Schweiz
«Der Gangster ist am einfachsten zu verteidigen»
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 13.03.2010
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Huren, Hells und Freisinn
Valentin Landmann (59) hatte eine grosse juristische Karriere vor sich, als er in Hamburg seine fast fertige Dissertation in den Reisswolf steckte. Der Grund: Der Büchermensch hatte auf der Reeperbahn die Faszination des Milieus kennen gelernt. Zurück in Zürich wurde Landmann berühmt als Rotlichtanwalt und Hausjurist der Motorradgang Hells Angels.
Bekannt ist er auch als der literarischste Strafverteidiger von Zürich: Seine Plädoyers gleichen oft Kurzgeschichten. Als ehemaliger Freisinniger vertritt er einen ökonomischen Ansatz zum Verbrechen: Laut ihm funktionieren die Geschäftsleute in Ober- und Unterwelt gleich. Die Praxis zu dieser Theorie brachte Landmann an den Rand des Abgrunds, als er einen Unterweltboss bei seiner Resozialisierung als Geschäftsmann unterstützte. Dieser benutze Landmann als Geldwäscher – der Work- aholic verlor fast sein Anwaltspatent. Nachzulesen sind einige von Landmanns Fällen in dem 2009 erschienenen Buch «Dünnes Eis – Wege in die Illegalität».
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Sagen wir, man begeht eine Untat. Und wird verhaftet. Was raten Sie?
Mich hat vor kurzem ein Angeschuldigter in der Haft gefragt: Können wir nicht den Staatsanwalt bestechen? Ich habe ihm gesagt: Das lässt sich schwer machen, aber die beste Bestechung, die überdies legal ist, ist, dem Staatsanwalt und der Justiz Arbeit zu ersparen.
Ist es nicht eher die Aufgabe des Verhafteten, durch Leugnen der Polizei und dem Gericht das Leben so schwer wie möglich zu machen?
Ein Verfahren dauert sehr lang. Die Erfahrung zeigt, dass Lügen ein Gedächtnis wie ein Computer braucht. Ich empfehle, nie zu lügen.
Ganz ehrlich?
Klienten, die bei diesem Rat Zweifel haben, empfehle ich, bei den Befragungen möglichst wahrheitsnah zu bleiben.
Warum nicht einfach schweigen?
Es ist so: Der Staat honoriert bei einem Angeklagten, wenn er Einsicht zeigt und kooperiert – das ist eine alte Erfahrung. Man sieht sich aber an, ob die Einsicht bereits in einem frühen Stadium des Verfahrens zum Tragen kommt. Anfängliches Schweigen empfehle ich nur Ersttätern, also Laien.
Warum nur denen?
Der verhaftete Laie neigt am ehesten zu absolut sinnlosen und katastrophalen Falschaussagen. Im Schreck versucht er Sachen zu bestreiten, die beweisbar passiert sind. Das passiert auch ehrlichen Männern und Frauen. So kann es sich für den braven Bürger aufdrängen, zu sagen: «Ich habe in amerikanischen Krimis gesehen, dass man am Anfang die Aussage verweigern soll.» Eine solche Formulierung gibt zumindest einen gewissen Idiotenbonus.
Aber später soll man kapitulieren? Und einfach gestehen?
Natürlich nur, wenn man die Tat begangen hat. Die Justiz ist ein Apparat, der gerne effizient arbeitet, und die Beamten lieben unnötige Schlaufen nicht. Wenn dem Staatsanwalt Arbeit erspart wird, ermöglicht ein Geständnis auch, Punkte, die vielleicht nicht so klar belegt sind, fallenzulassen. Ob es jetzt fünf oder sechs Kilo Kokain waren, spielt dann keine Riesenrolle mehr.
Also man gesteht die Hauptschurkerei, und dafür fallen die Nebensachen unter den Tisch.
Das ist ein absolut normaler Deal. Nach Ihrem Geständnis wäre der Ermittlungsaufwand für den strafrechtlichen Ertrag viel zu hoch. Aber es geht noch um mehr: Ich hatte einen Fall mit jemandem, der beschuldigt wurde, Dutzende von Kilo Drogen verkauft zu haben, als Chef einer Gruppierung, der seine Leute wie Marionetten führte. Nachdem er bereit war, auszusagen, liess sich darstellen, dass er selber nur das Sprachrohr war von einem grösseren Gangster.
Also Pressesprecher statt CEO.
Genau. Und deshalb auf allen Telefonen vorhanden. Das konnten wir belegen, und er erhielt eine Strafe, die weit, weit unter der lag, die ihm drohte. Kurz: Darstellung der Rolle, Darstellung der Motivation, Darstellung der Entstehung eines Deliktes – all das ist der Verteidigung verbaut, wenn jemand nichts Gescheites zu seiner Sache sagt.
Wer ist eigentlich leichter zu überzeugen – der Gangster oder der Amateur, der Mist gebaut hat?
Der Gangster ist am einfachsten zu verteidigen. Der Gangster weiss, wos langgeht, wie die Justiz funktioniert. Amateure hingegen neigen zu Emotionen. Aber generell kannst du nie erwarten, dass dir der Angeklagte von Anfang an vertraut. Das ist ein Prozess. Doch man kann mit jedem Klienten die Aktenlage aufarbeiten, die Punkte, die halten, und die, die nicht halten. Und dann kommt man oft zu dem Punkt, dass der Angeklagte sagen kann: Ja, das war es!
Sie gelten als Spezialist für geständige Angeklagte.
Ich betrachte mich als Verteidiger nicht primär als Jurist, sondern als den, der dem Gericht die Personen vorstellt. Neunzig Prozent meiner Plädoyers mit geständigen Klienten betreffen nicht rechtliche Sachen oder formelle Kriterien, sondern die Entstehung des Deliktes. Das gibt dem Richter die Möglichkeit, sachgerecht zu entscheiden.
Das heisst: Mitleid zu empfinden?
Ich habe mir zum Prinzip gemacht, dass Gericht nie zu langweilen. Und keine Geschichte meiner Klienten war, bei echtem Interesse, je langweilig. Der wirkliche Geständnisbonus ist, dass er der Verteidigung eine Autobahn öffnet. Ein Geständnis ist wie eine Strasse, du fährst durch und siehst alles, was neben der Strasse an Landschaft liegt.
Genauer?
Nehmen wir etwa den Fall einer ehemaligen Schulrektorin, die in die Anlageberatung ging. Sie glaubt an ihre Genialität. Und nimmt Gelder an. Und dann, bei einem Engpass, glaubt sie, wenn sie den Kunden die Gewinne aus den Anlagegeldern zahlt, bekommt sie das fehlende Geld wieder herein. Und als noch mehr schiefgeht, zahlt sie nur noch die alten Kunden aus den Geldern der neuen. Ein kriminelles Schneeballsystem, begonnen in bester Absicht.
Die Geschichte lautet also: Jemand Unschuldiger verstrickt sich.
Die Beobachtung sagt: Die ersten falschen Schritte sind sehr sehr kleine. Und dann sind die nächsten Schritte fast vorprogrammiert. So begann etwa der Jahrhundert-Postraub mit einem frustrierten Pöstler, in einer Bar. Dort traf er ein paar Leute. Sie spintisierten, und dann brachte einer einen Schlüssel, jemand organisierte einen Bauplan, jemand anderer ein Fahrzeug, mit jedem Treffen wurde die Sache konkreter – und irgendwann gab es kein Zurück mehr. Und plötzlich hatten ein paar bisher harmlose Leute 53 Millionen geraubt – wegen der Gruppendynamik.
Und das entschuldigt die Sache?
Nein, das entschuldigt nicht einfach. Aber es erklärt die Tat. Das ist auch mein Problem mit den drei Schläger-Jugendlichen im Fall München: Persönlich wundere ich mich enorm, dass sie – offenbar von der Verteidigung abgesprochen – nicht aussagten. Und sich nicht einmal entschuldigen. Die jungen Leute in München werden die Sympathie auch so nicht wecken, sicher. Aber wenn sie ihre Tat erklären würden, dann wäre das ein Beitrag, dass sie sich stellen.
Sind Entschuldigungen nicht sowieso oft Lippenbekenntnisse?
Es ist schwierig, sich bei Gewalttaten zu entschuldigen. Was will man sagen: Der andere ist halb tot, tut mir leid? Sinnvoll ist, wenn man einen Entschuldigungsbrief schreibt, seiner Betroffenheit Ausdruck gibt.
Reue ist in der Religion sehr wichtig...
...und vor Gericht auch! Das schwarze Schaf nimmt man gerne wieder in die Gemeinschaft auf, wenn es seine Fehler eingesehen hat.
Aber Philosophen halten Reue oft für Zeitverschwendung, weil sie die Vergangenheit betrifft.
Sicher, wenn du jemand totgefahren hast im Suff, dann hat es keinen Sinn, wenn du nur in der Ecke sitzt und weinst. Aber dass du beim Fahren vor Augen hast, was passieren kann, wenn du einen Kollegen, der trinkt, vom Fahren abhältst, das ist tätige Reue.
Aber empfinden Täter wirklich ehrlich Reue? In Reportagen aus Gefängnissen liest man gern, dass die Insassen nur eins bereuen: sich dabei erwischt haben zu lassen.
Das ist vordergründig. Das stimmt auch nicht immer. Im Gefängnis bildet sich ein Biotop: mit Hechten, Karpfen und den ganz kleinen Fischen. Und niemand will als der kleine Fisch gelten, also als Justizkriecher und das Muttersöhnchen, das heult. Fast jeder, der im Gefängnis zum Psychiater geht, wird seinen Mitgefangenen sagen: «Ich mach das aus taktischen Gründen.» Taktische Gründe sind auch ein sehr gutes Argument von mir, um einen Klienten zu einem Schritt zu bewegen, den ich als klar richtig beurteile – etwa psychologische Gespräche. Er geht aus Taktik hin, und dann tut es ihm doch gut.
Warum ist eigentlich Entschuldigen so schwierig? Etwa für die Banker, die das Weltfinanzsystem fast in den Abgrund gefahren haben: Keiner bat je um Entschuldigung.
Die Herren, die das angerichtet haben, sind alle sehr risiko- und haftungsbewusst. Die haben sehr nervöse Konzernanwälte. Und eine gewisse Arroganz. Gerade bei schwersten Wirtschaftsdelikten hört man wenig Reue. Man sieht sehr viel reine Verteidigungsstrategie, die versucht, jemand völlig reinzuwaschen.
Laute einer Studie von PricewaterhouseCoopers werden weit mehr als die Hälfte der Firmendiebstähle vom Topmanagement begangen.
Ja, es gibt leider einen grossen Anreiz für Wirtschaftskriminelle. Diese haben das Knowhow. Und kommen selbst, wenn man sie erwischt, selten an die Kasse. Viele Firmen zeigen Delikte aus Scham nicht an. Eine Bank, der Daten geklaut wurden, wird sich eine Anzeige lange überlegen. Möglicherweise gibt sie dem Täter sogar noch einen goldenen Fallschirm, damit er schweigt.
Und wie steht es mit der Reue noch grösserer Organisationen? Die aktuelle Schweiz zum Beispiel liesse sich auch als ertappte Hehler- organisation beschreiben.
Nein. Wir haben das Bankgeheimnis nicht geschaffen, um ein Hehlerstaat zu sein. Vergessen wir einmal Europa: Es gibt Länder mit Gewaltherrschaften. Ich habe völlig Verständnis, dass die Leute dort ihr Geld über die Grenze schaffen, wo es kein anderer findet. Aber wir haben damit eine ganze Generation von Leuten herangezüchtet, Spezialisten für Steuervergehen, die nur auf schnellen Erwerb ausgerichtet ist. Das ist nicht Swiss Banking. Swiss Banking bedeutete, dass jemand, der sein Geld auf eine Bank bringt, es auch zurückbekommt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 14:20 Uhr
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