Schweiz

Der Städter

Von Martin Furrer. Aktualisiert am 15.02.2011 116 Kommentare

Wie sieht er aus, der typische Städter? Und warum hat er am Sonntag Ja gesagt zur Waffenschutzinitiative?

Der Stadtmensch will Grenzen überwinden: Gedränge an der Zürcher Bahnhofstrasse (l.) und Party im Club St. Germain.

Der Stadtmensch will Grenzen überwinden: Gedränge an der Zürcher Bahnhofstrasse (l.) und Party im Club St. Germain.
Bild: Keystone

Land und Stadt driften immer mehr auseinander: Weltoffen gegen wertkonservativ, urbane Mischkultur gegen bodenständige Heimatliebe – der Konflikt zwischen den zwei Schweizer Lebensrealitäten wird schärfer. Den Trend beobachten Politologen seit Jahren. Und er hat am vergangenen Sonntag mit der deutlichen Abfuhr der Waffenschutzinitiative einen Höhepunkt erlebt: Politisch ticken urbane und ländliche Gebiete in der Schweiz nicht mehr gleich.

Während die Bevölkerung in den grossen Schweizer Städten mehrheitlich progressiv abstimmt, ist auf dem Land seit längerem eine Rückbesinnung auf konservativere Werte festzustellen. Aber wie tickt er denn, der typische Städter? Lesen Sie dazu unten das Porträt. (Hier geht es zum Porträt «Der Landschäftler»)

Der Städter

Eilig und einsam wandert er durch Strassenschluchten, zur Nähe gegenüber dem Mitmenschen gezwungen und doch auf Distanz zu ihm, leidend an seiner Isolation in der Beton gewordenen Anonymität der Metropolen – so hat, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, der deutsche Expressionist Alfred Wolfenstein den Stadtmenschen im Allgemeinen beschrieben.

Diesen notorisch neurotischen, unzufriedenen, unglücklichen Städter, der in seiner Schweizer Ausprägung noch im Jahre 1983 Ja gestimmt hat zur Überfremdungsinitiative eines James Schwarzenbach, weil er als Arbeiter die Konkurrenz zugewanderter Ausländer fürchtete – es gibt ihn nicht mehr. Wolfensteins Grossstadtlyrik ist passé. Sein Städter ist tot. Der Städter des 21. Jahrhunderts sagt hierzulande Nein zu Verschärfungen des Asyl- und Ausländerrechts, er sagte Nein zur Anti-Minarett- und Ausschaffungsinitiative, er sagt im Gegenzug Ja zur Öffnung des Landes und Ja zu mehr internationaler Zusammenarbeit. Und er sagte am vergangenen Wochenende auch Ja zur linken Waffenschutzinitiative und damit Nein zu einer Schweiz, die sich vermehrt auf traditionelle Werte besinnt.

Global denkend

Wie sieht er aus, der typische Städter? Und warum unterstützt er politische Anliegen, die er vor wenigen Jahrzehnten noch in Bausch und Bogen verworfen hat? Lukas Golder, Politologe am Forschungsinstitut gfs.bern, warnt vor Verallgemeinerungen. Doch klar ist: Der Mensch formt nicht nur die Stadt – die Stadt formt auch den Menschen. Die Städte des Industriezeitalters haben sich zu Stätten globaler Dienstleistungen gewandelt. Manche Arbeiter mögen ihren Werkplatz zwar noch in der Stadt haben; ihr Einfamilienhaus aber steht auf dem Land, und dort üben sie auch ihr Stimm- und Wahlrecht aus.

In den Städten hingegen lassen sich immer mehr global orientierte Unternehmen nieder, wie etwa das Beispiel Google in Zürich zeigt. Diese Firmenmilieus ziehen entsprechende Menschen an, sagt Golder: «Es sind Mitarbeiter, die sich beruflich entfalten und dem harten internationalen Wettbewerb stellen wollen, die zudem das kulturelle Angebot einer Stadt schätzen, die Lebhaftigkeit, die hohe Lebensqualität.» In den Städten leben nicht mehr, wie noch vor Jahren, vorwiegend Alte, Abhängige und Ausländer. Es seien vielmehr tendenziell jüngere, gut in die Arbeitswelt integrierte Männer und Frauen, Banker, Manager, Berater, «darunter durchaus auch bürgerlich Denkende», wie Golder sagt, «die aber auf Distanz gehen zum nationalkonservativen Milieu und Gedankengut, weil sie sich gewohnt sind, global zu denken».

Des Städters Schweizer Werte sehen anders aus

Noch immer mag der Stadtmensch, wie zu Wolfensteins Zeiten, individualistisch geprägt und heute auch kritisch eingestellt sein gegenüber traditionellen Gesellschaftsentwürfen – nur auf sich selbst bezogen ist er deswegen nicht. «In den Städten», sagt Golder, «ist der Individualisierungsgrad zwar sehr hoch, was sich unter anderem an der erhöhten Scheidungsrate zeigt, doch man ist via Internet mit der ganzen Welt vernetzt und tauscht sich entsprechend aus.» Im ländlichen Rufi-Maseltrangen, wo der St. Galler CVP-Nationalrat und Sicherheitspolitiker Jakob Büchler wohnt, knüpft man Kontakte aber nicht via Internet, sondern im Schützenverein. Nach dem Nein zur Initiative freute sich Büchler: «Schweizer Werte werden in diesem Land hochgehalten!» Des Städters Schweizer Werte sehen anders aus – darum hat er Ja gestimmt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.02.2011, 14:59 Uhr

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116 Kommentare

Adrian Hunziker

15.02.2011, 15:48 Uhr
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richard müller@ Solch generalisierte Vorurteile wis Sie hier schreiben, dass alle Staatsangestellte in subventionierte Wohnungen wohnen, ist schlicht eine Frechheit. In den "Staatsbetrieb" in dem ich arbeite sind gerade knapp 1o personewn von 70, welche noch in der Stadt wohnen. Daher lassen Sie solche bemerkungen besser sein. Antworten


Chris Meier

15.02.2011, 15:33 Uhr
Melden

Zu ergänzen wäre noch das deutlich höhere Bildungs- und Einkommensniveau des durchschnittlichen Städters. Antworten



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