Kommentar

Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten

Der Fall Semun A. in Würenlingen. Ein Debakel der Information, ein Debakel für die Demokratie.

Kein durchschnittlicher Familienvater, sondern eine menschliche Zeitbombe: Der Ort des Geschehens in Würenlingen, am Tag zwei nach der Bluttat. Bild: Martin Regenass

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In der Meldung, die der Tages-Anzeiger vergangene Woche über das Massaker von Würenlingen verbreitet hatte, wurde zwei Mal explizit darauf hingewiesen: «Alle Beteiligten sind Schweizer» – und ein Vertreter der Kantonspolizei Aargau betonte: «Der mutmassliche Täter ist ein Schweizer», als er von einem Journalisten nach dessen Herkunft gefragt worden war. Offenbar traute sich der Journalist nicht, weiter zu fragen, ob es sich eventuell um einen eingebürgerten Schweizer handelte, oder – um es politisch korrekter zu formulieren: ob er einen «Migrationshintergrund» aufwies? Den ganzen Sonntag lang kollaborierten Polizei und Medien in der Verschleierung von interessanten Tatsachen. Ganz spontan wurde nicht desinformiert.

Hätte der Täter eine Armeewaffe benutzt, wäre er ein schweizerischer Bankier gewesen, der einem deutschen Kunden bei der Steuerhinterziehung behilflich gewesen war, um ihn dann umzubringen: Wir hätten schon am Sonntag alles erfahren. In Würenlingen (AG) hat am vergangenen Samstag ein 36-jähriger Mann seine Schwiegereltern, seinen Schwager, einen Nachbarn und schliesslich sich selbst umgebracht. Der Mann war verheiratet und hatte drei kleine Kinder. Es ist einer der blutigsten Vorfälle der jüngsten schweizerischen Kriminalgeschichte.

Ein Haufen von Problemen

Erst am Montag erfuhr die Öffentlichkeit dank dem Blick, dass der mutmassliche Täter als Türke geboren worden war, dass man ihn 2004 erleichtert eingebürgert hatte, dass er arbeitslos war und dass er noch vor wenigen Tagen unfreiwillig in einer psychiatrischen Klinik gesessen hatte. Natürlich hatte er gegen diese «fürsorgerische Unterbringung» rekurriert (mit einem Anwalt?), und natürlich ist man versucht zu sagen, wenn es nicht so sarkastisch klänge: Die Ärzte kamen nach fünfeinhalb Wochen zum Schluss, dass Semun A. keine Gefahr mehr darstellte. Warum sollte er auch? 2007 war er wegen Körperverletzung aktenkundig geworden, seither war er wiederholt als gewaltbereit und querulantisch aufgefallen, man musste ihm die Kinder wegnehmen, die Ehefrau, eine Schweizerin, sitzt ebenfalls in einer Klinik, und noch im April 2015 hatte die Kantonspolizei in Reichenburg (SZ), wo er wohnte, eine Hausdurchsuchung vorgenommen, in der Meinung, Waffen zu finden. Ein solcher Verdacht entsteht in der Regel auch nicht von ungefähr.

Doch für die Spezialisten der Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Littenheid im Thurgau gab es offenbar keinen Anlass zur Besorgnis: «Sein Zustand verbesserte sich deutlich», liess eine nur leicht verunsicherte Kliniksprecherin im Blick ausrichten. «Während der Hospitalisation hat er sich gegenüber den anderen Patienten und Mitarbeitenden unauffällig verhalten, war freundlich und ruhig.» – Ich bin kein Psychiater – aber ich könnte mir vorstellen, dass auch Semun A. ahnte, dass er schneller freikäme, wenn er sich gut aufführte. Das lernen Kinder im Kindergarten, in der Schweiz genauso wie in der Türkei. Dass ein Gericht kurze Zeit vorher seinen Rekurs zwar abgelehnt, aber festgehalten hatte, er müsste freigelassen werden – bei weiterem «positiven Behandlungsverlauf», machte die Sache für die Klinik bestimmt nicht einfacher. Man war geradezu unter Druck, Erfolg zu erzielen. Am 30. April wurde er entlassen, am 9. Mai schoss er (allem Anschein nach) vier Menschen über den Haufen.

Zeitbombe

Es ist hinterher immer leicht, alles gewusst zu haben. Das ist nicht mein Punkt. Was irritiert, ist die Tatsache, wie bedenkenlos die Öffentlichkeit zunächst von Polizei und Medien in die Irre geführt wurde. Auch wie hilflos und politisch motiviert die Behörden «informieren». Das war kein durchschnittlicher Familienvater, wie man – mit einer gewissen Erleichterung fast – kolportierte, sondern eine menschliche Zeitbombe, die sich aus allem zusammensetzte, was in den vergangenen Jahren falsch gelaufen ist in unserem Land. Es ist eine gigantische Misere, deren Missstände immer öfter sichtbar werden, und deshalb immer öfter schöngeredet werden. Was wurde uns im Fall Carlos alles an Unsinn erzählt? Wie viel Unsinn werden wir noch über Semun A. vernehmen, bis genau abgeklärt ist, was schief lief und was dagegen getan werden könnte? An den üblichen Ingredienzen dürfte dieser Fall Semun A. nicht arm sein, so weit man das heute beurteilen kann: Warum ist dieser türkische Staatsbürger überhaupt je in die Schweiz gekommen?

Mit seinen Eltern, als Arbeitssuchender? Das Land gehört nicht zur EU, also ist er womöglich auch als Asylbewerber hierher gelangt. Man hört, er sei ein christlicher Aramäer gewesen, also Angehöriger einer Minderheit in der Türkei. Sicher liess sich daraus etwas Verfolgungsrelevantes konstruieren, vielleicht zu Recht, möglicherweise aber auch nicht. Welcher echte Flüchtling, der dankbar ist, in einem sicheren Land leben zu dürfen, führt sich so auf wie anscheinend Semun A.? Die Nachbarn in Reichenburg erzählen, der Mann hätte alle im Haus terrorisiert, bedroht und belästigt. Ein Paranoider aus dem Land der Paranoia. Dass er seinen aramäischen Vornamen Semun in den letzten Jahren konsequent zu Simon umgeformt hat, mag die Frage aufwerfen, wie eng sein Verhältnis zur aramäischen Kultur wirklich war. Litt er an psychischen Krankheiten, kann man ihn so entlasten? Oder haben Justiz und Psychiatrie schlicht versagt, in einer Art und Weise, wie sie oft genug in den vergangenen Jahren festzustellen war: Weil man naiv, wohlwollend, weich oder bürokratisch war?

Vielleicht war er einfach einer jener jungen Männer, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen, in der Meinung, es in der Schweiz sofort zu Erfolg zu bringen – und wenn sich dieser nicht einstellt, verzweifeln sie und werden brutal. Sie erschwindeln einen Aufstieg, den sie nie geschafft haben. Es ist unser Land, das manchen Leuten den falschen Eindruck vermittelt: Dass es hier einfach ist, zu Geld zu kommen, weil es ja angeblich auf der Strasse herumliegt. Keine Frage, das sind Spekulationen. Es muss von den Behörden erwartet werden, dass sie das alles im Detail untersuchen. Es sind fünf Menschen gestorben.

Vom Schweigen der Korrekten

Semun A. ist auch ein Beispiel für die vielen Fehlentwicklungen unserer Migrationspolitik. Sie sind viel zu bekannt, als dass sie hier wiederholt werden müssten. Nur die Politiker und viele Journalisten glauben, die Bevölkerung hätte es nicht längst gemerkt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: die allermeisten Immigranten bereichern dieses Land in jeder Hinsicht. Aber einige nicht – und dafür gibt es auch Ursachen, die man angehen könnte. Weil manche Politiker und Journalisten aber meinen, die Bevölkerung sei einfältiger und weniger moralisch einwandfrei («Rassisten») als sie selbst, fühlen sie sich verleitet, nein, verpflichtet, die Dinge zu vertuschen. Man könnte ja die falschen, xenophoben Schlüsse ziehen, wenn man erfährt, dass ein türkischstämmiger Mann seine Würenlinger Schwiegereltern erschossen hat. Hinter dieser vermeintlichen Sorge um das friedliche Zusammenleben, hinter dieser politischen Korrektheit der Eliten steckt in Tat und Wahrheit etwas anderes: Paternalismus und Hochnäsigkeit.

Man hält das Volk für weniger reif als man sich selber das jederzeit attestieren würde. Denn welcher Mensch bei Sinnen glaubt, dass alle Türken ihre Schwiegereltern umbringen, wenn man ihm sagt, ein türkischstämmiger Schweizer habe genau das in Würenlingen getan? Wer eine gewisse Immigration auf Dauer zulassen will, und zu denen gehöre ich, muss ehrlich bleiben. Missstände sind zu benennen. Und wer sich über Probleme, die Immigranten verursachen, aufregt, muss das sagen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, als Rassist beschimpft oder gar verurteilt zu werden. Politische Korrektheit hat nichts Menschenfreundliches. Im Gegenteil, es ist ein neues Instrument der Mächtigen, Kritik von unten (meistens kommt sie von unten) zu unterdrücken.

Demoskopie ohne Demos

Nach den Wahlen in Grossbritannien beugten sich die Demoskopen schuldbewusst über die Ursachen ihrer katastrophalen Fehlprognosen. Sie alle hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Labour und Tories vorhergesagt. Tatsächlich gewannen die Konservativen haushoch. Warum stimmten die Umfragen nicht? Frank Furedi, ein britischer Soziologe, macht dafür die Kultur der politischen Korrektheit verantwortlich, die auch in England grassiert – ja wohl noch intensiver als in der Schweiz. Viele Leute, die konservativ oder Ukip wählen wollten, so Furedi, hätten das den Demoskopen einfach nicht mitgeteilt. Er erzählt dazu eine interessante Geschichte. In Nordirland, wo sich Protestanten und Katholiken mehrere Jahrhunderte lang gehasst und massakriert haben, ist dieser Gegensatz offenbar überwunden worden: Inzwischen hassen sie sich nicht mehr, sondern fühlen sich verbunden in ihrer Abneigung gegen die vielen Immigranten, die auch Nordirland zu verzeichnen hat. Als die BBC darüber einen Bericht machte und Katholiken sowie Protestanten befragte, sagten viele zuerst nichts Brauchbares, bis dann doch etwas annähernd Immigrationskritisches angedeutet wurde. Sofort aber zensierten sie sich selbst: «Man darf das ja nicht mehr sagen!» Statt irritiert nachzufragen, bestärkte die Journalistin die Leute in ihrer Selbstzensur, als ob sie ihnen vermitteln wollte: «Sie haben Recht, dass Sie nicht sagen, was Sie denken!»

Das ist nicht nur miserabler, weil politisch korrekter Journalismus, der sich nicht für die Wahrheit interessiert. Es ist ein Problem für die Demokratie, wie Furedi zu Recht kritisiert. Die politischen Eliten des Westens haben es fertig gebracht, dass die Leute, die sie wählen, sich nicht mehr trauen, zu sagen, was sie wirklich beschäftigt. Die Wahrheit ist den Menschen, selbst den Politikern, zuzumuten – auch im Fall Semun oder Simon A. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2015, 06:51 Uhr

Ein Kommentar von Chefredaktor Markus Somm.

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