Schweiz

«Das Nein ist wohl Ausdruck eines Bauchgefühls»

Interview: Stefan Häne. Aktualisiert am 24.09.2012 104 Kommentare

Die Lungenliga befürchtet, ihre Initiative könnte zum Eigengoal werden. Dennoch glaubt ihr Präsident, dass sich die Schweiz früher oder später dem globalen Trend zum Nichtrauchen anpassen wird.

Die Entscheidung, ob im Fumoir eine Bedienung zugelassen werden soll, obliegt weiterhin den Kantonen: Restaurant in Bern. (Archivbild)

Die Entscheidung, ob im Fumoir eine Bedienung zugelassen werden soll, obliegt weiterhin den Kantonen: Restaurant in Bern. (Archivbild)
Bild: Keystone

Rolf A. Streuli: Der 68-jährige Facharzt für innere Medizin präsidiert seit 2010 die Lungenliga Schweiz.

Genfer Jean Barth gibt nicht auf

Trotz des deutlichen Neins zu einem strengeren Rauchverbot geben die Urheber einer weiteren Volksinitiative zum Schutz vor dem Passivrauchen nicht auf. «Wir halten jetzt erst recht an der Initiative fest», betonte der Vater des Begehrens, der Genfer Jean Barth, am Sonntag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Die Initiative «Schutz der Gesundheit vor dem Passivrauchen» war im Frühjahr von einer Genfer Gruppe eingereicht worden. Sie fordert ein Verbot des Rauchens an allen öffentlichen Räumen. Ausnahmen gelten einzig für Gefangene und Insassen von Spitälern und Pflegeheimen. Zudem soll das Rauchen im Freien verboten werden, wenn dies «zum Schutz gewisser Personengruppen erforderlich» ist, so der Wortlaut der Initiative.

Seit Juni läuft die Sammelfrist. «Die Unterschriftensammlung läuft sehr gut», sagte Barth, ohne Zahlen zu nennen. Er bestreitet, dass die Volksinitiative weiter geht als das abgelehnte Begehren der Lungenliga. «Die Initiative ist präziser und verlangt nicht mehr als die Umsetzung der Normen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).»

Barth ist davon überzeugt, dass die Initiative Chancen beim Stimmvolk hat. «Die öffentliche Meinung dreht sehr schnell, wenn die Leute über die Gefahren des Passivrauchens informiert sind», erklärte er. Man müsse daher die Überzeugungsarbeit fortsetzen. (sda)

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Herr Streuli, Ihre Initiative war beim Stimmvolk ohne Chance. War sie zu radikal?
Offenbar. Der Schutz vor dem Passivrauchen ist in der Bevölkerung zwar populär. Entscheidend war aber wohl die Angst, dass die Initiative eine Vorstufe zur totalen Prohibition sein könnte.

Die im Juni lancierte Volksinitiative der Schweizerischen Liga gegen das Passivrauchen fordert ein totales Rauchverbot am Arbeitsplatz und zum Teil unter freiem Himmel. Hat das Ihrer Initiative geschadet?
Ja. Der Lungenliga geht diese Initiative zu weit. Wir haben das im Abstimmungskampf wiederholt betont. Die Schweizer haben immer schon allergisch auf fanatische Bewegungen reagiert. Sie treten deshalb frühzeitig auf die Bremse, wenn diese überhandzunehmen drohen.

Werden Sie die Initianten um den Genfer Jean-Alain Barth auffordern, die Initiative zurückzuziehen?
Wir werden in unserem Vorstand das weitere Vorgehen diskutieren. Ob wir das Gespräch suchen werden, kann ich noch nicht sagen. Ich hoffe, dass die Initianten ihr Anliegen nun fallen lassen.

Nach dem heutigen Nein könnten nun strengere Rauchverbote in einzelnen Kantonen unter Druck kommen. Wird Ihre Initiative zum Eigengoal?
Diese Angst habe ich tatsächlich. Eine Minderheit in unserem Vorstand hat vor diesem Szenario gewarnt und war deshalb gegen die Lancierung unserer Initiative. Wir bereuen aber nichts. Unsere Kampagne hat die Öffentlichkeit in den letzten Wochen für die Gefahren des Passivrauchens sensibilisiert. Den Kantonen bleibt es zudem weiterhin freigestellt, von sich aus strengere Regeln einzuführen. Das ist erfreulich. Wir haben die Schlacht verloren, aber nicht den Krieg.

Das klingt nach Durchhalteparolen.
Keineswegs. Betrachten wir die Entwicklung in den westlichen Ländern, etwa in den USA oder in Italien, so ist der Trend klar: Der Schutz vor dem Passivrauchen erhält immer grösseres Gewicht. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns alle Gastronomiebetriebe rauchfrei und nur noch unbediente Fumoirs erlaubt sind. Ich rechne mit fünf bis zehn Jahren.

Gegen Ihre These spricht, dass ausser Genf die welschen Kantone mit den heute strengsten Rauchverboten Ihre Initiative verworfen haben.
Ich interpretiere das nicht als Zeichen gegen einen verstärkten Schutz vor Passivrauchen. Das Nein ist wohl mehr Ausdruck eines Bauchgefühls: Jetzt ist genug mit staatlichen Eingriffen!

In elf Kantonen bleiben Raucherlokale weiterhin erlaubt. Wird die Lungenliga dort nun mit kantonalen Initiativen ein schärferes Rauchverbot einfordern?
Nein. Dies würde als Zwängerei ausgelegt und wäre entsprechend chancenlos. Die kantonalen Sektionen der Lungenliga werden mit unserer Hilfe aber dagegen kämpfen, falls die bestehenden Gesetze zum Schutz vor dem Passivrauchen gelockert werden sollten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2012, 17:53 Uhr

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104 Kommentare

Roger Pellaton

23.09.2012, 18:45 Uhr
Melden 194 Empfehlung 1

Richtig erkannt, Herr Streuli: Gerade viele Nichtraucher (wie ich) haben gegen die zunehmende Kriminalisierung der Raucher gestimmt. Noch ein Gesetz, noch ein Verbot... – das will kaum jemand. In dieser Hinsicht ist auf das Stimmvolk Verlass. Zum allgemeinen Verständnis der Freiheit gehört in hohem Masse auch Eigenverantwortung. Spricht man das den Leuten ab, hat man sie gegen sich! Antworten


will williamson

23.09.2012, 18:54 Uhr
Melden 159 Empfehlung 1

Dass das Nein zu dieser Initiative einfach auf ein Bauchgefühl zurück zu führen ist, trifft vermutlich nicht zu. Eher ist es Ausdruck dafür, dass die Leute das Rauchverbot als weitere Einschränkung der persönlichen Freiheit empfinden, der sie einen Riegel vorschieben wollen. Antworten



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