Schweiz
Das Genfer Leiden am Tram
Von Seraina Gross, Genf. Aktualisiert am 16.01.2012 5 Kommentare
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«Alle Linien machen Sorgen», sagt die Frau, freundlich, aber leicht verzweifelt, auf die Frage, ob diese Linie hier, die Zwölf, das Problemkind sei. Es ist Freitagabend, fünf Uhr, Haltestelle Bel-Air im Genfer Banken- und Einkaufsviertel. Genf drängt ins Wochenende. Hinter Glasfassaden werden Mäntel von Stuhllehnen genommen und Schäle schwungvoll um empfindliche Hälse geschlungen. Lichterlöschen.
Der Steg der Tramhaltestelle füllt sich mit müden Gestalten. Gut gekleidete Männer wippen langsam auf zusammengepressten Füssen auf und ab, Frauen verfluchen den Morgen, als sie sich gegen Wollhose und gefütterte Winterstiefel entschieden. Fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Eine leicht bekleidete Frau balanciert auf Zwanzig-Zentimeter-Absätzen schimpfend durch die Menge ihrem Arbeitsort entgegen, wohl im Paquis, wo die Lichter rot sind. Nach zwanzig Minuten nehmen die ersten den Weg unter die klammen Füsse. Immer noch kein Tram.
Katzenjammer statt Freude
Was den SBB und den Verkehrsbetrieben anderer Städte alle paar Jahre scheinbar spielend gelingt, gerät in Genf zum Desaster: der Ausbau des Angebots. Vor gut einem Monat hat Genf sein Tramnetz neu und grösser geknüpft. Der Fahrplanwechsel im Dezember sollte ein Meilenstein werden auf dem Weg zur Entwöhnung der Genfer vom Auto; nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man ihnen das Tramfahren ja fast ganz ausgetrieben. Stattdessen: Katzenjammer. Vor allem zwei Stellen sind wund, Bel-Air und Plainpalais. In Stosszeiten scheitern hier Tramzüge an Autos, die auf Tramschienen festsitzen.
Im Falle von Bel-Air ist das erstaunlich: Der Platz ist seit zwanzig Jahren autofrei, doch das Fahrverbot wird nicht eingehalten. 1000 Autos zirkulierten jeden Tag widerrechtlich auf dem Platz, sagt die verantwortliche grüne Regierungsrätin Michèle Künzler. Als sie 2009 ihr Amt angetreten habe, seien es noch 5000 gewesen, und sie werde alles daransetzen, die Zahl auf null zu drücken. Das aber dürfte zumindest im Moment schwierig werden. Genf schlägt sich in diesen Tagen nämlich nicht nur mit stehenden und ausfallenden Trams herum. Auch bei der Polizei ist Sand im Getriebe. Die Polizisten sind aus Protest gegen ihre Arbeitsbedingungen im Bussenstreik.
Derweil läuft die Suche nach den Gründen für das Desaster auf Hochtouren. Künzler warb diese Woche in einem Interview mit der Radio de la Suisse Romande um Verständnis. Genf erlebe einen gewaltigen Wachstumsschub. «Wir machen einen entscheidenden Moment durch», sagte sie. Der freisinnige Grossrat Jacques Jeannerat glaubt die Erklärung in der Tatsache zu finden, dass Genf am Schnittpunkt von Frankreich und der Schweiz liege. «Wir haben beide Mentalitäten in uns, die französische und die schweizerische.»
Bürgerinitiative und Demonstration
In den Leserbriefspalten entlädt sich derweil der Ärger: «fiasco», «dangereux», «scandal» wird den Verkehrsbetrieben tpg (Transports publics genevois) hier entgegengeschmettert. Einer tauft die tpg kurzerhand in «Transports pénibles genevois» um, wie «Le Matin» schreibt. Eine Sophie Anne Roh lanciert eine Bürgerinitiative; am ersten Wochenende im neuen Jahr wird demonstriert.
Anfang vergangene Woche hat der Genfer Staatsrat einige Anpassungen vorgenommen. Ob sie ausreichen? Zweifel sind angebracht. Im Raum steht eine Rückabwicklung des Aus- und Umbaus vom Dezember. Die verantwortliche Staatsrätin Künzler sträubt sich vorläufig noch dagegen und nimmt stattdessen die tpg in die Pflicht. Es dürfe nicht mehr vorkommen, dass Trams auf halber Strecke umkehrten. Sie verspricht: «Wir werden das zum Funktionieren bringen.» Künzler spricht lieber von den Verbesserungen, welche die Umstellung vom Dezember gebracht habe; etwa den Drei-Minuten-Takt nach Meyrin oder die Verlängerung der Tramlinie von Onex nach Bernex.
Es funktioniert bereits
Fahren wir deshalb zum Schluss die Strecke nach Bernex ab. Es ist eine zügige Fahrt, auf einer dezent mit Schotter und Stein abgetrennten Fahrspur, vorbei an stimmungsvoll erleuchteten Haltestellen, an denen Jugendliche auf das Tram warten, das sie in den Ausgang bringt. Das ist das andere Genf: elegant, stilvoll, dynamisch. (Basler Zeitung)
Erstellt: 16.01.2012, 07:39 Uhr
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5 Kommentare
Erfreulich,haben zumindest die Basler Weitsicht gezeigt und in den 50er und 60er Jahren nicht alle Schienen aus dem Boden gerupft. Bei uns gilt: nur jeder zweite Haushalt hat ein Auto; viele benützen den ÖV;das entlastet die Strasse,sie ist - auch dank attraktiven Velowegen - für Velofahrer sicher. Ob das der Grund ist,dass Basel gemäss BaZ vom Sonntag schweizweit die höchste Veloladen-Dichte hat? Antworten
Auch hier würde passen, was ich mir für alle ÖV-Fahrzeuge in vielen Städten wünschen würde. Den Einsatz von stabilen Stosstangen am Fahrzeug um einfach alle Autos wegzuschieben, die im Bereich des ÖV nichts zu suchen haben und widerrechtlich ÖV-Spuren, Schienen und Bushaltestellen blockieren. Das wäre effektiv und lehrreich. Antworten
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