Die Frage ist berechtigt. Wir haben aber stets gesagt, dass die Initiative eine politische Sache ist. Es steht einer Glaubensgemeinschaft nicht an, sich in die Politik einzumischen.

Experten sagen, dass ein Minarettverbot rechtlich gar nicht durchsetzbar ist.
Ja, das wird sich nun schnell zeigen. Die Initiative verletzt das Völkerrecht und internationale Verträge, an welche die Schweiz gebunden ist; zum Beispiel die Menschenrechtskonvention. Möchte die Schweiz die Initative umsetzen, könnte das dazu führen, dass sie gewisse Verträge kündigen müsste.

Was bedeutet die Annahme für das Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Schweiz?
Die Muslime, die sich integriert haben, friedlich leben und ihre Religion praktizieren wollen, werden sich weniger akzeptiert fühlen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2009, 15:39 Uhr

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