Schweiz
Die Nadel Gottes
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 04.03.2009 93 Kommentare
Will ein Cartoonist klarmachen, dass eine Szene in der islamischen Welt spielt, skizziert er eine Stadtsilhouette mit drei Minaretten, und die Sache ist klar. Wie kein anderes Symbol verkörpert das Minarett den Islam. Viele Muslime finden es unabdingbar. «Es gehört zu einer kompletten Moschee wie ein Kirchturm zur Kirche», hat der Vizepräsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich gesagt.
Darum wird die Initiative rechter Kreise «Gegen den Bau von Minaretten», die ein Bauverbot in die schweizerische Verfassung schreiben will und morgen in den Nationalrat kommt, als aggressiv empfunden: Sie scheint ins Herz des Islam zu zielen.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass das Minarett gar kein zwingender Bestandteil des Islam ist. Wenigstens nicht, wenn die Muslime das Prinzip ernst nehmen, ihren Glaubensstandard aus dem Koran sowie aus den Taten und Sprüchen des Propheten Mohammed abzuleiten. Denn der Islam, wie ihn Mohammed ab 610 nach Christus zuerst in Mekka, dann in Medina verkündete, kannte keine Minarette; auch in den ersten Jahrzehnten nach Mohammeds Tod gab es diese nicht.
Das Minarett ist dem Urislam wesensfremd. Dieser äussert Abneigung gegen hohe Gebäude. Dafür gibt es einen weltlichen und einen theologischen Grund. Türme bedeuten zum einen «Kirche», erinnern an Byzanz, die christliche Grossmacht der Epoche, die Konkurrenz im Norden. Zum anderen sind im Koran, den der Muslim als Gottes direkte Rede nimmt, himmelwärts ragende Bauten grundsätzlich etwas Negatives. Sie stehen für den sinnlosen Grössenwahn der Menschen. «Wo auch immer ihr seid, der Tod ereilt euch doch, und wäret ihr in hohen Burgen», heisst es da. An anderer Stelle gebietet Pharao, der heidnische Despot: «O Haman, baue mir einen Turm, sodass ich die Zugänge erreiche, die Zugänge zu den Himmeln, damit ich ihn sehen kann, den Gott des Mose, und ich halte ihn wahrlich für einen Lügner.» Vor allem aber taucht im Koran der biblische Stoff vom Turmbau zu Babel auf: Gott rüttelt an den Turmmauern, «sodass das Dach von oben her auf sie stürzte; und die Strafe kam über sie, ohne dass sie ahnten, woher».
Islam und Minarett mussten sich zuerst finden, das dauerte. Anders die Moschee, die zum islamischen Grundinventar gehört als Fortführung der ersten Gebetsräume, in denen Mohammeds Frühgemeinde sich versammelte. Die Einrichtung des Muezzins, des Gebetsrufers, hat Mohammed gar selber gestiftet.
Eines Tages nämlich wird dem Propheten klar, dass seine stark gewachsene Anhängerschaft nicht mehr so einfach zu lenken ist. Er befiehlt einem schwarzen Ex-Sklaven aus Abessinien mit einer wohlklingenden Stimme: «Steige empor, Bilal, und rufe sie alle zum Gebet!» Bilal begibt sich auf ein Dach. Doch diese improvisierte Nutzung einer bestehenden Erhöhung ist umstritten. Ali, der vierte Kalif (Mohammed-Nachfolger), lässt gar eine Hilfskonstruktion auf einem Dach abreissen. Ihn stört, dass der Muezzin auf die anderen Dächer sieht; diese sind Familien und Frauen zugedacht. Aus diesem Grund wird sich später auch der Brauch entwickeln, speziell Blinde zu Muezzins auszubilden und auf die Minarette zu schicken.
Die Baugeschichtler dokumentieren und spekulieren, woher die Minarette stammen, da sie also nicht altarabischer Herkunft sind. Sicher dienten an manchen Orten, etwa in Damaskus, Kirchen als Vorbild. Manchen Minaretten Ägyptens wiederum stand offensichtlich bis in die Details der antike Leuchtturm zu Alexandria Pate, eines der sieben Weltwunder. Dazu passt, dass «Minarett», arabisch «Minara» oder «Manara», abgeleitet ist von «Nur» gleich Licht; in diesem etymologischen Zusammenhang bewegt sich auch die Deutung, die ersten Minarette seien mit Fackeln erleuchtete Wachtürme gewesen. Römische und byzantinische Siegessäulen mögen auch inspirierend gewirkt haben. Dazu indo-arische Holzpfähle, die Gottheiten verkörperten. Und kleine Leuchttürme in der Wüste, die den durchziehenden Karawanen den Weg wiesen.
Zeichen im neu eroberten Gebiet
Das Kommen des Minaretts vollzieht sich langsam. Vorerst gibt es auf einigen Moscheedächern eine Art überdachtes Stehpult für den Muezzin, unserer Pfarrkanzel vergleichbar. Wenige Moscheen nur bekommen bereits unter den Omayyaden, der ersten grossen Dynastie des Islam von 661 bis 750, ein Minarett. Und es ist beileibe nicht klar, ob diese Minarette für den Muezzin gedacht waren, also der unmittelbaren Glaubensverbreitung dienten. Der Bostoner Kunsthistoriker Jonathan M. Bloom, ein renommierter Spezialist für islamische Architektur, glaubt nicht daran. Über zwei einigermassen frühe Moscheen in Mekka und Medina mit Minaretten schreibt er: «Man muss sich vorstellen, dass in beiden Fällen die Türme gebaut wurden, nicht um zum Gebet zu rufen, sondern um die spezielle Heiligkeit der Stätten, die sie schmückten, zu markieren und zu verkünden.»
Das Minarett wird dann auch, was die deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel «eine Art Siegesturm» nannte: das, so Schimmel, «sichtbare Zeichen der Gegenwart des Islam in einem neu eroberten Gebiet». Zeitgleich zu dessen Expansion schiessen die Türme überall gen Himmel. In der fabulösen Epoche der Abbasiden, die den Islam in alle Weltrichtungen tragen, wird das Minarett ab dem neunten Jahrhundert quasi serienmässig an die wichtigen Moscheen gebaut. Allerdings gibt es auch in dieser Blütezeit kein Einverständnis der gesamten muslimischen Welt, dass der Turm unabdingbar sei. Die schiitischen Fatimidenherrscher Ägyptens zum Beispiel lehnen Minarette ab, da diese in ihren Augen die abbasidische Potenz ausdrücken. Es geht beim Minarett von dessen Anfang bis in die Gegenwart mehr um Politik und Macht als um Spiritualität.
Speziell gilt dies für die Osmanen in der Türkei und ihr auf unzähligen Feldzügen geschmiedetes Vielvölkerreich. Unter ihnen entstehen jene Minarette, die wir von Postkarten aus Istanbul kennen: hoch, bleistiftdünn, imperial, imposant. Nachdem Mehmet der Eroberer, aus der Osmanendynastie, 1453 das christliche Konstantinopel genommen hat, lässt er als Erstes der altehrwürdigen Hagia-Sophia-Kirche ein Minarett beifügen, vorerst ein provisorisches aus Holz. Bei der Reconquista in Spanien, der Rückeroberung islamischen Terrains durch Christen, geschieht das Gegenteil: La Giralda in Sevilla ist ursprünglich ein Minarett der arabischen Almohadendynastie, errichtet im zwölften Jahrhundert – bis man es umfunktioniert in einen Kirchen-Glockenturm.
So wogt der Kampf hin und her. Bis in unsere Gegenwart. Den Christen auf dem Balkan sind die Minarette der Osmanen nach wie vor ein Greuel: Sie stehen für die Unterdrückung vergangener Jahrhunderte. In Bosnien und anderswo auf dem Balkan sprengen die Serben in den Neunzigerjahren Minarette gezielt. Es ist der pure Hass gegen ein Stück Architektur.
Am Minarett haben sich aber auch die Emotionen der Muslime aufgeladen. Abgesehen davon, dass dieses sich in Ostafrika oder auch in einem Teil von Fernost nie oder dann erst durch eine Art islamische Globalisierung im 20. Jahrhundert durchgesetzt hat – es hatte auch im islamischen Kernland selber seine Skeptiker, ja Feinde. Die Wahhabiten, die Puritanersekte etwa, aus der Saudiarabien keimte, zerstören in einer Art Denkmalsturm im 18. Jahrhundert Minarette, da sie diese als unislamisch ansehen.
Sind Minarette frivol?
Diese Strömung zieht sich bis heute weiter. Der konservative malaysische Architekturprofessor Mohamad Tajuddin Mohamad Rasdi zum Beispiel propagiert Bauten, die den islamischen Grundwerten entspringen. Er nennt Minarette «frivol» und fragt: «Wie kann der Mensch an Gott erinnert werden, wenn seine Schöpfungen die des Schöpfers überragen?»
Es gibt also Muslime, die tun sich schwer mit Moscheetürmen; eingefleischte Traditionalisten lehnen sie gar ab, weil sie in der islamischen Theorie nicht verwurzelt sind. Daran darf man jene Gläubigen, die sie hierzulande unbedingt bauen möchten und sie als zwingend bezeichnen, durchaus erinnern. Sympathischer mutet es an, wenn Muslime Minarette pragmatisch begründen, mit etwa den folgenden Worten: Minarette gibt es seit Jahrhunderten. Wir leben mit ihnen, sind mit ihnen aufgewachsen, haben uns an sie gewöhnt – wir finden sie schön, und sie sind ebenso normal für uns wie Kirchtürme für Christen.
Gegen dieses gewohnheitsrechtliche Argument ist schwer etwas einzuwenden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2009, 05:30 Uhr
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93 Kommentare
"Wir, das Volk" - dann gehören ich und die Mehrzahl der Schweizer wohl nicht zum Volk. Als Vertreter des Nicht-Volkes finde ich die Initiative extrem peinlich. Ich habe auch kein Bedürfnis, mich bei islamistischen Extremisten anzubiedern, indem ich deren trunkene Kriegsrhetorik kopiere. Ich möchte lieber - auch in den Medien - mit dem Durchschnittsmuslim nüchtern über den Islam diskutieren können. Antworten
Unsere politiker scheinen den Sie des Minaretts nicht zu verstehen,und nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. Zitat Erdogan Türkischer Ministerpräsident Wir haben unsere Truppen nach Europa gesandt,die Moscheen sind ihre Helme,die Minarett ihre Bajonette und mit ihren Lenden werden sie Europa in ein islamisches Land verandeln.Dies ist eine Kampfansage mit einem klaren Ziel. Wollen wir diese Bajonet Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





