Schweiz

Der Gewerkschafter als Patron

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 29.04.2011 19 Kommentare

Corrado Pardini, nachrückender Berner SP-Nationalrat, wird bereits als neuer Unia-Präsident gehandelt. Er beeindruckt und irritiert.

Er sucht die Macht und liebt den Streit: Corrado Pardini, der neue starke Mann der Unia.

Er sucht die Macht und liebt den Streit: Corrado Pardini, der neue starke Mann der Unia.
Bild: Keystone

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Am Sonntag ist Tag der Arbeit, aber für Corrado Pardini ist jeder Tag im Jahr ein 1. Mai. Pardini, italienischer Secondo aus dem Berner Breitenrain, bei der damaligen Maschinenfabrik Wifag als Schlosser ausgebildet, nach drei Wochen der Gewerkschaft SMUV beigetreten, nach zwei Jahren Wirtschaftsgymnasium vom Gewerkschaftssekretär zum nationalen Geschäftsleiter der Unia aufgestiegen, wird in Bern und Biel tun, was er besonders gut kann: auftreten und reden. Dabei will er den Leuten von der Arbeit der Gewerkschaft und vom Wert der Arbeit erzählen. «Wer selber in einer Fabrik gearbeitet hat, weiss, dass die Fabrik auch eine Heimat ist», sagt er. «Und wer entlassen wird, ist heimatlos.»

Für Sozialpläne, gegen Pauschalsteuer

So kennt man ihn, am Mikrofon oder mit Megafon, selbstbewusst und charismatisch, mit berndeutschem Charme und italienischer Vitalität. Corrado Pardini, Sohn eines politisierten Immigrantenpaars aus der Toskana, handelte nebst vielem anderen mit Denner einen Gesamtarbeitsvertrag aus, ging gegen Lohndrücker im Detailhandel vor und erreichte für die Arbeiter der Kartonfabrik Deisswil akzeptable Sozialpläne. Im Berner Kantonsparlament half er die Arbeitsgerichte zu behalten und brachte mit der Unia eine kantonale Initiative für die Abschaffung der Pauschalsteuer zustande.

Der sanguinische Gewerkschafter mit dem trügerisch sanften Blick hat Streiks organisiert und einige zum Erfolg gebracht. Etwa bei der Firma Zyliss in seinem Wohnort Lyss. Dass die Firma trotzdem einging, lag an der Globalisierung. Am liebsten tritt der zweifache Familienvater wie ein Patron auf, als Firmenpatriarch ohne Firma. Gerne spricht er von «meinen Leuten», die er mit seinen Reden anpeitscht. Der 46-Jährige will die Schlagkraft der Unia unbedingt mit neuen Mitgliedern stärken. Weil die traditionelle Industrie stark an Bedeutung verloren hat und sich immer weniger Arbeiter gewerkschaftlich organisieren lassen, sucht Pardini neue Rekrutierungsfelder: «Ich überlege mir schon lange, wie wir die Angestellten für die Unia gewinnen können», sagt er: «Das ist matchentscheidend.» Vor kurzem hat er die Aufgabe übernommen, die Gewerkschaft in der Ostschweiz zu stärken. Dort liegt der Organisierungsgrad unter drei Prozent. Pardinis Auftritt vor den regionalen Unia-Leuten zeigt warum: Die Verzagtheit ist spürbar, die Ratlosigkeit ebenso; das Feurigste an diesem Motivierungstag ist seine eigene Rede. «Pardini weiss, was die Leute bewegt», sagt sein Nachfolger in Biel, der Unia-Sekretär Beat Jost, «im Gegensatz zu anderen Spitzenfunktionären geht er immer wieder an die Front und redet mit allen.»

Einen Golfplatz besetzt

Innerhalb der Unia wird der selbstbewusste Aufsteiger bereits als kommender Präsident gehandelt. Er gilt als blitzschneller Stratege mit Machtinstinkt, der seine Einsätze konsequent auf die öffentliche Wirkung hin inszeniert. Unvergessen sein Einfall, mit den Angestellten von Zyliss einen Golfplatz zu besetzen, legendär seine ungebetenen Auftritte in den Chefbüros von Unternehmern.

Bei Verhandlungen könne er bei Bedarf drohen und toben, sagen Unia-Leute, das mache den Unternehmern Eindruck. «Er ist ein sehr harter Vertragspartner», bestätigt Beat Bolzhauser, der als Geschäftsführer von Stadler Stahlguss in Biel vor kurzem wieder mit Pardini zu tun bekam. Dennoch bleibe er fair und argumentiere konstruktiv. «Bei den Verhandlungen kam jedes Mal ein Resultat heraus, dem beide Seiten zustimmen konnten.» Auch im Kantonsparlament bekommt der SP-Mann hohes Lob. Und zwar von seinem grössten Gegner, dem forschen Berner SVPler Thomas Fuchs. Pardini sei «aufrichtig engagiert, das ist keine Show bei ihm», sagt er. «Er hat ein Gespür für die Probleme der Leute, agiert schnell, frech und bringt es fertig, mit ein paar Sätzen das ganze Parlament in Aufruhr zu versetzen, allen voran meine Parteikollegen.» Die beiden werden Ende Mai in den Nationalrat aufrücken. Pardini ersetzt den zurücktretenden André Daguet, der ihn für ein «seltenes politisches Talent» hält.

Machtbewusst, also umstritten

Doch kein Erfolg ohne Neid und Kritik, vor allem bei der Linken, die auf Machtbewusste in den eigenen Reihen besonders gereizt reagiert. Obwohl er es heftig bestreitet, bleibt Pardinis Verhältnis zur Berner SP angespannt. Das habe mit seiner gewerkschaftlichen Position zu tun, sagt der Berner SP-Präsident Roland Näf. Andere sehen das Problem weniger in der Politik als in parteiinternen Rivalitäten. Dazu trägt Pardini mit seiner raumgreifenden Persönlichkeit einiges bei. Interne Kritiker werfen ihm übermässigen Narzissmus vor und bezichtigen ihn interner Machtkämpfe, die niemandem nützten ausser ihm selber.

In den Gesprächen mit ihm ist davon wenig zu spüren. Ob aus Taktik oder Unsicherheit gebärdet sich Pardini anfangs wie ein Politiker: ölige Rede, vages Vokabular. Als man ihn damit konfrontiert, reagiert er ungehalten, ändert aber sofort die Tonlage, wird konkret. Die schärfste Kritik an ihm kommt von denen, die er vertritt. Vor kurzem trat ein langjähriges Unia-Mitglied aus Protest aus. Manfred Bachmann, ehemaliger Präsident einer Betriebskommission, fühlte sich von Pardini im Stich gelassen. Der lande wie ein Helikopter an den Brennpunkten, sagte er dem «Bund», mache Wind und wirble viel Staub auf. Zwei Gewerkschafter widersprachen ihm öffentlich, doch Bachmann hält auf Anfrage dezidiert an seiner Kritik fest. Er wird von einem anderen erfahrenen Gewerkschafter sekundiert, der nicht genannt sein will. Er sei von Pardini zuerst begeistert gewesen, sagt dieser, «aber dann musste ich wiederholt realisieren, dass er bloss eine grosse Klappe hat, nichts erreicht und sich dann wieder davonmacht». Pardini trete sehr hart auf, lenke aber zu schnell ein und begnüge sich mit Sozialplänen.

Er verstehe die Kritik und habe sich ihr auch schon vor Ort gestellt, gibt Pardini zurück. «Ich muss aber das Gesamtinteresse im Auge haben und kann nicht jeden Konflikt um jeden Preis eskalieren lassen.» Ein guter Sozialplan sei auch besser als eine kalte Entlassung.Was er bei all den Auseinandersetzungen gelernt habe, fragt man ihn. «Wer kämpft, kann verlieren», gibt er sofort zurück; «wer nicht kämpft, hat schon verloren.» Und Corrado Pardini ist einer, der immer gewinnen will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2011, 20:27 Uhr

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19 Kommentare

Ralph Richter

29.04.2011, 07:48 Uhr
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Der Stil von C. Pardini passt zum aktuellen internen Konflikt in der Unia. Zudem sind gewisse parallelen zum früheren Unia-Chef, Vasco Pedrina, augenfällig und vorprogrammiert: Erst sind es aggressive Kundgebungen und Demos bei Firmen und Chefbüros von Unternehmern, dann folgen Blockaden a la Bareggtunnel und gerichtliche Mobbingklagen von Unia-Angestellten. Fazit: Ein idealer Unia-Präsident. Antworten


Hugo Friedli

29.04.2011, 16:47 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Patron ist wohl ein gut gewählte Bezeichnung. Pardinis Leute in der Region Biel-Seeland arbeiten 80 % für Pardini und 20 % für die Gewerkschaft. Vor den Wahlen in den Grossrat und auch im Nationalrat haben seine Leute am Bahnhof und in den Quartieren seine Wahlprospekte verteilt. Wenn er Präsident der Unia wir, dann kann die ganze Organisation für ihn Wahlkampf machen. Bezahlt von Mitgliedern! Antworten



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