Schweiz

Ein Fest oder eine Beerdigung?

Von Markus Somm. Aktualisiert am 27.10.2012 13 Kommentare

Die CVP Schweiz feiert ihr hundertjähriges Bestehen. Gedanken eines ehemaligen Katholiken.

Die katholische Schweiz: Erstkommunikantinnen an einer Prozession 1949 in Appenzell.

Die katholische Schweiz: Erstkommunikantinnen an einer Prozession 1949 in Appenzell.
Bild: Keystone

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Die Kantonsschule St. Gallen war zu Beginn der 50er-Jahre eine Hochburg des Freisinns und der Reformierten, als mein Vater dort seine Matura machte. Aufgewachsen in einem tief katholischen Dorf vor den Toren der eher reformierten Stadt St. Gallen, gehörte er hier einer verfolgten Minderheit an: Katholen, Katotschen, Schwarze, spotteten die reformierten Buben in seiner Klasse über ihn und die drei übrigen Katholiken, die es geschafft hatten, an dieser Schule unterzukommen. Wenn der eine von ihnen am Morgen gähnte, dann sagte der ­Lehrer mit dünnen Lippen – natürlich war er ein Protestant: «Aha, mussten Sie wieder in die Frühmesse und konnten zu wenig schlafen!»

Oder wenn einer im Französisch stockte, dann stellte ein anderer Lehrer mit künstlich hoher Stimme fest: «Ja, Ja, Sie sollten halt wie Ihre ­Priester Lateinisch lernen, dann verstehen Sie auch besser Französisch.» Fast alle Lehrer waren reformiert – und waren sie es nicht, sorgte die Schulleitung dafür, dass diese wenigen katholischen Lehrer nie die Ehre er­­hielten, eine Klasse bis zur Matura zu führen. Das behielten sich die Reformierten vor.

Hundert Jahre zweiter Klasse

Die Katholiken und ihre Schweiz: Für sehr lange Zeit war es nicht so einfach, in diesem Land zu leben, wenn man ein Katholik war, besonders wenn man als romtreu galt. 1847 hatte die katholische Minderheit – jahrhundertelang gab es in der Schweiz rund 40 Prozent Katholiken und 60 Prozent Protestanten – den Bürgerkrieg gegen die Liberalen verloren, die sich überwiegend zum reformierten Glauben bekannten. Die grossen protestantischen Kantone, Bern und Zürich in erster Linie, hatten den katholischen Sonderbund der Innerschweizer (sowie Wallis und Freiburg) innert kürzester Zeit militärisch vernichtet – mit Waffen, die das protestantische, wenn auch konservative Basel, finanziert hatte.

Seither mussten die Katholiken dafür büssen, auf der falschen Seite der Geschichte gestanden zu haben. Sie galten als Vaterlandsverräter, weil sie den Papst als Autorität verehrten, man betrachtete sie als unzuverlässig und ungebildet, weil sie den falschen Glauben praktizierten, einen «Aberglauben», wie mein reformierter Grossvater mütter­licherseits zu schimpfen pflegte, den ich selbst noch als Katholikenfresser mit erstaunlichem Appetit erlebt habe.

Epoche der Unchristen

Die Diskriminierung der Katholiken in der Schweiz hielt viel, viel länger an, als das den meisten Leuten heute noch bewusst ist, die wir in einer Epoche leben, da sich viele für agnostisch oder konfessionslos halten, in einer Zeit auch, da es fast unüblich ist, über das Christentum oder Gott in der Öffentlichkeit zu reden, geschweige denn über konfessionelle Nuancen. In der Nacht sind alle Katzen grau. Tatsächlich hat kaum ein Gegensatz die Schweizer Geschichte bis in die jüngste Zeit mehr geprägt als diese Differenz, dieser Hass, diese Abneigung, dieses Misstrauen zwischen Katholiken und Reformierten.

Bis in die 70er-Jahre war es undenkbar, dass ein Katholik je Chefredaktor der NZZ werden könnte oder Professor an einer Universität in Zürich, Basel oder Bern. Wer bei Bally – einem früher sehr grossen Unternehmen im katholischen Kanton Solothurn aufsteigen wollte, musste Christkatholik sein, sich also vom Papst losgesagt haben. Römisch-Katholische erhielten keine Chance. Und als seinerzeit der elegante CVP-Bundesrat Kurt Furgler, gewiss kein Leichtgewicht, einen Katholiken zum Generalstabschef machen wollte, biss er auf Granit. Die reformierte Mehrheit im Bundesrat wusste diesen Traditionsbruch zu durch­kreuzen. Die Spitze der Armee zu besetzen war traditionell Sache der Reformierten.

Im Abgrund

Die Katholiken und ihr schwieriges Leben im ­Bundesstaat: Daran muss ich denken, wenn sich die CVP, die Partei der Katholiken, heute in Luzern versammelt, um ihre Gründung vor genau hundert Jahren zu feiern. Es ist ein trauriges Ereignis, weil wohl die meisten Christdemokraten es ahnen: Dass der Festakt sich geradeso gut als vorgezogene Beerdigungherausstellen könnte. Nie hat die CVP in ihrer stolzen Geschichte über so lange Jahre ständig Wähler verloren wie in der jüngsten Vergangenheit. In den Nationalrats­wahlen von 1987 kam sie auf 19,6 Prozent Wähleranteil, was so gut wie 20 Prozent ausmachte, eine magische Zahl in der Schweizer Politik. Wer in unserem Land als grosse Partei gelten wollte, musste um die 20 Prozent vorweisen; heute wirkt das Parteiensystem so dereguliert, dass auch diese Gesetzmässigkeit überholt scheint.

Seit 1991 büsste die CVP bei fast allen Wahlen – ob im Bund oder in den Kantonen – Wähler ein: 2011 stürzte sie auf den bisherigen Tiefenrekord ab mit 12,3 Prozent Wähleranteil (Nationalratswahlen). Drastischer, und auf lange Sicht wohl tödlicher ist der Niedergang in den Kantonen: Wies die Partei 1987 noch 805 Mandate in kantonalen Parlamenten auf, was damals keine andere Partei erzielte, kommt sie im Oktober 2012 nach dem neusten Debakel im Aargau auf bloss noch 469 Mandate. Ob SP, FDP oder SVP: Alle drei Konkurrenten haben die CVP überholt. Ist die Partei am Ende? Will sie überleben – was wäre zu tun?

Wer braucht die CVP?

Wenn ich nach Ursachen der Katastrophe suche, fallen mir zwei auf. Für die eine kann die CVP nichts, für die zweite sehr wohl. Gewiss ist die CVP auch Opfer ihres Erfolges geworden. Im Laufe der 60er- und 70er-Jahre gelang es den Katholiken – nicht zuletzt dank der damals wachsenden Bedeutung der CVP –, sich aus dem Getto zu befreien. Nach und nach zogen Katholiken in die Führungsetagen der grossen Schweizer Industriebetriebe und Banken ein, sie besetzten Lehrstühle, sie stiegen in höherer Zahl in der Verwaltung auf, sie übernahmen wichtige Aufgaben in den Medien oder in der Armee.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, zahlte die Partei dafür einen Preis: Solange die CVP die einzige Vorkämpferin einer verfolgten Minderheit darstellte, solange wurde sie von den Katholiken auch loyal gewählt. Inzwischen aber ist kein Katholik mehr auf die CVP angewiesen, um Karriere zu machen. Warum soll er sie wählen? Wohl kaum ein Katholik fühlt sich noch benachteiligt – mag er auch ab und zu ranzigen Vorurteilen begegnen. Um dies zu ertragen, braucht er keine CVP. Zumal die Partei selbst alles getan hat, um das eigene Verfalldatum zu überschreiten.

Selber zu ihrem Elend beigetragen

Christlichdemokraten hören es nicht gern: Aber die CVP ist und bleibt eine katholische Partei. Ohne das Katholische ist sie verloren. Anders als die Liberalen stützte sie sich nie auf eine Ideologie, sondern auf die Kirche und ein Milieu und die damit verbundenen, äusserst soliden, sehr konservativen Werte. Dass dieses Milieu untergegangen ist, das konnte die CVP nicht verhindern; dass die römisch-katholische Kirche sich selbst in West­europa fast überflüssig gemacht hat, auch das konnte die CVP kaum beeinflussen.

Was sie aber selber zu ihrem Elend beigetragen hat: Sie hat ihre eigene Tradition, die überwiegend eine katholisch-konservative war, verraten. Sozial-liberal will man heute sein, wie alle andern auch. Wozu dann noch eine C-Partei? Hätte die römisch-katholische ­Kirche 2000 Jahre lang überlebt, wenn sie sich auf einmal für buddhistisch erklärt hätte, bloss weil Richard Gere möglicherweise besser aussieht als Joseph Ratzinger? Gemessen an katholischen Zeitvorstellungen sind 100 Jahre keine Ewigkeit. Dennoch scheint es unwahrscheinlich, dass die CVP ein zweites Jahrhundert übersteht. Es sei denn, die Partei entdeckt in der eigenen, konservativen Vergangenheit ihre Zukunft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.10.2012, 10:44 Uhr

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13 Kommentare

Hanspeter Zürcher

27.10.2012, 15:35 Uhr
Melden 19 Empfehlung 7

Als einstiger KK (Kath.-Konservativer) bedaure ich den Rückgang der CVP. Der Grund liegt darin, dass diese Partei sich mehr und mehr dem unseligen Zeitgeist anpasst. Die heutige CVP kommt mir vor wie die Ref. Landeskirche. Diese glaubt auch, mit dem kritischen Hinterfragen der biblischen Aussagen, würde sie an Attraktivität gewinnen. Das ist falsch und bringt Untergang; Anpassen ist Schwachheit! Antworten


rolf zeller

27.10.2012, 12:54 Uhr
Melden 18 Empfehlung 12

Guter Artikel,welcher Dinge hochkommen lässt,welche man tatsächlich erlebt hat,aber die längstens im Laufe des Lebens vergessen wurde. Hier in Basel als "Kriegsmodell" noch die Vorkommnisse betr."der Stellvertreter" erlebt und dann die Zuwanderung Katholisch Gläubiger (Italien,Spanien, etc.).Zeigt aber auch was in Zukunft geschieht, denn auch jetzt wandert wieder eine Religion ein und wird dann... Antworten



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