Schweiz

«Die Schweiz hat aus dem Nazi-Gold-Debakel nichts gelernt»

Von Fiona Endres. Aktualisiert am 15.01.2016 574 Kommentare

Dänemark diskutiert über die Wertsachen-Abgabe bei Flüchtlingen. In der Schweiz ist das bereits gängige Praxis. Europa ist empört.

Wertsachen-Abgabe bei der Einreise: Ein Grenzwächter beäugt einen Neuankömmling an der Grenze von Chiasso.

Wertsachen-Abgabe bei der Einreise: Ein Grenzwächter beäugt einen Neuankömmling an der Grenze von Chiasso.
Bild: Keystone

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Der Aufschrei war gross. Die dänische Regierung will Flüchtlingen Bargeld und Schmuck abnehmen, damit sie für einen Teil der Kosten für Sozialhilfe und Unterkunft selbst aufkommen. Das Flüchtlingswerk der UNO (UNHCR) nannte die Idee «eine Einmischung in die Privatsphäre» und «einen Affront an die Würde der Flüchtlinge». Viele Medien verglichen den Vorschlag mit der Judengold-Affäre im Zweiten Weltkrieg.

Flüchtlinge müssen Geld abgeben

Nun wurde bekannt, dass die Enteignung von Flüchtlingen in der Schweiz gängige Praxis ist. Dies zeigte ein Beitrag von «10 vor 10» gestern. 1000 Franken dürfen Flüchtlinge behalten, der Rest wird ihnen bei der Ankunft abgenommen. Léa Wertheimer vom Staatssekretariat für Migration begründet diese Praxis in der Sendung: «Wenn jemand freiwillig innerhalb von sieben Monaten ausreist, kann diese Person das eingezogene Geld wieder haben und mitnehmen. Ansonsten nützt das Geld zur Deckung der Kosten, die sie hier verursacht.» Es kommen noch weitere Kosten auf die Flüchtlinge zu, sobald sich ihr Status geändert hat. Dann werden während maximal zehn Jahren zehn Prozent des Lohns abgezogen – bis sie die Gesamtkosten von 15'000 Franken zurückgezahlt haben.

Internet-Nutzer machen sich lustig

Im Zusammenhang mit der Debatte in Dänemark steht die Schweiz nun in der internationalen Kritik. «Schweiz knöpft Flüchtlingen Bargeld ab» titelt «Spiegel online». Auch der britische «Guardian» schaut kritisch auf die Schweiz und zeigt sich erstaunt, dass der dänische Vorschlag, der international scharf angegriffen wurde, in der Schweiz schon lange Realität ist. Auch «Le Figaro» nimmt die Schweizer Handhabung im Kontext der Debatte rund um Dänemarks Vorschlag auf.

Auch auf Twitter greifen verärgerte User die Schweiz an. Unter dem Hashtag #SaveSwitzerland mokieren sich die User darüber, dass die Schweiz nicht reich genug sei und das Geld der Flüchtlinge brauche.

Auch die Nähe der Schweiz zur Judengold-Affäre des Zweiten Weltkriegs wird in den Tweets erwähnt:

Verständnis für die Schweizer Praxis gibt es auf Twitter kaum.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.01.2016, 12:39 Uhr

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574 Kommentare

Christoph Bärtschi

15.01.2016, 12:49 Uhr
Melden 1060 Empfehlung 54

Ehrlich gesagt, ist es mir völlig egal was diese Leute denken oder reden. Es geht sie auch überhaupt nichts an. Im Finger Pointing sind gewisse Leute weltmeisterlich.
Moralisch ist es absolut in Ordnung, wenn man nach Möglichkeit versucht die Kosten die man verursacht mitzutragen.
Schliesslich muss auch jemand der Sozialhilfe bekommt diese, soweit es ihm später mal möglich ist, zumindest teilweise wieder der Allgemeinheit zurückzahlen.
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Rolf Rothacher

15.01.2016, 12:49 Uhr
Melden 913 Empfehlung 42

Jeder trägt, (nach unserer Bundesverfassung), so viel er kann zum Staat bei. Selbstverständnis müssen auch Flüchtlinge alles dafür tun, um die verursachten Kosten zu decken. Wäre ja noch schöner, wenn vermögende Syrer in Syrien für ihren Lebensunterhalt aufzukommen haben, Syrer in der Schweiz jedoch nicht. Und die allermeisten Flüchtlinge kommen ja mit so wenig Geld wie möglich hier an, weil sie mit zu viel Geld Opfer von Schleppern würden.
Ein weiterer Sturm im Wasserglas, losgetreten von Menschen, die immer noch nicht verstanden haben, wie nahe Europa vor einem gesellschaftlichen Desaster steht. Falls der Funke zünden sollte, wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Man kann aus der Geschichte lernen oder man kann der Illusion nachleben, Geschichte wiederhole sich nicht mehr.
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