Schweiz
«Der grosse Unmut hat uns überrascht»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 08.06.2010 431 Kommentare
Barbara Krattiger ist Leiterin der Berner Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau. (Bild: Valérie Chételat)
Dieser 12-seitige Sprachleitfaden hat über 300 Kommentare bei baz.ch/Newsnet ausgelöst.
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In den 80ern haben Feministinnen für geschlechtsneutrale Sprache gekämpft. Nun haben wir 2010. Ist ein solcher Sprachleitfaden nicht völlig passé?
Seit den 80ern ist sehr viel passiert. Heute ist es selbstverständlich, Mitarbeitende zu schreiben, statt Mitarbeiter. Damals hat das dieselben Wellen ausgelöst wie heute der Zebrastreifen. Sprache kann noch geschlechtsneutraler werden. Dazu braucht es zwischendurch so einen Leitfaden. Übrigens empfehlen andere Verwaltungen, Unis, Fachhochschulen und sogar grosse Firmen dieselben Begriffe wie wir.
Auch, dass man statt Fussgängerstreifen Zebrastreifen sagen soll?
Ja, das Beispiel Zebrastreifen stammt nicht von uns, sondern ist im Leitfaden der Bundeskanzlei enthalten. Das ist das massgebende Nachschlagewerk für geschlechtergerechte Sprache. Ende 2009 ist eine Neuauflage erschienen. Ein Grund für uns, eine Anleitung in Taschenformat nachzuliefern.
Bei baz.ch/Newsnet sind über 300 Kommentare dazu eingegangen. Der Leitfaden sei lächerlich, schreiben die meisten und fragen, ob Sie denn keine anderen Probleme hätten. Können Sie diese Reaktionen nachvollziehen?
Ja, sehr gut. Dieser Leitfaden ist ein winzig kleines Geschäft für uns. Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit weitaus gewichtigeren Themen in Sachen Gleichstellung, etwa mit der Lohngleichheit. Aber die geschlechtsneutrale Sprache ist ein Teil der Gleichberechtigung.
Kann man denn mit Sprache tatsächlich Gleichberechtigung schaffen?
Ja. Sprache bildet Realität ab, Sprache formt aber auch Realität. Wenn man von Malern und Maurern spricht, kommt es einer jungen Frau nicht in den Sinn, eine Malerinnenlehre zu starten.
Obwohl ich selber eine Frau bin, fühle ich mich nicht ausgeschlossen, wenn etwa in einem Zeitungsartikel nur «Leser» angesprochen werden.
Stolpern Sie nie darüber?
Nein. Viele empfinden dies als altes feministisches Postulat, das längst seine Brisanz verloren hat.
Ich persönlich verwende im mündlichen Sprachgebrauch auch nicht immer beide Formen. Ich empfinde das als zu umständlich und kompliziert. Im Journalismus wird es schwierig, die geschlechtsneutrale Sprache eins zu eins umzusetzen. Vor dem Hintergrund der Gleichstellungspolitik ist es auf gesetzlicher Ebene jedoch ein Gebot, Bürgerinnen und Bürger in der Paarform anzusprechen.
Klar. Aber es nimmt lächerliche Züge an, wenn man Zebrastreifen statt Fussgängerstreifen sagen muss, Fahrausweis statt Führerausweis oder praxisbezogen statt anwenderbezogen.
Diese Begriffe sind auch nur als Vorschläge und Änderungen zu verstehen. Es wird niemandem auf die Finger geklopft, wenn weiter den Begriff Fussgängerstreifen benutzt wird. Es ist jedoch auch als Sensibilisierung zu verstehen.
Ist dies nicht ein Eigentor für Frauen?
Das grosse mediale Echo und der Unmut haben uns schon überrascht, zumal es sich ja nicht um ein Novum handelt. Gleichstellungsfragen sind offensichtlich immer noch umstritten. Es gibt auch Frauen, die sich mit der geschlechtsneutralen Sprache nicht exponieren wollen. Das gilt es zu respektieren. Das Thema hat denn auch bei uns nicht erste Priorität, ist aber ein klares Qualitätsmerkmal für zeitgerechte Kommunikation.
Geschlechtergerechte Sprache macht aber häufig alles etwas kompliziert.
Die Idee des Leitfadens war es, Möglichkeiten aufzuzeigen für elegantere Umschreibungen, um im selben Text nicht sieben Mal nacheinander Paarformen wie «Leserinnen und Leser» aufgreifen zu müssen. Das ist mir auch selber ein Anliegen. Es braucht kreative Lösungen, damit der Text trotzdem eine Leichtigkeit hat.
Wie viel hat der Leitfaden gekostet?
Alles inklusive 7500 Franken. Die Kosten halten sich in einem vertretbaren Rahmen, weil dafür weder ein riesiges Konzept noch ein grosser Aufwand notwendig war.
Was, wenn man sich bei der Berner Stadtverwaltung nicht an den Leitfaden hält?
Sicher werden die offiziellen Publikationen und Medienmitteilungen überprüft und entsprechend korrigiert. Aber die zuständigen Stellen werden sicher nicht jedem Punkt hinterherrennen. Der Leitfaden ist als Sensibilisierung zu verstehen. Der Gemeinderat wollte mit der Verbindlichkeit klar machen, dass er das Thema Gleichstellung ernst nimmt.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.06.2010, 16:44 Uhr
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431 Kommentare
In was für einer Welt leben wir eigentlich! In Bern darf man nicht mehr "Fussgängerstreifen" sagen und in Zürich muss in Gartenbeizen während der WM an den TV-Geräten der Ton ausgeschaltet werden! Haben die keine anderen Probleme?! In Europa geht der Euro und die halbe Wirtschaft den Bach runter, in Amerika gibt's die grösste Öl-Katastrophe seit jeher, vom weltweiten Klimawandel ganz zu schweigen. Antworten
Wenn der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät sich nochmals über irgendeine andere Schweizer Stadt lustig macht oder herumspottet, soll er sich immer wieder diesen Artikel und die diversen Kommentare anschauen und einfach schweigen (auch wenn er das oft gar nicht kann), denn mit dieser Aktion hat er sich und die Stadt Bern definitiv zur Lachnummer der Schweiz gemacht. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





