Schweiz

«Ein Arzt muss im Notfall Nein sagen»

Von Franziska Kohler. Aktualisiert am 26.10.2012 17 Kommentare

Der Verkaufsstopp für Novartis-Impfstoffe verunsichert die Patienten und verärgert die Ärzte. An die Empfehlung des BAG, nur Risikopatienten zu impfen, wollen sich nicht alle halten.

«Die Telefone laufen heiss»: Nach dem Rückzug des Novartis-Impfstoffs sind viele Patienten verunsichert. (Video: Keystone)

Deutsche Ärzte befürchten «Impf-Chaos»

Die deutschen Kassenärzte fürchten nach dem Rückruf von Grippeimpfstoffen eine Knappheit. «Wir drohen auf einen Engpass bei der Grippeschutzimpfung zumindest in Teilen Deutschlands zuzusteuern», sagte Regina Feldmann von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Freitag in Berlin. Sie machte dafür Exklusivverträge verantwortlich, die manche Krankenkassen mit Pharmafirmen geschlossen haben.

Auch der Verband der niedergelassenen Ärzte griff die Krankenkassen an. Ihr Vorsitzender Dirk Heinrich sagte: «Nur um Einsparungen zu erzielen, gefährden die Krankenkassen die Versorgung der Patientinnen und Patienten auf fahrlässige Art und Weise.» Er befürchtete ein «Impf-Chaos». Am Donnerstag hatten Behörden einige Chargen Impfstoff des Herstellers Novartis zurückrufen lassen. (dapd)

Vielleicht bald ein knappes Gut: Eine Pflegefachfrau füllt eine Spritze mit dem Impfstoff. (Archivbild)

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Schon Anfang Woche war das Bundesamt für Gesundheit (BAG) davon ausgegangen, dass es dieses Jahr zu einem Engpass bei den Grippeimpfungen kommen könnte. Seit für die beiden Novartis-Impfstoffe Agrippal und Fluad von Swissmedic ein Verkaufsstopp erlassen wurde, hat sich die Problematik noch verschärft.

Die grossen Schweizer Spitäler haben zwar noch immer genug Impfdosen an Lager, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur SDA zeigt. Anders sieht es offenbar bei Hausärzten und kleineren Arztpraxen aus. Denn es gebe durchaus Ärzte, die grosse Teile ihrer Impfchargen bei den vom Verkaufsstopp betroffenen Lieferanten bestellt hätten, sagt Claudia Brenn, Generalsekretärin der Ärztegesellschaft Zürich. Wie gross die Engpässe generell seien, könne sie allerdings nicht sagen. So oder so sei der Verkaufsstopp aber ärgerlich, sagt Brenn, «die Verunsicherung bei den Patienten ist gross».

«Impfen, solange Impfstoff da ist»

Bei der Ärztestation Permanence am Zürcher Hauptbahnhof laufen die Telefone heiss: «Viele Patienten wollen sich versichern, dass die Vorräte nicht aufgebraucht sind, bevor sie sich impfen lassen können», sagt James Koch, Geschäftsführer und leitender Arzt der Permanence. Man beziehe zwar keine Impfstoffe von Novartis. Weil sich aber aufgrund der Engpässe bei anderen Praxen offenbar mehr Patienten an die Permanence wenden als gewöhnlich, könnte der Vorrat trotzdem knapp werden – obwohl noch 400 Impfdosen vorrätig sind.

Um genau dieses Szenario zu verhindern, hatte das BAG den Ärzten geraten, nur noch Risikogruppen – also Schwangere, ältere Menschen und chronisch Kranke – und deren Kontaktpersonen zu impfen. Bei der Permanence hält man von dieser Anweisung nichts: «Bei uns wird keiner abgewiesen – wir impfen, solange Impfstoff vorhanden ist», sagt Koch.

«Im Notfall Nein sagen»

Diese Einstellung wiederum findet Jacques de Haller, Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), verantwortungslos: So laufe man Gefahr, dass der Impfstoff schliesslich auch für die Risikogruppen knapp werde. «Es gehört zu den Aufgaben eines Arztes, Prioritäten zu setzen und im Notfall Nein zu sagen», sagt de Haller. Dass der jetzige Verkaufsstopp tatsächlich zu einem längerfristigen Engpass führen könnte, glaubt er aber nicht. Er gehe davon aus, dass das Problem gelöst sei, sobald die Grippewelle anrolle.

Nach Angaben von Swissmedic betrifft der Novartis-Verkaufsstopp in der Schweiz rund 160'000 Impfdosen. Das BAG habe bereits bei mehreren anderen Pharmafirmen zusätzliche Grippeimpfstoffe bestellt, die Mitte November eintreffen sollten. Den Patienten, die sich vorher impfen lassen wollen, rät Claudia Brenn, sich zuerst bei ihrem Arzt zu erkundigen, ob er den Impfstoff noch vorrätig hat. Und sich im Notfall an eine andere Praxis zu wenden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2012, 17:56 Uhr

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17 Kommentare

Philippe Wyss

26.10.2012, 18:40 Uhr
Melden 86 Empfehlung 66

Wenn man weiss, was es für Risiken und Nebenwirkungen bei Impfungen gibt, scheint mir die Besorgnis von Patienten besorgniserregender als der "Mangel" an Impfstoff. Wenn man sich über Risiken und Nebenwirkungen zu Impfungen gut informiert, werden die meisten wohl von einer Impfung absehen und der "Mangel" löst sich in Luft auf... Antworten


Wilfried Sidler

26.10.2012, 19:14 Uhr
Melden 47 Empfehlung 32

Ach ja, kommt das Riesenbusiness endlich ein bisschen ins stottern? Ist bei unserer heimischen Pharmaindustrie der Schlendrian eingekehrt? Zum Glück gibt es noch Entwicklungsländer, welchen man diesen Ausschuss zu einem Pappenstiel verkaufen kann! Antworten



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