Schweiz

Der Täter kehrt an den Tatort zurück

Von Markus Somm. Aktualisiert am 18.11.2011 72 Kommentare

Andrea Hämmerles Buch über Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist aufschlussreich. Es wirft einen neuen Blick auf ihre Wahl und zeigt: Sie hat gelogen.

Jubel im linken Lager: Nach der Abwahl von Christoph Blocher am 12. Dezember 2007 im Nationalrat.

Jubel im linken Lager: Nach der Abwahl von Christoph Blocher am 12. Dezember 2007 im Nationalrat.
Bild: Keystone

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Ich war ins Vorzimmer des Nationalrats gekommen mit der Absicht, Andrea Hämmerle zu treffen, den Bündner Nationalrat der SP. Ein paar Tage zuvor, im März 2008, hatte ich in der «Weltwoche» einen Artikel über einen Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens verfasst. Der Film war mit Erregung aufgenommen worden, weil er zum ersten Mal die Ereignisse der Abwahl von Christoph Blocher am 12. Dezember 2007 nachgezeichnet hatte.

Elektrisierend wirkte, wie offen die Protagonisten ihre Sicht der Dinge darstellten. Vor allem Ursula Wyss, Fraktionschefin der SP, und Christophe Darbellay, Präsident der CVP, waren aufgefallen: Freimütig, man kann auch sagen naiv, hatten sie darüber geplaudert, wie schön alles gelungen war. Als ob es sich darum gehandelt hätte, eine Schulreise zu organisieren – so munter sprudelte es aus den beiden jungen Politikern heraus. Willkommen im Komplott. Jederzeit gerne wieder.

Von hinten hatte ich Hämmerle an seinen schlohweissen Haaren erkannt und sprach ihn an. Im Vorzimmer herrschte Gedränge. Er blickte kurz zu mir, um sofort zu explodieren wie ein Vulkan: «Mit Ihnen rede ich schon gar nicht!» «Ja, warum denn?» Und – falls ich mich richtig entsinne – gab er zurück: «Weil Sie unanständig sind.»

Von Dummen und Schlauen

Er wandte sich ab und rannte davon, als ob er dem Teufel entkommen müsste. Zum Teil verstand ich seinen Zorn. Mit ihm war ich nicht in Verbindung getreten, bevor ich den Artikel geschrieben hatte. Da ich nur den Film rezensieren wollte, war ich der Auffassung gewesen, das sei nicht nötig. Mich beschäftigten die erstaunlichen Aussagen der Leute und was sie auslösten. Obwohl vom Autor des Films, Hansjürg Zumstein, angefragt, hatte Hämmerle ihm kein Interview gegeben. Damals zählte er zu den Schlaueren, die wussten, dass nach erfolgreichen Verschwörungen man die schmutzigen Details besser für sich behält.

Wie immer, wenn man zusammengestaucht worden ist, suchte ich ein erfreulicheres Gespräch, und mit einer gewissen Erleichterung lief ich in Werner Marti hinein, den damaligen SP-Nationalrat aus Glarus. Lange und angeregt, hin und wieder unterbrochen durch unser Gelächter, sprachen wir miteinander. Marti kannte ich seit Langem, die Beziehung war problemfrei.

Gute Putschisten schweigen

Während wir so plauderten, fiel mir auf, wie Hämmerle, der ein enger Freund von Marti ist, uns beide von Weitem beobachtete, und ich vermutete, dass ihn unsere Unterhaltung, je länger sie dauerte, desto mehr irritierte. Konnte man, musste man mit Somm reden? Kaum hatte ich mich von Marti verabschiedet, kam Hämmerle zu mir zurück, und mir schien, er wollte sich erklären.

Den Wortlaut kann ich nicht rekonstruieren. Wenn ich mich korrekt erinnere, lag ihm daran, mir klarzumachen, wie staatspolitisch bedenklich mein Artikel gewesen war und dass ich die SVP dazu verleitete, sich von ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zu trennen. Wir redeten länger – einig wurden wir uns nicht. Noch verrauchte sein Ärger. Und doch war ich bloss ein Blitzableiter.

Bei aller Bescheidenheit: Dass die SVP sich danach entschloss, Widmer-Schlumpf aus der Partei zu werfen, lag nicht an meinem Artikel, sondern an der Gedankenlosigkeit von Wyss und Darbellay. Nie hätten sie in jenem Film sagen dürfen, was sie verraten hatten. Nie decken Verschwörer auf, wie sie den König gestürzt haben. Gute Putschisten schweigen.

Hämmerles Erzählungen

Es ist ironisch und tragisch zugleich. Fast vier Jahre später hat nun auch Hämmerle sein Schweigen gebrochen und diese Woche seinen Rückblick vorgelegt («Die Abwahl. Fakten & Figuren». Rüegger Verlag, Glarus/Chur 2011). Auf gut 120 Seiten, in lockerem, nicht unsympathischem Ton, flüssig geschrieben und offen subjektiv schildert er seine Version.

Ironisch: Weil Hämmerle seinerzeit Wyss und Darbellay für ihre Schwatzhaftigkeit kritisiert hatte («Gewisse Leute haben zu viel geredet», «Südostschweiz», März 2008). Jetzt muss auch er darüber reden. Ob aus Eitelkeit oder schlechtem Gewissen, weiss nur er selbst. Tragisch: Weil Hämmerle mit diesem Buch Widmer-Schlumpf bestimmt bei ihrer Wiederwahl helfen will – und das Gegenteil bewirken könnte. Er schadet ihr immens. Nie hat einer, der dabei gewesen war, besser gezeigt, dass Widmer-Schlumpf ein Charakterproblem hat. Offensichtlich hat sie die Öffentlichkeit belogen, wie ausgerechnet Hämmerle jetzt nahelegt.

Vom Reiz einer Fernbeziehung

In ihrer ersten Pressekonferenz als gewählte Bundesrätin war sie von den Journalisten gefragt worden, wann und wie sie davon erfahren habe, dass sie Kandidatin sein könnte. «Ich habe es gehört, aber einfach so nebenbei. Ich war ja viel in Bern, und habe nebenbei immer wieder etwas gehört, ohne dass mein Name genannt worden wäre.» Auf eine Nachfrage gab sie an, dass sie erst am Dienstagabend ein SMS erhalten habe, worin ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Name zur Diskussion stehe. «Man wolle von mir keine Antwort. Das sei eine reine Information, damit ich nicht völlig überrascht sei. Ich habe das zur Kenntnis genommen.»

Tatsächlich stand sie seit dem Freitag vor der Wahl, die am Mittwoch anstand, in Verbindung mit Andrea Hämmerle. In seinen Memoiren schreibt er: «Am Ende der ersten Sessionswoche war es dann so weit. Nach kurzer Rücksprache mit meiner Fraktionspräsidentin entschloss ich mich, mit Eveline Widmer-Schlumpf Kontakt aufzunehmen. Weil sie am Freitag ausgebucht war, vereinbarten wir ein Telefongespräch für Samstagvormittag. Das Gespräch dauerte gut zwanzig Minuten. Ich schilderte ihr die politische Konstellation: die erheblichen Widerstände gegen eine Wiederwahl von Christoph Blocher, die chancenlose Kandidatur Recordon, die unsichere CVP, die SP-Präferenz für eine SVP-Gegenkandidatur.

Ich warnte sie davor, dass ihr Name von uns ins Spiel gebracht werde. Sie könne mit mindestens den SP-Stimmen, spätestens ab einem zweiten Wahlgang auch mit den Grünen rechnen. Gewiss würde sie auch aus den Reihen von CVP und FDP Stimmen erhalten. Sie hörte aufmerksam zu, stellte wenige Fragen, nahm das einmal so zur Kenntnis. Es war ein ernsthaftes Gespräch und keineswegs ein oberflächliches Geplauder.

Trotzdem glaubten an jenem Samstag – vier Tage vor der Wahl – weder sie noch ich an eine echte Wahlchance. Mit vielleicht achtzig Stimmen würde sie Christoph Blocher sicher nicht schlagen. Deshalb diskutierten wir auch nicht über eine allfällige Annahme oder Ablehnung der Wahl. Ich sicherte ihr zu, wieder mit ihr in Kontakt zu treten und sie über die weitere Entwicklung der Dinge zu informieren.»

Geheimer Draht nach Chur

Es folgten drei weitere Kontakte. Am Dienstagmittag orientierte Hämmerle sie mit einem Anruf «über den neuesten Stand der Dinge: dass ihr Name nach wie vor im Spiel sei und einem ganz kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sei, dass aber alles von den Fraktionssitzungen am Nachmittag abhänge, vor allem von der CVP-Fraktion. Sie nahm auch dies zur Kenntnis und hatte zu Recht nicht die Absicht, in irgendeiner Form aktiv zu werden.»

Wenige Stunden später, also am Abend vor der Wahl, schickte Hämmerle ihr eine E-Mail: «Ich orientierte sie darüber, dass die CVP-Fraktion beschlossen hatte, Christoph Blocher nicht zu wählen, selber jedoch keine Kandidatur zu lancieren. Ich schrieb ihr weiter, dass ihr Name ‹heiss› sei, und schlug ihr vor, am Mittwochmorgen noch einmal zu telefonieren. Eveline Widmer-Schlumpf antwortete, dass wir am Mittwochmorgen nochmals miteinander telefonieren könnten.»

Am Mittwoch vor der Wahl trafen sich alle Fraktionen um 7 Uhr früh zum letzten Mal. Erst jetzt wurden alle Parlamentarier der SP, der CVP und der Grünen mit dem Plan ihrer Parteispitzen vertraut gemacht, anstelle von Blocher Widmer-Schlumpf zu wählen. Schon am Montag hatten sich SP und CVP darauf verständigt. An Hämmerle hing alles. Er steuerte die Kandidatin bei, er war der Einzige, der den Kontakt zu ihr aufrechterhielt; allein er konnte abschätzen, ob es sich lohnte, auf sie zu setzen.

Nach der Fraktionssitzung rief Hämmerle Widmer-Schlumpf abermals an. «Ich orientierte sie über die neue Situation.» Knapp zwei Stunden später stieg die Bündner Regierungsrätin in Chur in den Zug nach Bern – angeblich, um am Fraktionsessen der SVP, das am Nachmittag stattfand, teilzunehmen. Sie hatte sich kurz vorher angemeldet.

Keine Frage des Stils

Diese Zitate genügen: «Einfach so nebenbei» hatte sie nicht davon gehört, dass sie Kandidatin der SP und CVP war, wie Widmer-Schlumpf das in aller Öffentlichkeit vor laufenden Kameras als frisch gewählte Bundesrätin gesagt hatte – und seither nie korrigiert hat. Das war eine Lüge. In Wahrheit war sie seit Tagen genau im Bild gewesen, wie Hämmerle belegt. Es sei denn, er sagt die Unwahrheit, was schwer vorstellbar ist.

Wenn Hämmerle von seinen Gesprächen mit Widmer-Schlumpf berichtet, betont er, wie sie sich «passiv» verhalten habe. Fast zu häufig «nimmt sie zur Kenntnis», tut nichts, hört zu. Warum fühlt sich Hämmerle gedrängt, darauf zu bestehen? Weil es den Kern des Verrats berührt, den sie an ihrer Partei begangen hat. Ich bin überzeugt, dass Hämmerle die Wahrheit schreibt und Widmer-Schlumpf ihm nie zugesagt hat, eine Wahl anzunehmen.

Entscheidender war, was sie nicht sagte: Sie lehnte nie ab. Hätte sie Hämmerle im Zweifel gelassen, ob sie Kandidatin ist, die SP hätte jemand anderen suchen müssen. Nur solange die Kandidatur geheim blieb, hatte sie Aussicht auf Erfolg. Wäre Widmer-Schlumpf am Dienstag vor der Wahl an die Medien getreten und hätte ihren Verzicht verkündet, die Abwahl wäre kaum möglich gewesen. «Wir hatten jedenfalls dann den Eindruck», sagte Ursula Wyss im Film von Zumstein über die Vermittlungsdienste von Hämmerle, «dass wir nicht aktiv nach Alternativen suchen müssen.» Damals, als Hämmerle mir verärgert davonlief, behauptete er nachher, Wyss habe übertrieben. Nach der Lektüre seines Buches ahnt man: Er ärgerte sich so sehr, weil die Wahrheit zu früh ans Licht gekommen war. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.11.2011, 16:01 Uhr

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72 Kommentare

Arnold Ganz

18.11.2011, 16:33 Uhr
Melden 70 Empfehlung

Der Stolz der Drahtzieher auf die Beteiligung an der Wahl-Intriege ist verflogen, die Freude daüber verblasst. Vermutlich wollte Herr Hämmerle mit seinem Buch Wahlhilfe an EWS leisten, nur diesmal ging der Schuss offensichtlich nach hinten los. Hämmerle's Buch rührt die Geschichte gerade zur rechten Zeit auf und beantwortet Fragen, welche von den Akteuren bisher unterschiedlich dargestellt wurden. Antworten


Jürg Allemann

18.11.2011, 16:34 Uhr
Melden 69 Empfehlung

Alte Kamellen. Tatsache ist, dass die Bundesversammlung die Wahlbehörde ist und EWS als SVP-Vertreterin gewählt hat. Die Parteien können Vorschläge machen, aber die BV wählt, so will es die Verfassung. Wenn die SVP anschliessend EWS ausschliesst, ist das nur ihr Problem. In der Politik wird manchmal mit harten Bandagen gekämpft, die SVP und Blocher sind ja sonst auch nicht gerade Chorknaben. Antworten



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