Schweiz

Der zweite politische Frühling

Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 13.04.2011 1 Kommentar

Die ehemalige Genfer Staatsrätin Micheline Spoerri will in die französische Nationalversammlung. Sie fühlt sich dafür gut gewappnet.

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Die Politkarriere von Micheline Spoerri schien am 13. November 2005 jäh beendet. Die Genferinnen und Genfer wählten die Justiz- und Polizeidirektorin nach nur vier Jahren im Amt ab. Besonders hart war für Spoerri, dass sie als ehemalige Präsidentin der Liberalen Partei Genfs von zahlreichen Parteigängern im Stich gelassen wurde.

Ein Vorwurf aus dem rechten Lager haftete wie Pech an der wieder kandidierenden Staatsrätin: Spoerri habe sich im Juni 2003 in ihrem Büro verschanzt, anstatt klare Order an die Polizei zu geben und die Öffentlichkeit zu informieren, als in der Genfer Innenstadt eine Demonstration von Globalisierungsgegnern gegen den G-8-Gipfel von Evian ausartete und mit schweren Sachbeschädigungen endete. Der Vorwurf, sie habe als Krisenmanagerin versagt, kränkte Spoerri zutiefst.

Begeisterung für die Politik ungebrochen

Denn als Unternehmerin war die Biochemikerin erfolgreich, bevor sie mit 45 Jahren in die Politik einstieg. Ein halbes Jahr nach der Abwahl veröffentlichte sie ihre Version der Ereignisse vom Juni 2003 in Buchform. Minute für Minute rekonstruierte sie das damalige Geschehen vor und hinter den Kulissen der Staatsmacht. Ihr Fazit: Im Gegensatz zu anderen Anti-G-8-Demonstrationen habe es in Genf immerhin keine Toten und Schwerverletzten gegeben. Acht Jahre nach dem Gipfel, zu dem Frankreich die Staatschefs der G-8 nach Evian am Genfersee geladen hatte, zieht es Spoerri in die französische Politik.

Die 65-Jährige kündigte gestern in «Le Temps» an, sie werde 2012 im Nachbarland für einen Sitz in der Nationalversammlung kandidieren. Französinnen und Franzosen, die im Ausland leben, dürfen dann erstmals in elf Wahlkreisen eine oder einen Abgeordneten aus ihren Reihen wählen. Spoerri wird als Liberale im Wahlkreis Schweiz und Liechtenstein kandidieren, in dem 120'000 wahlberechtigte Franzosen leben. «Meine Abwahl als Staatsrätin war eine grosse Enttäuschung. Aber sie hat meine Begeisterung für die Politik keineswegs gebrochen», sagt Spoerri, Sie ist seit ihrer Geburt in Algier Doppelbürgerin. Ihr Vater Kurt Spoerri war ein Zürcher, der in Algerien bis zum Unabhängigkeitskrieg ein Transport- und Handelsunternehmen betrieb.

Auslandbürger sollen als «vollwertige Mitbürger» ernst genommen werden

Die französische Staatsbürgerschaft erbte sie von der Mutter, das Bürgerrecht von Rüti ZH vom Vater. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr wuchs Micheline Spoerri in Frankreich auf und war – so sagt sie – «stets in beiden Kulturen zu Hause».Die Genfer Liberale fühlt sich als potenzielle französische Abgeordnete gut gewappnet. «Ich hatte als Justiz- und Polizeidirektorin laufend mit französischen Behörden zu tun. In der Schweiz habe ich gute Beziehungen zu allen drei Ebenen im Staat», sagt sie. Falls die Auslandfranzosen sie zur Abgeordneten wählen, würde sie sich dafür einsetzen, dass die etwa wegen des Steuerstreits belasteten Beziehungen zwischen Bern und Paris «möglichst harmonisch werden».

Für Spoerri ist es nicht aussergewöhnlich, dass sie als einstige Regierungsrätin eines Schweizer Kantons nun französische Parlamentarierin werden will. Staatsbürger, die im Ausland lebten, würden von ihrem Heimatland oft beiseitegeschoben, sagt sie. «Sie haben aber ein Recht, als vollwertige Mitbürger ernst genommen zu werden.» Ihr Vater machte diese Erfahrung als Auslandschweizer in Algerien. Künftig möchte Spoerri in Paris ihre Erfahrung als Auslandfranzösin einbringen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2011, 21:22 Uhr

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1 Kommentar

Hans Saurenmann

13.04.2011, 06:43 Uhr
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Bravo, go for it Micheline Antworten



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