Schweiz

Der Elefant trampelt weiter

Von Benedict Neff. Aktualisiert am 05.07.2014

SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi beleidigt Schwule. Seine Partei regt sich fürchterlich auf. Er lässt sich nicht beirren.

«Seine Zeit ist abgelaufen»: Toni Bortoluzzi in Bern.

«Seine Zeit ist abgelaufen»: Toni Bortoluzzi in Bern.
Bild: Keystone

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Schwule, sagt Toni Bortoluzzi, hätten einen «Hirnlappen, der verkehrt läuft». Keine Ahnung, was man sich darunter vorstellen soll. Die Öffentlichkeit jedenfalls befand, dass die Aussage diskriminierend sei, zumal in unserer aufgeklärten Zeit. Unerhört, rüpelhaft, biologisch falsch. Es war der laue Frühsommer-Skandal in den Schweizer Medien. Als Bortoluzzi in einem klärenden Gespräch zur fraglichen Aussage, wiederum in der Berner Zeitung, seine mögliche Nachfolgerin im Nationalrat, Barbara Steinemann, als «nicht ideale Vertreterin der Frauen» bezeichnete, kam der lauteste Protest aus der eigenen Partei.

Die SVP ist moderner geworden und Bortoluzzi ist der geblieben, der er schon immer war. Ein konservativer Schreiner aus dem Säuliamt. Bei dem die Küche das Refugium der Frau und die Werkstatt die Domäne des Mannes ist. Der keine Kondome benützt, weil er Kinder will (4), der Treue als Versicherung gegen Krankheiten und die Ehe als ewigen Bund sieht. Es ist so, als wäre die Küchenuhr im Hause Bortoluzzi in den 50er-Jahren stehengeblieben und der Hausherr weigert sich standhaft, die Uhr zu reparieren.

Gelegentlich kommt Besuch und sagt: «Toni, jetzt reparier mal die Uhr!» Aber er sagt, «für mich stimmt es so, das ist meine Zeit». Und irgendwann erzählen sich die Nachbarn, dass er spinnt.

«Seine Zeit ist abgelaufen», sagt Alfred Heer, Nationalrat und Präsident der SVP Zürich im Blick. «Einfach nur noch peinlich» seien seine Aussagen, findet Nationalrätin Natalie Rickli. «Solche Leute brauchen wir nicht», die Zürcher SVP-Kantonsrätin Steinemann. Seit sich Bortoluzzi zur Homosexualität geäussert hat, drischt die Kantonalpartei auf ihn ein. Weil er nicht schweigt. Weil er nicht geht. Jetzt, wo sich die Partei ein neues Image verpassen will.

Wenn Heer von Bortoluzzi spricht, dann vornehmlich in der Vergangenheit: «ist gewesen». Ein Nachruf zu Lebzeiten. «Nach 24 Jahren im Nationalrat ist eine erneute Nomination unrealistisch.» Man würde ihm wohl den Rücktritt nahelegen, wüsste man nicht, dass der Trotzige unter diesen Umständen umso eher bleiben dürfte.

Alte Wunden

2012 setzte sich Bortoluzzi unermüdlich für die Managed-Care-Vorlage ein. Gregor Rutz und Christoph Mörgeli fochten ihn an und sorgten für einen überraschenden Meinungsumschwung in der Partei. Es war Bortoluzzis bitterste Niederlage, just auf dem Feld, das er wie keiner seiner Kollegen beherrscht: Gesundheitspolitik. Er fühlte sich hintergangen, verstossen, schlecht behandelt. Fortan, kündigte er an, wolle er nur noch Passivmitglied der SVP sein. Den geplanten vorzeitigen Rücktritt 2013 zur Verjüngung der Partei verschob er trotzig auf ungewisse Zukunft. Rutz warf er «schlechten Stil» vor, Mörgeli bezeichnete er als «Despoten».

Wenn Heer sagt, «seine Zeit ist abgelaufen», dann schwingt sein Ärger über den «Sololauf» von damals immer noch mit. Man will diesen kolossalen Schreiner und Querulanten endlich los haben und mit einer jungen, blonden, schlanken Frau ersetzen, die Juristin ist und Kinderkrippen toll findet.

Aber auch Bortoluzzi leidet an der Partei. Es gibt ein Zitat in der NZZ am Sonntag, in dem er sein Wesen selbst offenbart: «Ich bin ein Elefant. Ich bin nachtragend. Man hat mich verletzt.» Das war 2012, als er die Schlacht um Managed-Care verloren hatte.

«Ich bin 130 Kilo schwer»

Und es gibt dieses Bild von Bortoluzzi im Nationalratssaal. Seine schweren Hände machen sich an einem Päcklein zu schaffen, er wirkt eigentümlich isoliert und konzentriert. Ein Kollege legt ihm die Hand auf die Schulter und redet ihm zu. Alle Fraktionen des Nationalrats schenkten ihm einen Waschlappen – für seine schwulenfeindliche Aussage. Bortoluzzi scheint es mit Gleichmut hingenommen zu haben. Vielleicht hatte er gar nicht gehört, was ihm der Kollege sagte; denn er hört nicht gut. Den Waschlappen wird er seiner Frau zur Arbeit in der Küche nach Hause gebrachte haben.

Die Anfrage für ein Porträt lehnte er freundlich ab: «Was wollen Sie Persön- liches über mich schreiben? Ich bin 130 Kilogramm schwer.» Schliesslich lässt er sich auf ein kurzes Gespräch ein. Was denkt er über die Kommentare gegen ihn aus seiner eigenen Partei? «Das ist nichts Neues.» Es tönt so, als hätte er die Öffentlichkeit aufgegeben. Die Presse, die über seine politischen Inhalte nicht sprechen will, die Partei, die ihn zum lebenden Museumsstück erklärt, das Publikum, das den Kopf schüttelt.

Im Säuliamt

Wenn Bortoluzzi einmal wöchentlich am Stammtisch der «Krone» in Affoltern am Albis sitzt, dann werden ihn die Kollegen verstehen. Was hätte sein schwuler Stammtischbruder, der verstorbene Sportmoderator Hans Jucker, zum Hirnlappen-Eklat gesagt? «Bisch en dumme Siech» – und die Sache wäre erledigt gewesen.

Bortoluzzi hat nichts mehr zu verlieren, vielleicht weil er für sich selbst schon beschlossen hat, dass seine Zeit vorbei ist. «Ich bin noch aus der Blocher-Gruppe», erklärt Bortoluzzi und tönt so wie der letzte Überlebende einer goldenen Ära. Am Telefon sagt er, «ich habe nichts gegen Steinemann, das Problem ist ihr Beruf». Er wehrt sich gegen die Verakademisierung der SVP, gegen die Juristen als Freunde der Gesetze. Damit ist er weitgehend alleine.

Sein Grossvater ist aus Italien eingewandert um 1890. Er selbst hat nie Italienisch gelernt. Anpassen war die Devise, nicht die Pflege einer doppelten Identität. Sein Vater war Schreiner, er ist Schreiner. Das Leben seiner Eltern hat er weitgehend wiederholt, eingebettet in den Traditionen, die auch seinem Haushalt dienlich waren. Bortoluzzi ist sich treu geblieben. Die Welt hat sich von ihm entfremdet, auch seine Partei. Der Elefant ist verletzt, aber er trampelt weiter. Irgendwie auch beruhigend. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.07.2014, 13:52 Uhr

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