Die Glückskette im Vorteil

Das Schweizer Radio und Fernsehen stellt der Glückskette kostenlos Sendezeit zur Verfügung und gräbt damit anderen Hilfsorganisationen das Geld ab.

Medienwirksame Inszenierung: SRF-Moderatorin Kathrin Hönegger in der Sendung «Jeder Rappen zählt».

Medienwirksame Inszenierung: SRF-Moderatorin Kathrin Hönegger in der Sendung «Jeder Rappen zählt». Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) macht Werbung für die eigene Spenden­sammelstiftung Glückskette. Es tut das unter anderem regelmässig in der ­sonntäglichen Sendung «mitenand», die eigentlich Organisationen vorbe­halten ist, die das Gütesiegel der Zewo tragen und damit hinsichtlich der Verwendung der Spendengelder geprüft und für vertrauensvoll anerkannt sind. Nur: Die SRF-Glückskette selber hat das Zewo-Gütesiegel nicht.

Das blenden SRF und die Zewo gerne aus. Beispiel: In der Radiosendung «Glückskette aktuell» vom 25. März 2012 erklärt Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer den Zuhörern, wie wichtig das Gütesiegel der Zewo sei und dass man beim Spenden auf dieses ­Gütesiegel achten solle. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Glücks­kette selber nicht zertifiziert ist.

Falscher Eindruck erweckt

Die Zewo ist vertraglich an der ­Sendung «mitenand» beteiligt. Zewo-Geschäftsleiterin Ziegerer bestätigt, dass die Glückskette nicht Zewo-zertifiziert ist. Das sei aber nicht möglich, da es sich um eine Sammelstiftung handle, die ja keine eigenen Projekte durch­führe. Genau darauf wurde aber in der Fernsehsendung «mitenand» vom 1. Januar diesen Jahres nicht hingewiesen. Im Gegenteil: Die Sendung erweckt den Eindruck, als ob die Glückskette selber Projekte durchführt. Gezeigt wird der haitianische Fischer Isnor Alfred, wie er drei Jahre nach dem verheerenden ­Erdbeben neue Fangtechniken lernt: «Die Glückskette unterstützt die Fischer bei der Reparatur ihrer Boote und einfacher Holzhäuser.» Heute fängt Alfred grössere Fische und verdient mehr Geld.

Fazit nach gut drei Minuten Sendung: «Die Glückskette unterstützt die Fischer dabei, nach der Katastrophe wieder selbstständig zu werden.» Der Hinweis auf den Projektpartner fehlt, der die eigentliche Arbeit in Haiti macht. Würde die Glückskette selber helfen, wie sie vorgibt zu tun, müsste sie sich von der Zewo zertifizieren lassen, um im Sendegefäss «mitenand» berücksichtigt zu werden.

Gelten also ungleiche Ellen für die Glückskette, weil sie eine Stiftung von Schweizer Radio und Fernsehen ist? Bei SRF verweist man auf einen Vertrag mit der Zewo über die Sendung. Darin hat man festgelegt, dass an jedem Sonntag im Jahr ein von der Zewo zertifiziertes Hilfswerk seine Arbeit präsentieren kann. Seit einigen Jahren darf die Glückskette an vier Feiertagen mitmachen. Diese Ausnahme ist im offiziellen Sendungsporträt jedoch nicht enthalten.

SRF gesteht diesen Fehler ein und wird das Porträt auf Anfrage der BaZ nun überarbeiten. Die etablierten Hilfswerke sind sowieso schon kritisch auf SRF und die Glückskette zu sprechen. Die im Dezember zum vierten Mal durchgeführte Sammelwoche «Jeder Rappen zählt» des Staatssenders und seiner Stiftung gräbt anderen Hilfs­werken in der wichtigsten Sammelzeit das Geld ab.

Keine Kostentransparenz

SRF stellt der Glückskette die Sendezeit kostenlos zur Verfügung, der Aufwand wird durch Zwangsgebühren bezahlt. Alle anderen Hilfswerke müssten für eine derartige Präsenz ­bezahlen. In welchem Verhältnis die Kosten von «Jeder Rappen zählt» zu den gesammelten 6,7 Millionen Franken stehen, kann nicht beurteilt werden. SRF macht die Kosten nicht transparent.

Die Verbandelung zwischen SRF, Glückskette und Zewo wird auch an einer Sitzung der Präsidenten der grossen Hilfswerke Ende Januar Thema sein. Für das Fernsehen ist die Sammel­woche im Dezember willkommene Werbung für ihr soziales Engagement in einer für die Einschaltquote schwierigen Woche. SRF-Direktor Ruedi Matter soll an einer Aussprache zum Thema gesagt haben, die Sammelaktion falle darum genau zwischen die letzten wichtigen Polit- und Sportereignisse und die ersten Weihnachtssendungen.

Glückskette und soziales Engagement als Quotenfüller? Auf jeden Fall hat das wenig mit dem Ursprung der Glückskette zu tun, bei der sich ­Radiohörer einst gegenseitig Wünsche erfüllten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.01.2013, 13:18 Uhr

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