Kommentar

Der lange Weg seit Marignano

Seit wann ist die Schweiz neutral? Seit sie zum Kleinstaat wurde. Es begann mit einer herben Niederlage im Jahr 1515. Ein Kommentar.

Die Schlacht bei Lützen: Tod Gustav Adolfs II. von Schweden im Jahr 1632.

Die Schlacht bei Lützen: Tod Gustav Adolfs II. von Schweden im Jahr 1632. Bild: Keystone

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Es gibt kaum eine Maxime der schweizerischen Politik, die so wenig umstritten ist wie die Neutralität. In Umfragen sind es immer erdrückende Mehrheiten der Befragten, welche die Neutralität als zentralen Wert der Schweiz bezeichnen, und keine politische Eigenschaft der Schweiz ist vielleicht weltweit bekannter – und anerkannter – als die Neutralität. Vor diesem Hintergrund mutet die jüngste Debatte unter Historikern und Politikern surreal an: Wenn etwas so unbestritten ist, warum soll es sich lohnen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wann genau diese Praxis zum ersten Mal angewandt wurde oder wie sie entstand?

Ob seit Marignano, als die Eidgenossen eine ihrer härtesten Niederlagen erlitten – oder ob erst seit 1815, als die Grossmächte am Wiener Kongress unserem Land die «immerwährende Neutralität» garantierten: Ist das von Belang? Oder wie entbehrlich ist eine Debatte, die inzwischen alle Podien und Zeitungen beherrscht?

Unbestrittene Aussage

Thomas Maissen, der Leiter des Deutschen Historischen Institutes in Paris, ein Schweizer, der sich mit vielen Büchern über die Schweizer Geschichte einen Namen gemacht hat, legte vor Kurzem ein weiteres Buch vor, in dem er sogenannte Heldengeschichten unserer nationalen Geschichte zu dekonstruieren sich vorgenommen hat. Er wählte jeweils ein Zitat von Christoph ­Blocher oder Ueli Maurer, zwei Politikern der SVP, und stellte es an den Anfang eines Kapitels – um es dann zu zerlegen – oder immerhin den Versuch der Zerlegung zu unternehmen.

Unter den vielen (angeblichen oder wahren) Legenden befindet sich auch die Frage, inwiefern Marignano mit unserer Neutralität zusammenhängt oder besser: inwiefern in Marignano unsere Neutralität entstanden ist oder eben nicht. «Auf die Schlacht von Marignano geht unsere Neutralität zurück», zitiert Thomas Maissen Alt-Bundesrat Christoph Blocher, «die ist viel älter als der Bundesstaat.» Dass Maissen nur Blocher anführt, ist kurios. Er hätte Dutzende von anderen Bundes­räten zitieren können. Für Jahrzehnte war diese Aussage unter allen namhaften Politikern dieses Landes unbestritten, unter Rechten wie unter Linken. Es galt als Gemeinplatz: Nachdem die Schweizer in Marignano gegen die Franzosen verloren hatten, zogen sie sich aus der grossen europäischen Politik zurück – und entwickelten – peu à peu – eine Neutralitätspolitik, für die sie schliesslich berühmt wurden.

Zunehmende Obsession

Dass Maissen Blochers Worte auswählte und ein ganzes Buch verfasste, das lange Antworten auf dessen kurze Zitate gibt, ist natürlich kein Zufall. Auch Maissen scheint ein Opfer einer Obsession geworden zu sein, wie sie unter manchen Historikern unseres Landes grassiert. Im Glauben, unser Land habe in den letzten Jahren nur deshalb einen Sonderweg in Europa begangen, weil Blocher und seine ungeliebte Partei aktiv waren, meinen sie, alles, was Blocher über die Schweizer Geschichte sagt, müsse aus Prinzip bekämpft und widerlegt werden. Manchmal fühlt man sich wie in einem Theaterstück von Ionesco: Es ist absurd. Würde Christoph Blocher morgen behaupten, im Jahr 1848 sei der Schweizerische Bundesstaat gegründet worden, und er halte diesen Schritt für einen sehr wichtigen in unserer Geschichte, würde sich sofort ein Historiker finden, der wortreich zu belegen suchte, dass der Bundesstaat eigentlich erst 1919 mit dem Generalstreik geschaffen wurde – und dass jede anderweitige Behauptung ein bedauernswertes Relikt aus der Geistigen Landesverteidigung darstelle.

Was ist von Maissens Thesen zu halten? Grob zusammengefasst, räumt Maissen zwar ein, dass die Eidgenossen sich nach der Niederlage von Marignano aus der «kriegerischen Aussenpolitik» zurückgezogen hätten, doch hätten sie danach keineswegs eine Neutralitätspolitik praktiziert. Aber auch die Ursachen des Rückzuges will er keineswegs mit Marignano in Verbindung bringen.

Ich konzentriere mich auf Letzteres: Natürlich hat niemand auf dem Schlachtfeld von Marignano entschieden, für die nächsten dreihundert Jahre auf eine eigenständige, militärische Aussenpolitik zu verzichten. Auch wenn es eine bittere Niederlage war – so klug war keiner. Was aber danach geschah, hat dennoch diesen Rückzug zuerst nahegelegt, dann erzwungen. Kurz nach der Niederlage kam es in der Heimat zu Aufständen gegen den Solddienst, weil sich immer mehr Leute fragten, warum es Sinn machen sollte, in fremden Ländern für unklare Ziele zu kämpfen. Diese Aufstände mussten die Behörden ernst nehmen. Und sie zogen die Konsequenzen. Innenpolitisch bestand keine ausreichende Bereitschaft mehr (wenn es sie je gegeben hatte), in der Lombardei oder anderswo eine Politik der Besatzung und Eroberung zu betreiben. Man begnügte sich mit dem Tessin.

Die Uneiniggenossenschaft

Bald löste nicht zuletzt der Widerstand gegen die fremden Dienste in Zürich die Reformation aus, was die Eidgenossenschaft auf eine Art verändern sollte, die es bis auf Weiteres ausschloss, in europäischen Konflikten je wieder Partei zu nehmen: Weil die meisten Kriege bis nach dem Dreissigjährigen Krieg (1648) konfessionelle Auseinandersetzungen waren, blieb der Schweiz gar nichts anderes übrig, als sich neutral zu verhalten. Alles andere hätte zum Untergang des Landes geführt.

Dass die Schweiz durch den Glauben gespalten wurde, ist kein Zufall. Die alte Eidgenossenschaft war extrem dezentral verfasst, also häufig uneinig, die einzelnen Kanton verteidigten ihre Autonomie mit Zähnen und Klauen. Sie widersetzten sich jeder Zentralisierung, und vor allen Dingen: Kein Kanton war so stark, dass er die anderen je hätte dominieren können. Was im ­16. Jahrhundert dazu führte, dass die Schweiz in reformierte und katholische Gebiete zerfiel, hat aber auch die Niederlage von Marignano verursacht: die hartnäckige Streitlust – man kann es auch positiver formulieren: die unbedingte Liebe zur eigenen Freiheit.

Gewiss, die Eidgenossen haben in Marignano aus verschiedenen Gründen verloren: keine nennenswerte Artillerie, ein Angriff im falschen Moment am falschen Ort, lausige Verpflegungssituation und so weiter. Nichts aber war wohl entscheidender als die Tatsache, dass jeder Kanton weiterhin darauf bestand, selber zu handeln, gemäss den Regeln, die man für richtig hielt – ganz gleich, was auch immer geschah. Die kantonale Autonomie und die relativ weit entwickelte interne Demokratie standen über allem. Ausdruck davon war auch die frühe Form von militärischer Basisdemokratie, die man selbst auf dem Schlachtfeld, im Angesicht des Feindes, bis zum Exzess betrieb: Die Kriegergemeinden, wo alle Soldaten stimmberechtigt waren, stimmten sogar über taktische Entschlüsse ab.

Fehlende Zentralisierung

Schon Tage vorher waren die Berner, Freiburger, Bieler und Solothurner abgezogen, kurz vor der Schlacht wollten eigentlich auch die Zürcher und Zuger heim – nur die Innerschweizer drangen auf die Auseinandersetzung und mussten am Schluss sogar zu einer Finte greifen, um die übrigen Schweizer an die Front zu bringen. So war man den Franzosen schon allein numerisch unterlegen. Trotzdem entschieden die Eidgenossen am ersten Tag die Schlacht fast für sich – am zweiten gingen sie unter. 10'000 fielen.

Diese Zerstrittenheit unter den Kantonen war nichts Neues, immer wieder flackerte sie auf – und hintertrieb eine gemeinsame, erfolgreiche Aussenpolitik. Marignano war der Kulminationspunkt dieses Versagens. Die Niederlage machte deutlich: Entweder ändert sich etwas in der inneren Organisation der Eidgenossenschaft – ein komplexes Geflecht von Bündnissen zwischen sehr eigensinnigen Kantonen – oder man zieht sich aus dieser Aussenpolitik zurück.

Nötig wäre eine stärkere Zentralisierung gewesen. Das wollte niemand, ja, war nicht einmal ein Thema. Deshalb ergab sich fast wie von selbst die zweite Option. Marignano hat diesen Weg nicht neu gelegt, aber gebahnt, weil keine Niederlage den Schweizern die Grenzen ihrer aussenpolitischen, aber auch innenpolitischen Möglichkeiten brutaler aufgezeigt hatte. Um die eigene Freiheit intern zu bewahren, war dies die einzige Lösung. Der Weg in die Neutralität erfolgte in Etappen. Lange verstand man nicht in allen Punkten das Gleiche darunter, wie wir heute. Das ist ein normaler Vorgang.

Könige der Bescheidenheit

Doch am Anfang stand ein Verzicht: Seit 1515 enthielt sich die Schweiz. Nie mehr nahm sie an europäischen Kriegen als eine Partei teil. Sicher, man schloss weiterhin viele Bündnisse, bis noch in den Dreissigjährigen Krieg, der 1628 begann. Doch oft widersprachen sich diese Allianzen gar: Man unterzeichnete ein Bündnis mit Frankreich und eines mit Österreich zugleich, sodass jede Kriegsbeteiligung von vornherein ausgeschlossen war. Bald hielt man sich ganz zurück.

Gewiss, man schickte jahrhundertelang Söldner in fast jeden Krieg, und diese kämpften oft auf beiden Seiten, ja, man sorgte sogar bewusst dafür, um die schweizerische Neutralität zu unterstreichen. Man wollte niemanden bevorteilen – und keine Grossmacht hat je daran Anstoss genommen, dass die Schweiz Söldner lieferte. Es trifft nicht zu, was Maissen suggeriert: Niemand sah darin einen Verstoss gegen die Neutralitätspolitik der Schweiz.

In Marignano wurde die Neutralität nicht erfunden. Aber nach Marignano wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen. Es war eine Wende. Die Schweiz blieb endgültig ein Kleinstaat ohne aussenpolitische Ambitionen. Bis heute. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.04.2015, 07:28 Uhr

Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

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