Schweiz
Der Irak muss sich neu erfinden
Artikel zum Thema
Im Irak finden am 7. März Parlamentswahlen statt. Die einander zutiefst misstrauenden Politiker rüsten haben drei grosse Wahlbündnisse haben gebildet, die alle mit dem gleichen Slogan antreten: «Ja zur Einheit, nein zur Spaltung zwischen den Volks- und Religionsgruppen.»
«Nationalismus» und «Patriotismus» sind in der streng bewachten «Grünen Zone» von Bagdad, in der die Politiker hinter hohen Betonwällen ihren Geschäften nachgehen, derzeit die beliebtesten Schlagworte. Dabei ist die Spaltung vielerorts schon Normalität.
In den ethnisch gemischten Städten Mossul und Kirkuk im Norden gibt es viele Kurden, Turkmenen, Araber und Christen, die schon seit Jahren nicht mehr die Viertel betreten haben, in denen Angehörige anderer Religionsgruppen leben. Daran hat auch eine Kampagne der Regierung nichts geändert, Sunniten und Schiiten, die miteinander den Bund der Ehe schliessen, 2000 US-Dollar pro Paar zu schenken.
Kaum durchmischte Viertel
Vor allem in den Bezirken, in denen es in den vergangenen Jahren besonders schlimme Gewaltexzesse gegeben hatte, findet man heute fast nur noch Angehörige einer einzigen Volks- oder Religionsgruppe. Aus Bagdads östlicher Schiiten-Vorstadt Sadr-City sind schon lange die letzten Sunniten verschwunden. Im sunnitischen Stadtteil Amiriya sucht man heute vergeblich nach Schiiten, die hier einst wohnten.
Die kleine kurdische Minderheit, die zu Zeiten von Ex-Diktator Saddam Hussein in der westlichen Anbar-Provinz lebte, ist fast komplett verschwunden, so dass hier inzwischen nur noch sunnitische Araber leben. Auch in Bagdads südlichem Vorort al-Doura, wo die Al-Qaida-Zellen in den Jahren von 2004 bis 2007 ein blutiges Terrorregime installiert hatten, sind die Sunniten heute mehr oder weniger unter sich.
Dass ihre christlichen Nachbarn nach dem Abflauen der Gewalt nicht zurückgekehrt sind, sondern lieber im Exil ausharren, liegt auch daran, dass ein Teil der muslimischen Bewohner des Viertels den Terror damals gebilligt hatte. Auch diejenigen Sunniten, die dagegen waren, hielten meist still - aus Angst.
«Wir sind immer die Sündenböcke»
In der Öl-Stadt Kirkuk sieht es ähnlich aus. Im Norden leben die Kurden, in der Mitte die Turkmenen und im Süden die Araber. «Wir Christen müssen in dieser Stadt immer als Sündenböcke herhalten, wenn die anderen Volksgruppen Probleme miteinander haben», klagt der Christ Emad Ashur Hanna, der in Kirkuk ein Alkoholgeschäft betreibt. «Schuld sind die Politiker, denn ohne deren Streit würden die Menschen hier alle in Frieden miteinander leben.»
Einen Ausweg aus der verfahrenen Situation sieht er genauso wenig wie der Kurde Suran Chamagharib. «Wir Kurden haben für Kirkuk und für die kurdische Identität dieser Stadt viele Opfer gebracht», sagt er. «Doch wir sind mit dem Versuch gescheitert, das Vertrauen der Araber und Turkmenen zu gewinnen.»
Leichtes Spiel für Schutzgelderpresser
Auch in der nördlichen Provinz Ninive ist wenig zu spüren von der angeblichen Harmonie zwischen den Volks- und Religionsgruppen, die von den Politikern in Bagdad so gern beschworen wird. Die kurdische Minderheit in der Provinz lässt sich lieber von den Kämpfern der Kurdenparteien («Peschmerga») beschützen als von der staatlichen Polizei.
Die Araber demonstrieren ihrerseits «gegen das Eindringen der kurdischen Geheimdienstagenten in unsere Viertel». Die Christen haben sich nach zahlreichen Entführungen und vereinzelten Morden in ihren Dörfer im Umland der Provinzhauptstadt Mossul verbarrikadiert.
In diesem Klima der Angst und des Misstrauens haben Terroristen und Schutzgelderpresser leichtes Spiel. Von der «Politik der Einheit», mit der die Politiker in Bagdad für sich werben, ist hier nichts zu spüren. (vin/sda)
Erstellt: 01.03.2010, 12:07 Uhr
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




