Schweiz
Der Fall Luca wird neu aufgerollt
Mutter will Gerechtigkeit
Vor dem Justizgebäude in Sitten demonstrierten während der Medienkonferenz rund 50 Menschen Solidarität mit Luca und seiner Familie, die aus Italien angereist war. Die Sympathisanten, darunter auch Ex-Miss Schweiz Lolita Morena, verlangten auf Transparenten, dass die Wahrheit ans Licht kommt.
Die Mutter von Luca sagte vor Journalisten, sie verlange nur Gerechtigkeit und dass die Walliser Justiz ihre Fehler eingestehe. Die Affäre Luca hat im Wallis hohe Wellen geschlagen und inzwischen auch eine internationale Dimension erreicht.
Am vergangenen Montag wurde sogar der italienische Botschafter in Bern bei Justizministerin Simonetta Sommaruga vorstellig. Diese zeigte sich berührt vom Schicksal des Kindes, erklärte sich aber als nicht zuständig für den Fall. Beide Seiten hofften auf eine gute Lösung für alle Beteiligten, hiess es. (sda)
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Das Drama um den kleinen Luca wird neu aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat vier neue Experten vorgeschlagen, die den Fall aufgrund einer Kinderzeichnung neu beurteilen sollen.
Das Drama ereignete sich am 7. Februar 2002 in Veysonnaz VS. Der damals siebenjährige Luca und sein vierjähriger Bruder waren mit ihrem Hund spazieren gegangen. Als sie nach einer gewissen Zeit nicht zurückkehrten, machte sich die Mutter auf die Suche nach ihnen.
Vom Schäferhund angefallen
Sie fand ihren älteren Sohn halb entkleidet, verletzt und unterkühlt im Schnee liegen. Luca, heute ein Teenager, ist seither blind und gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Experten waren zum Schluss gekommen, dass das Kind vom Schäferhund der Familie angefallen worden war.
Die Walliser Justiz schloss die Akte im Jahr 2004. Fünf Jahre später verlangte die Familie, die inzwischen in Italien lebt, die Wiederaufnahme des Verfahrens. Eine drei Jahre nach den Ereignissen gemachte Zeichnung des jüngeren Bruders soll den Verdacht der Familie stützten, dass Lucas Verletzungen durch Menschen verursacht wurden.
Gutachter: Es war ein Hund
Patrice Mangin, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts in Lausanne, blieb am Donnerstag an einer Medienkonferenz der Walliser Staatsanwaltschaft in Sitten entschieden bei der bisherigen Meinung der Gutachter: Er widersetzte sich der Ansicht, dass der Knabe gegeisselt worden sei.
«Die Spuren, die auf Lucas Körper gefunden wurden, können nicht von Schlägen stammen.» Professor Mangin erklärte, während der Untersuchung seien verschiedene Experten beigezogen worden, und alle Fakten hätten auf den Hund hingedeutet: «Die Markierungen am Körper, die zerrissenen Kleider, die DNA-Spuren.»
Drama hat sich im Winter abgespielt
Sämtliche Indizien hätten den Schluss nahe gelegt, dass das Kind eine Konfrontation mit dem Hund gehabt habe, betonte Mangin. Er wolle nicht von einer Attacke sprechen, zumindest aber von einem Zwischenfall. Die dem Knaben zugefügten Verletzungen seien oberflächlich und nicht sehr schlimm.
Aber das Drama habe sich im Winter abgespielt, bei einer Temperatur unter null Grad und im Tiefschnee, gab der Professor weiter zu bedenken. Der Hund, ein siebenmonatiger deutscher Schäfer von 30 Kilogramm, sei nicht dressiert und undiszipliniert gewesen und von der Leine losgelassen worden.
Es gab Zweifel
Der damalige Untersuchungsrichter und heutige stellvertretende Staatsanwalt, Nicolas Dubuis, erklärte, er habe immer Zweifel gehabt, dass die Wunden an Lucas Körper allein von einem Hund stammten.
Die Justiz habe das Dossier dann aber schliessen müssen, weil die Version am wahrscheinlichsten gewesen sei und nicht habe bewiesen werden können, dass Luca von Menschen traktiert worden sei. Er habe damals auf einen Rekurs der Familie gehofft, dieser sei aber ausgeblieben. Weshalb, wüsste er gern.
Was die mögliche Anwesenheit weiterer Jugendlicher am Ort des Geschehens betrifft, betonte Dubuis, dass die Alibis überprüft worden seien. Es sei nichts gefunden worden, was auf deren Präsenz am Ort schliessen lasse.
Wurde Luca von Jugendlichen geschlagen?
Das Dossier sei implizit bereits seit dem 15. November 2010 wieder offen, als er entschieden habe, eine Zeichnung des jüngeren Bruders von Experten beurteilen zu lassen, erklärte Dubuis an der Medienkonferenz in Sitten.
Wurde Luca von drei Jugendlichen geschlagen? Ein von der Familie des Opfers eingesetzter Profiler und ein Privatdetektiv sind noch heute überzeugt, dass die Verletzungen von Menschen verursacht wurden.
Die Familie übergab der Walliser Justiz dazu eine angeblich von 2005 stammende Zeichnung ihres jüngeren Sohnes, der bei den Geschehnissen dabei war. Die Zeichnung beschreibt laut der Familie, was wirklich geschehen sei.
Das Bild zeigt, wie Luca von drei älteren Kindern geschlagen wird. Einer der drei wehrt zudem mit einem Stock den Hund ab. Sich selber zeichnete der jüngere Bruder, wie er sich hinter einem Baum versteckt.
Auf Geheiss des Bundesgerichts
Vier Experten, darunter ein Tessiner Kinderpsychiater und zwei italienische sowie ein weiterer Psychologe, sollen die Kinderzeichnung nun neu begutachten.
Die Walliser Staatsanwaltschaft hat die neuen Experten auf Geheiss des Bundesgerichts bestimmt. Den von der Walliser Justiz ursprünglich eingesetzten Experten, einen kanadischen Psychologen, hatte die Familie abgelehnt, weil ihr Sohn mittlerweile nur noch Italienisch spricht.
Die Familie hat nun zwei Wochen Zeit zu überlegen, ob sie die neuen Experten akzeptiert oder nicht. Dubuis sagte, wenn das Expertengutachten einmal vorliege, könne es von Lucas Familie erneut angefochten werden, falls sie dannzumal mit der Schlussfolgerung wieder nicht einverstanden sei. Der Fall verjähre erst am 22. November 2019, wenn das Opfer sein 25. Altersjahr vollendet habe. (bru/sda)
Erstellt: 26.01.2012, 15:59 Uhr
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