Schweiz

«Ein Freiheitsentzug für Igor L. ist nicht so einfach»

Von Simone Lippuner. Aktualisiert am 25.08.2010 43 Kommentare

Dass der Schläger aus Schüpfen frei herumläuft, sorgt für Angst und rote Köpfe. Regierungsstatthalter Gerhard Burri könnte für Igor L.* einen fürsorgerischen Freiheitsentzug verordnen. Das sei nicht so einfach, sagt Burri.

Da verstehen Schüpfener nur Bahnhof: Der Schläger Igor L. ist nach wie vor auf freiem Fuss.

Da verstehen Schüpfener nur Bahnhof: Der Schläger Igor L. ist nach wie vor auf freiem Fuss.
Bild: Christian Pfander

Gerhard Burri. (Bild: Andreas Blatter)

Wer war der Haupttäter?

In der gestrigen Ausgabe der Zeitung «Blick» erzählt der 17-jährige Amir Z., dass ihm überhaupt nichts leidtue. Er behauptet zudem, er habe dem Löwen-Wirt Fritz Meier den Metallaschenbecher über den Kopf geschlagen.

Damit widerspricht Amir Z. der Aussage des 63-jährigen Fritz Meier. Dieser hat gegenüber der Berner Zeitung und auch gegenüber anderen Medien gesagt, dass es der 22-jährige Igor L. gewesen sei, der ihn mit dem Metallaschenbecher geschlagen habe. Amir Z., der ebenfalls verhaftet wurde, wurde vom Wirt als Mitläufer beschrieben. Berüchtigt war Amir Z. in Schüpfen bisher nicht, meint Gemeindepräsident Ueli Hunziker (SVP): «Ich habe vorher noch nie etwas von ihm gehört.» Ganz im Gegensatz zum 22-jährigen Igor L.

Tatsache ist: Der minderjährige Amir Z. würde im Falle einer Verurteilung verhältnismässig glimpflich davonkommen. Für Igor L. würde die Strafe für dieselbe Tat – aufgrund seines Alters und seiner Vorgeschichte – härter ausfallen.

Zwei oder drei Anführer

Am Bahnhof in Schüpfen wird noch immer über die Schlägerei im Löwen diskutiert. Hier sollen sich einige Jugendliche herumtreiben, die randalieren. «Sie greifen immer schwächere oder ältere Menschen an», sagt der 20-jährige Jan Koch und ärgert sich. «Wenn ich so etwas beobachte, dann greife ich ein.» Der kräftige Baumaschinenmechaniker wurde bisher in Ruhe gelassen. Auch sein gleichaltriger Kollege Cédric Jakob kennt die Szene am Bahnhof. Er blieb bis jetzt unversehrt. «Ich habe aber schon selbst beobachtet, wie sie am Bahnhof Töffli kaputt gemacht haben.» Auch sein eigenes Töffli sei hier schon beschädigt worden.

Es gebe zwei oder drei Anführer, meinen Jakob und Koch. Die anderen seien lediglich Mitläufer. Der 22-jährige Igor L. wohnt angeblich bei seinen Eltern in Schüpfen. Am Telefon sagen die Eltern, dass ihr Sohn nicht zu sprechen sei. Er werde sich selber melden, wenn er mit der Zeitung reden wolle, hiess es. Besonders die Mutter des 22-Jährigen scheint sehr unter der Situation zu leiden.

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Herr Burri, wieso hat man den Schläger aus Schüpfen noch nicht aus dem Verkehr gezogen?
Gerhard Burri: Das müssen Sie den Untersuchungsrichter fragen, er ist zurzeit der primär Verantwortliche in diesem Fall. Nicht als Regierungsstatthalter, aber als Jurist kann ich sagen, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Untersuchungshaft sehr streng sind. Ich habe aber weder das Recht noch einen Grund, die Arbeit des Untersuchungsrichters zu kritisieren.

Für einen sogenannten fürsorgerischen Freiheitsentzug (FFE) ist der Regierungsstatthalter zuständig.
Das ist so. Und ich bin auch offen, diesen zu verordnen. Das ist aber nicht so einfach: Für einen FFE braucht es ein Arztzeugnis, das Geisteskrankheit attestiert. Im vorliegenden Fall dürfte das schwierig werden.

Sie kennen also den Fall Igor. Haben Sie gegen ihn schon einmal einen FFE verhängt?
Dazu möchte ich aus rechtlichen Gründen keine Stellung nehmen. Aber damit das klar ist: Ich kenne den Fall und sitze nicht däumchendrehend rum. Ein solch schlimmes Ereignis handeln wir nicht einfach bürokratisch ab. Als ich aus der Zeitung vom Vorfall im Restaurant Löwen erfahren habe, habe ich mich sofort mit den Verantwortlichen von Polizei und Justiz in Verbindung gesetzt. (Anmerkung der Redaktion: Aus gut unterrichteten Quellen weiss die Berner Zeitung, dass über Igor L. bereits ein FFE verhängt worden ist. Nach sechs Wochen wurde der Schläger jedoch wieder aus der Institution entlassen, da er nicht therapierbar sei.)

Hat die Polizei Angst vor Igor?
Ich habe auch schon gehört, dass es mehrere Polizisten braucht, um mit Igor zurechtzukommen. Dennoch würde ich nicht von Angst sprechen. Eher ist die Polizei besorgt, dass die Bevölkerung das Vertrauen in Polizei und Justiz verliert. Doch ruft man die Polizei, kommt sie ja immer. Egal, mit wem sie es dann zu tun hat.

In ihren Reaktionen werfen Bürger der Polizei, der Justiz und auch den Politikern fahrlässiges Handeln und Kuscheljustiz vor.
Es ist der Richter, der ein Urteil spricht. Vorher kann man nicht von Kuscheljustiz sprechen. Mit den strafrechtlichen Fragen habe ich als Regierungsstatthalter nichts zu tun.

Zwanzig Anzeigen sind gegen den 22-Jährigen bereits eingegangen. Wie geht es weiter?
Diesen Freitag findet eine Sitzung mit dem Untersuchungsrichter, den Verantwortlichen bei der Polizei, dem Gemeindepräsidenten von Schüpfen und mir statt. Da werden wir jede Möglichkeit prüfen, um im Fall Igor L. in bestmöglicher Weise zu handeln.

Was erhoffen Sie sich von diesem Treffen am Freitag?
Ich hoffe natürlich, dass der Untersuchungsrichter zum Schluss kommt, dass die Voraussetzungen für eine Untersuchungshaft gegeben sind. Zudem wünsche ich mir Aufschluss über alle Vorkommnisse der letzten Monate in Schüpfen.

Sind Sie dem jungen Schläger schon einmal begegnet?
Ja. Im Gespräch mit mir hatte er sich damals recht anständig verhalten. Und wie er einmal bekundete, weiss er, dass er Hilfe braucht, und wünscht sich eine Bezugsperson. Auf entsprechende Angebote hin hat er sich aber nicht mehr gemeldet.

*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.08.2010, 14:59 Uhr

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43 Kommentare

Lars Meier

23.08.2010, 13:16 Uhr
Melden

Ein ganz klarer Fall von Fussfessel und 12 Monate Hausarrest. Job OK aber kein Ausgang mehr... Antworten


Thomas Müller

23.08.2010, 13:58 Uhr
Melden

Auf was wartet denn die Polizei noch? Die Gesetze sind doch sicher da, um solche Gewalttäter, die andere Menschen gefährden, zu bestrafen oder anderweitig aus dem Verkehr zu ziehen! Muss zuerst ein Mensch schwer verletzt oder getötet werden, bis unsere schlafende Justiz sich bemüssigt fühlt einzuschreiten? Es gibt andere Beispiele, wo unsere Polizei auch nicht für Sicherheit sorgen kann ... Antworten



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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.