Schweiz
Das Mutterland und seine Kolonie
Von Markus Somm. Aktualisiert am 28.01.2012 29 Kommentare
BaZ-Chefredaktor Markus Somm. (Bild: Keystone )
Artikel zum Thema
- Keine Garantien von den USA
- «Ein historischer Moment»
- Wie die US-Justiz die älteste Schweizer Privatbank knackte
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Es ist vielleicht das Ende einer wunderbaren Freundschaft. Mit der erzwungenen Selbstzerstörung der Bank Wegelin, der ältesten und einer der besten Privatbanken der Schweiz, hat Amerika unser Land auf eine Art und Weise malträtiert, wie es noch vor dreissig Jahren undenkbar gewesen wäre. Das kleine, solide, erzkapitalistische und doch neutrale Land zwischen den Blöcken, das insgeheim so viele nützliche Dienste für die westliche Vormacht geleistet hatte: In Washington zählt die Schweiz der Gegenwart nichts mehr. Wir sind Kanonenfutter, Zahlmeister, reicher Neffe, Ketzer und Lotteriefonds zugleich für eine Grossmacht, die sich finanziell übernommen hat – und nun mit einer selten scheinheiligen Mischung von Gier und Moral seine eigenen Steuerhinterzieher über den Globus jagt, um sie am Ende dazu zu nötigen, ihr Geld in die USA zurückzuführen.
Die Sünden der andern
Scheinheilig ist dieser Kreuzzug, weil Amerika im eigenen Land selbst sehr wenig gegen die nach wie vor diversen Steuerhinterziehungsoptionen unternimmt. Ob Delaware oder Nevada, ob Trusts oder andere Schlaumeiereien: Solange man das unversteuerte Geld in den USA versteckt, ist alles in Ordnung. Als unlängst ein paar amerikanische Politiker darauf gedrängt hatten, diese blühenden heimischen Steueroasen trockenzulegen, indem man die Regeln, die man nun den Schweizer Banken aufzwingt, ebenfalls anwendet, regte sich sofort Widerstand. Mit der Warnung, damit die vielen schwarzen Gelder aus Lateinamerika aus den USA zu vertreiben, setzten sich die amerikanischen Banken durch. Das Unterfangen scheiterte.
Warum haben die Teilhaber der Bank Wegelin, die 1741 in St. Gallen gegründet worden war und die seither stets einen Teil der Identität und des Stolzes dieser Stadt verkörpert hatte, warum haben überaus tüchtige Bankiers wie Otto Bruderer oder Konrad Hummler aufgegeben? Zur Stunde kann man nur spekulieren. Gesicherte Informationen sind wenig zu erhalten. Offensichtlich schien das Risiko, dass die Amerikaner eine Klage anstrengten, gross. Zu gross. Aus Verantwortung gegenüber den eigenen Mitarbeitern haben Bruderer und Hummler ihr «Lebenswerk», wie sie es selber formulieren, aufgespaltet, um einen ungefährdeten Teil an die ehemalige «Bauernbank» Raiffeisen zu verkaufen und den andern, das scheint absehbar, zu liquidieren. Es ist den Amerikanern gelungen, eine kleine, aber feine Privatbank in der Schweiz wie mit einer Fernzündung in die Luft zu sprengen.
Komplizen, Halunken, Heuchler
Zu Recht? Hat die Bank Wegelin leichtfertig gehandelt, als sie, so muss man annehmen, seinerzeit viele amerikanische Kunden der UBS übernommen hatte? Man wird das vielleicht nie erfahren. Noch gehe ich davon aus, dass die Bank Wegelin nie schweizerisches Recht verletzt hat. Noch überwiegt der Eindruck, dass die Amerikaner eine Praxis, die sie jahrzehntelang mit Augenzwinkern geduldet hatten, plötzlich nicht mehr akzeptieren wollten, als sie die eigene Haushaltslage zu sehr bedrückte. Denn alle Beteiligten – amerikanische Steuerbehörden, amerikanische Politiker, Schweizer Bankiers und amerikanische Steueranwälte – wussten um die Schlupflöcher, die das amerikanische Recht den eigenen Bürgern offerierte. Nicht von ungefähr galten Reisen in die Schweiz unter fast allen Wohlhabenden und Erfolgreichen als besonders schick – man nannte Zermatt und schwärmte vom Skifahren, meinte aber Zürich oder Genf und seine im Tiefen ruhenden Tresore.
Dass Mitt Romney und Newt Gingrich, zwei der aktuellen republikanischen Präsidentschaftskandidaten, persönlich ein Konto bei der UBS unterhalten haben, was sie heute unter Tränen gestehen und bedauern, als handle es sich um eine verheimlichte Liebesaffäre, zeigt, wie verbreitet diese kleine Finanzflucht in der amerikanischen Elite war. Eine neue Epoche ist angebrochen. Wie ein böses Omen wirkt das ruhmlose Ende von Wegelin, der ältesten Bank der Schweiz, deren Anfänge bis ins 15. Jahrhundert reichen.
Hat der schweizerische Finanzplatz eine Zukunft? Wir werden es sehen. Leider sind sich sehr viele Schweizer seit Langem nicht mehr bewusst, wie viel Wohlstand wir unseren Banken zu verdanken haben, indem sie Leuten einen Unterschlupf geboten haben, die in ihrer Heimat die Steuern für zu hoch oder die Politiker für zu unberechenbar hielten. Mag sein, dass dieses «Geschäftsmodell» nicht mehr nachhaltig war. Doch Zweifel kommen auf, wenn man daran denkt, dass Singapur im Begriff ist, zum mächtigsten Offshore-Platz der Welt aufzusteigen und die Schweiz zu beerben. Was uns die Amerikaner als moralisch dubios eingeredet haben, raubt den Bankiers in Singapur keinen Schlaf. Als die USA auch Singapur unter Druck setzten, stellten sich die dortigen Diktatoren taub. Rasch liess Amerika ab, weil hinter Singapur das grosse China steht.
Selbstmord aus Todesangst
Die Schweiz dagegen stand allein und – das verblüfft am meisten – tat auch alles, um möglichst schwach zu wirken. In Anbetracht der historischen Erfahrung, dass der Kleinstaat und Sonderling, der wir sind, das immer wieder erlebt hat, nämlich die Isolation, ist es geradezu deprimierend, wie desolat, wie ungelenk, wie ungeschickt wir uns anstellten. Man kapitulierte, bevor die Amerikaner auch nur in Sichtweite auftauchten. Aus Angst vor dem Tod beging man Selbstmord.
Intern haben viele Kritiker des Bankgeheimnisses seit Jahren – sicher in den Medien – die Oberhand gewonnen. Ob sie je eine Mehrheit der Schweizer von ihrer Skepsis überzeugt haben, ist offen. Mag sein, dass auch die Bevölkerung lieber anständig und ärmer ist – abgestimmt haben wir bisher noch nie über die faktische Abschaffung des Bankgeheimnisses, die wir jetzt erleben. Früher waren linke Begehren in diese Richtung stets chancenlos. Wenn wir schon die Zukunft des Finanzplatzes zur Disposition stellen, dann lieber aufgrund von Mehrheitsentscheiden und nicht aufgrund von Verhandlungen im Geheimen, in Washington oder in Bern, über die wir kaum je ein relevantes Detail erfahren.
Dass über den UBS-Staatsvertrag mit den USA seinerzeit keine Volksabstimmung stattgefunden hat, erweist sich jetzt als Fehler. Damals den Amerikanern nachzugeben und die eigenen Kunden zu verraten und deren Daten nach Übersee zu liefern, machte jedermann in Washington klar: Die Schweiz ist sturmreif. Sie wehrt sich nicht. Sie hat sich damit abgefunden, zu einer Art Kolonie abzusinken, wo das eigene Recht wenig gilt, das amerikanische aber alles. Willkommen in US-Switzerland. (Basler Zeitung)
Erstellt: 28.01.2012, 08:54 Uhr
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Die Bank Wegelin hat weltweit zu Steuerdelikten angestiftet und geholfen. Die Bank Wegelin hat den Finanzplatz Schweiz und die Schweiz in Verruf gebracht - zusammen mit den anderen Banken, welche das Bankgeheimnis für Steuerdelikte missbrauchen. Schweizer und die Schweiz gelten im Ausland als Gangster - wegen den Banken. Antworten
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