Schweiz
«Die Uni ist keine Berufsschule»
Urs Würgler
Der 1945 geborene und in Kleindietwil aufgewachsene Urs Würgler hat an der Universität Bern Mathematik, Physik und Philosophie studiert. Nach mehreren Jahren Forschungstätigkeit in Heidelberg habilitierte er sich im Januar 1975 für das Fach Mathematik.
Ab 1.Oktober 1979 war er Professor für Mathematik an der Universität Bern. Seit Oktober 1996 wirkte er als Vizedirektor, seit dem 1. September 2005 als Rektor der Universität Bern.
Urs Würgler, die Protestgruppe an der Uni Bern besteht aus rund 150 Personen. Die gesamte Institution zählt über 14 000 Studierende. Nehmen Sie den Protest überhaupt ernst?
Urs Würgler: Die Zahl spielt hier eine untergeordnete Rolle. Man muss die Proteste ernst nehmen. Erstaunlich ist aber schon, dass die Studierendenorganisation SUB von Beginn an die Forderungen unterstützte, welche erst viel später vorlagen.
Sie reagieren kühl auf die Besetzung.
Auf Grund meines fortgeschrittenen Alters habe ich die 68er-Proteste miterlebt. Ich habe die Referenden gegen das Uni-Gesetz in den 80er-Jahren miterlebt. Solche Proteste gibt es ab und zu. Dagegen ist nichts einzuwenden. Was mich einfach stört: Ein grosser Teil der Besetzer sind gar nicht Studierende. Es erstaunt mich zudem, dass Studenten im ersten Semester Grundsatzbetrachtungen über die Universität anstellen. Das ist vielleicht das gute Recht der Jugend, aber es ist auch etwas anmassend.
Die Proteste richten sich ja primär gegen die Bologna-Reform. Ist sie die richtige Antwort auf die Probleme der Hochschulen?
Die Sinnfrage stand leider vor zehn Jahren nicht im Raum. Bologna wurde schnell, ja überhastet eingeführt. Es war eine politische Willenskundgebung in ganz Europa, die Reform direkt und konkret umzusetzen. Die Diskussion über die Inhalte ist aber ganz klar zu kurz gekommen. Für die Schweiz war damals eine Änderung des Hochschulsystems zudem gar nicht angezeigt. Wir hatten gerade eine Studienreform abgeschlossen.
War die Universität überfordert?
Die Uni Bern war teilweise sicher überfordert. Und trotzdem: Was bisher herausgekommen ist, ist doch gar nicht so schlecht.
Die Proteste sprechen eine andere Sprache.
Es existieren auch aktuelle Studien, die zeigen, dass der allergrösste Teil der Studierenden zufrieden ist. Bologna ist lange nicht perfekt, das hat auch nie jemand behauptet. Für die Mehrheit der Studierenden ist das System jedoch vernünftig.
Inwiefern?
Es ist den wenigsten gegeben, durch Eigeninitiative den richtigen Weg durch das Studium zu finden. Bologna gibt Orientierung. Es gibt Bereiche, da wirkt sich das System sehr positiv aus. In Chemie zum Beispiel kommen die Studierenden viel eher mit der Forschung in Kontakt als früher.
Das liegt aber auch an der im Vergleich tiefen Studierendenzahl?
Natürlich. Wo die Studierendenzahl sehr gross ist, ist die Umsetzung von Bologna um einiges schwieriger. Die Probleme sind allerdings erkannt. Wir planen, im kommenden Jahr eine flächendeckende Evaluation der Lehrgänge zu machen. Die Probleme zu lösen – das geht jedoch nicht von heute auf morgen.
Benötigen Veränderungen nicht auch unendlich viel Zeit, weil sich die Professoren nicht dreinreden lassen?
Ja, das ist so. Das ist das Problem der flachen Hierarchien. Aber die Universität ist kein Betrieb, der Socken produziert, sondern eine Expertenorganisation. Das macht die Führung viel schwieriger.
Bräuchten nicht gerade Expertenorganisationen auch eigentliche Manager? So könnte die Uni die Bologna-Reform doch effizienter und besser umsetzen?
An einer Universität sind die Inhalte von Lehre und Forschung bestimmend, nicht das Management. Ein Hauptprinzip der Universität ist, dass die Professoren beim Produzieren von Inhalten frei sind, Forschungsergebnisse lassen sich weder verordnen noch bestellen. Dies hat nichts mit Ineffizienz zu tun.
Die Steuerzahler, welche die Uni zu einem grossen Teil finanzieren, dürften aber ein grosses Interesse an Effizienz haben.
Die Berner Politik muss sich überlegen, ob sie eine Universität will oder eine zweiten Fachhochschule. Den Begriff Universität kann man nicht beliebig interpretieren. Eine Uni steht in einem internationalen Kontext. Es würde keine so weltberühmten Universitäten geben wie die Harvard University oder Princeton University, wenn man dort bezüglich Forschung und Lehre eingeengt würde.
Die Uni Bern muss ja nicht so berühmt werden wie Harvard. Gibt es keinen Mittelweg?
Nein, das glaube ich nicht. Wir sind schon sehr weit gegangen und haben heute eine viel straffere Führung als noch vor einigen Jahren.
Aber es ist nach wie vor so, dass einem Professor, sobald er als solcher ernannt wurde, praktisch nicht gekündigt werden kann?
Auch Professoren kann gemäss der kantonalen Personalgesetzgebung gekündigt werden, zuständig ist zurzeit aber noch der Regierungsrat. Ich möchte betonen, dass der absolut grösste Teil der Professoren ausserordentlich gute Arbeit leisten.
Die Freiheiten werden ausserhalb der Uni gerne als Abgehobenheit interpretiert. Dabei sind es doch heute die Fachhochschulen, welche die gefragten Praktiker auf den Arbeitsmarkt bringen?
Diese Kritik greift zu kurz. Die Uni ist vielfältig. Es gibt Bereiche–wie etwa Medizin–die sehr praxisnah sind. In anderen Bereichen ist sogenannte Praxisnähe nicht zielführend. Wir sind nicht in erster Linie eine Berufsschule. Zudem finden unsere Absolventinnen und Absolventen im Allgemeinen problemlos Stellen.
Aber wie will sich denn die Uni gegenüber der immer beliebteren Fachhochschulausbildung bewähren?
Wir stehen nicht in direkter Konkurrenz zu den Fachhochschulen, die beiden Institutionen haben verschiedene, sich ergänzende Missionen. Ich empfehle jedem, an eine Fachhochschule zu gehen, wenn er das Bedürfnis für eine gezielte Berufsausbildung hat. An der Uni brauchen wir Leute, die grundsätzlich an der Wissenschaft interessiert sind. Es ist nicht unser Ziel, möglichst viel Studierende zu haben. Wir streben hoch qualifizierte Absolventen und Exzellenz in der Forschung an.
Offensichtlich fehlt es an motivierten Jungakademikern. Es kommen immer mehr Professoren und Doktoranden aus dem Ausland nach Bern.
Der Nachwuchs fehlt nicht in allen Instituten. In den Wirtschaftswissenschaften springen die Studierenden zum Teil bereits nach dem Bachelor ab. Sie können in der Privatwirtschaft gutes Geld verdienen. Wer den Masterabschluss macht und doktoriert, muss mit weniger Geld und mehr Arbeit leben.
Müsste die Uni da nicht Gegensteuer geben?
Die Entschädigungen können wir nicht heraufsetzen. Wir haben aber an unseren Strategiegesprächen diese Woche entschieden, dass es für die Professoren ein absolut zentrales Bewertungskriterium wird, wie viele Doktoranden sie aus dem eigenen Haus fördern. Das ist eine Trendwende.
2011 treten Sie zurück. Bei all diesen Herausforderungen – sehnen Sie sich die Pensionierung herbei?
Ich mache meine Arbeit gerne. Manchmal nerve ich mich aber sehr, dass alles so langsam vonstatten geht. An das Tempo muss man sich gewöhnen. Ich bin aber vermutlich schon zu alt dafür. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.11.2009, 08:51 Uhr
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