Schweiz
Die Sedruner träumen den nächsten Traum
Von Markus Rohner, Sedrun. Aktualisiert am 16.09.2010 2 Kommentare
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Bald wird gefeiert
Verläuft alles nach Plan, kann am 15. Oktober 2010 der Durchstich des Gotthard-Basistunnels gefeiert werden. Gestern fehlten laut AlpTansit Gotthard AG noch 217 Meter in der Oströhre. Weil die Platzverhältnisse im Tunnel beschränkt sind, können nur 200 Personen den Festakt vor Ort verfolgen, unter ihnen Verkehrsminister Moritz Leuenberger. Der Durchschlag wird vom Schweizer, Westschweizer und Tessiner Fernsehen live übertragen. Weitere Feiern finden im Kultur- und Kongresszentrum Luzern sowie für die Bevölkerung in Erstfeld, Sedrun und Bodio statt.
Stichworte
Im Informationszentrum der Neat im Zentrum von Sedrun machen sich bahninteressierte Touristen aus Deutschland kundig. Hier erfahren sie alles über die Entstehung des längsten Eisenbahntunnels der Welt, über die vielen Gesteinsschichten und das Schicksal der Mineure, von denen die ersten 1998 ins Tal gekommen sind, um über einen Querstollen und einen tiefen Schacht einen Zwischenangriff des Gotthardtunnels vorwärtszutreiben. Am 15. Oktober werden auch Bundesrat Moritz Leuenberger und die geladenen Gäste über diese Route in den Tunnel gelangen, wenn der Tunneldurchstich gefeiert werden wird. «Seit bald 20 Jahren prägt diese Baustelle das Gesicht von Sedrun», sagt der Geologe Yves Bonanomi (47), Chef des lokalen Infozentrums. In Spitzenzeiten waren im Zwischenangriff Sedrun über 650 Mineure beschäftigt, heute sind es noch 450. Diese Zahl wird in den nächsten Monaten kontinuierlich sinken. Aber es werden noch ein paar Jahre vergehen, bis der letzte Neat-Arbeiter in Sedrun das Feld geräumt hat.
Sedrun sollte sich schon heute darauf vorbereiten. Wenn im Berg drinnen weniger Menschen beschäftigt sind, verkaufen im Dorf der Bäcker und der Metzger weniger Brot und Fleisch, und der Elektriker und der Schreiner bekommen weniger Aufträge. «Das ist die logische Konsequenz», sagt Gemeindepräsident und Schreiner Pancrazi Berther. In den besten Zeiten seien dank den Neat-Arbeitern jedes Jahr allein mit den Quellensteuern bis zu zwei Millionen Franken in die Gemeindekasse geflossen. Was ein Sechstel der gesamten Steuereinnahmen ausmachte.
Das Bordell ist weg
Einer, der bereits aufgegeben hat, ist Alfred Monn. Der 62-Jährige mit dem Rossschwanz liegt in seiner Containerwelt auf einem Sofa und lässt sich von seiner Partnerin pflegen. Er schimpft über Gemeindebehörden und Polizisten, die ihn zum Sozialfall gemacht hätten.
Dabei hat bei ihm alles so gut angefangen. Als in Sedrun die Zahl der Mineure von Jahr zu Jahr grösser wurde, kam der gelernte Autospengler 2003 auf die Idee, in nächster Nachbarschaft zu den Arbeiterbaracken eine Bar mit Kontaktzimmern zu eröffnen. «Die Mädchen waren bei den Bauarbeitern heiss begehrt», kommt Monn ins Schwärmen. Die deutschen Mineure sprachen vom «Schacht 4», wenn sie zu seinem Etablissement gingen und dort über die Stränge schlugen. Weit mehr, als den katholischen Sedrunern lieb war, sorgte das «Edelweiss» landesweit für Schlagzeilen. Es kam zu Razzien und Verzeigungen. Als Monn – auch wegen Alkoholproblemen – das Bordell aufgeben musste, wurde daraus das «Erotica Porta alpina». Mit dem «Tschuetta» versuchte Monn einen Neuanfang. Ohne Erfolg. Heute sind die gelben Container verwaist.
Sawiris als Retter?
Silvio Schmid, Geschäftsführer der Bergbahnen Sedrun, will von Untergangsszenarien nichts wissen. Der 51-Jährige zeigt uns in seinem Büro Pläne der geplanten Verbindung der Skigebiete von Sedrun und Andermatt. «Werden diese realisiert, können wir zu einem sehr attraktiven Skigebiet werden.» Gleichzeitig soll in Dieni ein Hotelresort entstehen, das die Ferienregion der obersten Surselva stark aufwerten würde. 100 bis 120 Millionen Franken sollen in die neuen Bergbahnen, das Resort und in eine Vergrösserung des Golfplatzes investiert werden. Kühne Pläne, die es in Sedrun schon öfters gegeben hat. Sind sie aber auch realistisch?
Das Zauberwort der Sedruner heisst diesmal «Sawiris». Samih Sawiris, der ägyptische Investor, der begonnen hat, Andermatt touristisch auf den Kopf zu stellen, ist im September letzten Jahres über den Oberalp nach Sedrun gefahren und hat zehn Prozent der Sedruner Bergbahnaktien gekauft.
«Weil er gemerkt hat, dass die Verbindung der zwei Skigebiete auch für Andermatt wichtig ist», sagt der Bahndirektor. Die Sedruner glauben an Sawiris, so wie sie während fünf Jahren an die «Porta alpina» geglaubt haben. Arthur Loretz war treibende Kraft der «Visiun», eines Lifts vom Basistunnel hinauf ins Dorf, und entsprechend enttäuscht, als Bund und Kanton 2007 den Übungsabbruch bekannt gaben. «Vielleicht realisiert eine nächste Generation diese Idee», sagt der 41-jährige Architekt, der sein Büro nach dem Aus der «Porta alpina» in Sedrun geschlossen hat und wieder in Zürich arbeitet. Dass seine Sedruner Utopisten und Träumer sind, wie es manche ausserhalb des Dorfes sagen, will er nicht bestätigen. «Gelegentlich können sie aber stur sein und nur auf sich allein schauen.» «In St. Moritz oder Zermatt wäre die ‹Porta alpina› realisiert worden», ist der Gemeindepräsident überzeugt.
Sehnsuchtsort und Reiseziel
Die Sedruner seien wohl zu wenig selbstbewusst an die Sache herangegangen und hätten das Marketing vernachlässigt. «Wir Sedruner fallen manchmal auf die Nase, aber wir sind immer wieder aufgestanden», sagt Pancrazi Berther. Spätestens in sieben Jahren, wenn Schnellzüge durch den Tunnel rasen, in Sedrun die letzten Container abgebaut und aus den Schutthalden grüne Landschaften geworden sind, werden im 2000-Seelen-Dorf ein paar eifrige Einheimische versuchen, die nächste «Visiun» in die Tat umzusetzen. Was eignet sich da besser als die Rheinquelle, die auf Sedruner Boden entspringt? «Deren Bekanntheitsgrad wollen wir im gesamten Einzugsgebiet des Flusses massiv steigern», so Gemeindepräsident Berther.
Die Rheinquelle soll zum Sehnsuchtsort und Reiseziel werden. Realisiert mit einer leicht absurden Idee: einer Schiffsanlegestelle oben auf dem Oberalppass! Das Rheinschiff lassen sich die Sedruner in Rotterdam schenken, fahren mit ihm rheinaufwärts von Stadt zu Stadt und machen auf dieser Informations- und Kulturplattform Werbung für Sedrun und die Rheinquelle. Nach ein paar Jahren wird das Schiff auf dem Wasser- und Landweg am Oberalp eintreffen und dort seine letzte Ruhestätte finden. Ein bisschen verrückt waren sie schon immer, diese Sedruner. (Basler Zeitung)
Erstellt: 16.09.2010, 11:42 Uhr
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2 Kommentare
Das sind keine Träumer das sind Wisionisten welche noch Mut haben von etwas zu Träumen und hoffentlich auch zu Realisieren. Wenn unsere Vorfahren nicht auch so Mutig und Weitsichtig gewesen währen würde die Schweiz heute auch nicht da sein und sich in der Welt Behaupten. Mut id der Surselva und arbeitet an Eurer Zukunft, nur weiter so BRAVO !!! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





