Schweiz

Das Schweigen des Sängers

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 24.04.2010

Der französische Chansonnier Charles Aznavour ist Botschafter der Republik Armenien in der Schweiz. Aber zum heutigen 95.Jahrestag des Völkermords an den Armeniern schweigt er. Oder besser: Er muss schweigen.

Lebt in der Nähe von Genf: Charles Aznavour. (AFP)

Gedenkfeiern

Zehntausende Armenier haben am Samstag der Opfer der Massaker an ihren Landsleuten vor 95 Jahren gedacht. In einer Prozession marschierten sie in der Hauptstadt Eriwan zu einem Mahnmal für die Opfer der Verbrechen im Osmanischen Reich, um Blumen niederzulegen. Bei einer feierlichen Zeremonie bekräftigte Präsident Sersch Sarkisian die armenische Forderung nach internationaler Anerkennung der Massaker als Völkermord. Er danke all denen, "die in so vielen Ländern, auch der Türkei, (...) in diesem Kampf mit uns stehen", sagte Sarkisian. Es gebe "keine Alternative" zu dem Prozess der Anerkennung als Genozid. Bereits am Vorabend waren rund 5000 Menschen in Eriwan auf die Straße gegangen. Sie zogen mit Fackeln und Kerzen zu dem Denkmal für die Opfer der Massaker, schwenkten armenische Fahnen und forderten lautstark die Anerkennung der Verbrechen als Völkermord. Sie hielten dabei auch Fahnen von Ländern hoch, von denen die Geschehnisse zwischen 1915 und 1917 bereits als Genozid eingestuft wurden, darunter Frankreich, Polen und die Schweiz.

Armenien gedenkt jedes Jahr am 24. April der Opfer der Massaker. Im Jahr 1915 hatten die Behörden des Osmanischen Reichs an diesem Tag mehr als 200 armenische Intellektuelle und Gemeindevertreter im damaligen Konstantinopel festgenommen. Nach armenischen Angaben wurden bis 1917 bis zu 1,5 Millionen ihrer Landsleute ermordet. Die Türkei räumt ein, dass mehrere hunderttausend Armenier getötet wurden, lehnt eine Einstufung als Völkermord aber strikt ab. Die Erinnerung an die Verbrechen belastet die Beziehung zwischen beiden Ländern schwer.

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Charles Aznavour (85) hätte am heutigen 24.April viel zu sagen. Und seine berühmte Stimme würde weltweit erhört. Aber genau das ist sein Problem.

Im Sommer 2009 wurde der französische Sänger, Komponist und Schauspieler Charles Aznavour, der in der Nähe von Genf lebt, Botschafter der Republik Armenien in der Schweiz. Das war eine kleine Sensation, denn Aznavour ist ein Weltstar des Showbusiness. Er wurde entdeckt von Edith Piaf, schrieb Hunderte von Chansons, verkaufte Millionen von Platten, spielte in Dutzenden von Filmen, darunter in der «Blechtrommel» des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff. Aznavour steht noch heute auf der Bühne, und Zehntausende wollen ihn hören.

Undiplomatische Ikone

Aznavour ist nicht nur ein Showstar, sondern auch ein Gewissen seines geplagten Volks. Eigentlich heisst er Shahnurh Varenagh Aznavurian, er ist Sohn armenischer Flüchtlinge, geboren 1924 im Pariser Exil. Den Gedanken an den verschwiegenen türkischen Völkermord an den Armeniern 1915 – in der westlichen Öffentlichkeit während Jahrzehnten verdrängt, seit einigen Jahren aber ein delikates weltpolitisches Thema – hat der Chansonnier mit pointierten Aussagen stets wachgehalten. Im Film «Ararat» des kanadischen Regisseurs Atom Egoyan etwa verkörperte Aznavour 2002 den armenischen Filmemacher Edouard Saroyan, der sich leidenschaftlich für die Anerkennung des Völkermords einsetzt – und die grosse Frage aufwirft: «Warum hassen sie uns?»

Spätestens diese Filmrolle machte Aznavour zu einer Ikone der Millionen Armenier, die als Nachfahren von Völkermordopfern weltweit verstreut leben. Aber auch im richtigen Leben spricht sich Aznavour undiplomatisch deutlich dafür aus, dass die Türkei den Genozid an den Armeniern endlich anerkennen solle. Er ist allerdings kein Hardliner. Er glaubt an den Dialog, an die türkische Jugend vor allem, die mit diesem historischen Tabu nicht mehr länger leben wolle.

Schweizer Inputs

Als Botschafter steht die grosse armenische Figur Aznavour in der kleinen Schweiz auf einmal auf einer diplomatischen Bühne, auf der jede Bewegung argwöhnisch registriert wird. Denn die Schweiz hat für Armenien und die Türkei eine spezielle Bedeutung. Und zwar seit dem Völkermord vor 95 Jahren.

Am 24.April 1915 begann in Istanbul die Deportation armenischer Intellektueller. In den Wochen danach dekretierte das islamische Regime die massenhafte Vertreibung der christlichen armenischen Minderheit aus der heutigen Türkei in die syrische Wüste Deir-es-Zor. Rund eine Million Armenier starben. Aus der Schweiz gelangte damals engagierte Hilfe zu den Opfern des Völkermords.

Praktisch zur gleichen Zeit entstand aus dem Osmanischen Reich die moderne Türkei – mit einem entscheidenden Input aus der Schweiz. Die regierenden Nationalisten übernahmen das schweizerische Zivilgesetzbuch und schafften damit die islamische Scharia ab. 1923 bestimmten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Friedensordnung in Europa – in Lausanne. Sie nahmen die gesäuberte Türkei ins bis heute bestehende westliche Machtbündnis auf. Und wischten den Völkermord an den Armeniern unter den Tisch.

Seither kämpfen die Armenier in der Diaspora weltweit dafür, dass der Genozid aus dem offiziellen Vergessen geholt wird. Ab und zu erringen sie Teilerfolge. Kürzlich sprach sich die aussenpolitische Kommission des US-Repräsentantenhauses indirekt für eine Anerkennung aus.

Aznavours Ankündigung

Was in der Schweiz geschieht, steht wegen ihrer historischen Rolle unter besonderer Beobachtung. 2003 bezeichnete der Nationalrat die Massaker an den Armeniern in einem Postulat als Genozid. Aber der Bundesrat spricht bis heute bloss von «tragischen Ereignissen» – in Übereinstimmung mit der offiziellen Sprachregelung der Türkei, wo nach wie vor mit einer Anklage rechnen muss, wer im Zusammenhang mit den Armeniern von Völkermord spricht.

Man hätte gerne gewusst, was Charles Aznavour zum armenischen Gedenktag vom 24.April über die Zögerlichkeit der Schweizer Regierung sagt. Er wollte reden, hatte sich in Bern für eine Medienkonferenz angekündigt. Es wäre sein erster grosser öffentlicher Auftritt als armenischer Botschafter gewesen. Sein Wort aus der Schweiz hätte weltweites Echo gehabt. Aber vor zwei Tagen sagte er ohne Begründung alles ab.

«Wir wollten unbedingt nach Bern kommen», beteuerte eine Sprecherin der armenischen Botschaft in Genf auf Anfrage. «Aber Charles Aznavour ist jetzt Diplomat. Und in der aktuellen delikaten Situation ist es wichtig, alles zu tun, was im Interesse der Republik Armenien steht.» Im Klartext: Hätte Botschafter Aznavour– wie von vielen Armeniern erhofft – klare Worte zum Völkermord gefunden, hätte das die Beziehungen zur Türkei erneut belastet. Besonders weil die Worte aus der Schweiz gekommen wären.

Calmy-Reys Vermittlung

Denn die Schweiz ist gerade jetzt wieder besonders gefragt. Letzten Herbst gelang Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (SP) ein spektakulärer Erfolg: Dank mehrjähriger geheimer Schweizer Vermittlungstätigkeit setzten der armenische und der türkische Aussenminister in Zürich ihre Unterschriften unter ein historisches Annäherungsabkommen. Die Türkei sollte die Grenze zu Armenien öffnen, im Gegenzug akzeptierte Armenien die Einrichtung einer Historikerkommission zur Untersuchung der Massaker von 1915. Die armenische Diaspora kritisierte, damit werde die historische Wahrheit wieder infrage gestellt.

Gestern nun legte der armenische Präsident Sersch Sarkissjan das Abkommen auf Eis, weil die Türkei seit letztem Herbst mehrere neue Bedingungen gestellt habe. Adrian Sollberger, Sprecher des Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), hielt zwar gestern fest, der Mediationsauftrag, den die Schweiz von beiden Ländern gehabt habe, sei abgeschlossen. Aber man sei mit beiden Seiten in regelmässigem Kontakt.

Das kann bedeuten: Die Schweiz hält sich bereit, sollte ihre Geheimdiplomatie erneut gefragt sein. Deutliche Worte von Charles Aznavour in der Hauptstadt Bern hätten da kontraproduktiv gewirkt.

Grosse Enttäuschung

«Wir sind sehr enttäuscht», kommentierte Sarkis Shahinian, Präsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien, gestern Aznavours plötzliches Schweigen. Und kritisierte gleichzeitig die Schweizer Regierung, weil sie ihren diplomatischen Standortvorteil als Vermittlerin darauf aufbaue, die historische Wahrheit des Völkermords nicht beim Namen zu nennen – aus Angst vor der Reaktion der Türkei. Für Shahinian ist die Anerkennung des Genozids fundamental – weil die armenische Identität sonst auf etwas basiert, das die Welt nicht wahrhaben will.

Man könnte es so formulieren: Der Völkermord von 1915 droht heute erneut «vergessen» zu gehen, weil der Westen die politische Beruhigung des für die Energieversorgung strategischen Region im Kaukasus höher gewichtet.

Gleichzeitig erkennen die Armenier eine Art neue Vertreibung. Die wirtschaftliche Not in dem eingeschlossenen kleinen Land, das derzeit praktisch nur per Flugzeug zu erreichen ist, wächst, und immer mehr Armenier verlassen es für immer.

Dass es jetzt sogar einem wie Charles Aznavour die Stimme verschlägt, ist kein gutes Zeichen. Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.04.2010, 10:48 Uhr

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