Schweiz

«Ein GAU in Sachen Journalismus»

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 09.07.2011 11 Kommentare

«News of the World» ging bei der Recherche weit über das Erträgliche hinaus. Ist das auch bei uns denkbar? Und wie war das mit der Affäre um die Borer-Geschichte im «SonntagsBlick»?

Hier ist für einen Teil der Belegschaft nach diesem Wochenende Schluss: Eine Frau verlässt das Mediengebäude des Murdoch-Konzerns in London.

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«Die Affäre Borer hatte dem ‹Blick› sehr geschadet»: Peter Rothenbühler. (Bild: Keystone )

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«News of the World» war immer eine der aggressivsten Zeitungen. Aber dass so etwas passieren konnte, das ist wie in einem schlechten Film», sagt Journalist und Edipresse-Manager Peter Rothenbühler. Er kennt den Boulevard-Journalismus, war von 1985 bis 1988 Chefredaktor beim «SonntagsBlick».

Dass so etwas in der Schweiz passieren könnte, hält er für unwahrscheinlich. Was Rothenbühler besonders erschüttert: «Kaum zu fassen, dass auch Polizei und Behörden noch mitmachten und sich sogar noch dafür bezahlen liessen.» Laut dem Branchen-Kenner fliesst in der Schweiz kein Geld für Informationen.

Bei Promis geht das noch durch

«Der britische Boulevard-Journalismus ist extrem und weltweit wohl einzigartig», sagt auch Peter Übersax. Auch er ein früherer Ringier-Mann. Er leitete zweimal die Redaktion des «Blick», zuletzt von 1980 bis 1986. Solange die grenzwertigen Recherchemethoden die Welt der Promis betrafen, wurden die Machenschaften noch akzeptiert. «Da mag auch eine gewisse Schadenfreude den Schönen und Reichen gegenüber eine Rolle gespielt haben», erklärt Übersax.

Nun aber ist das Fass mit dem Abhören der Handys von Opfern von Gewaltverbrechen übergelaufen. «Das ist ein GAU in Sachen übertriebener angelsächsischer Boulevard-Journalismus», so Rothenbühler.

Nichts Kriminelles in der Affäre Borer

Auch der Schweizer Boulevard-Journalismus hatte seine Grenzerfahrungen gemacht. «Die Affäre Borer hatte dem ‹Blick› sehr geschadet», sagt Rothenbühler. Es war im Frühling 2002, als der «SonntagsBlick» über eine angebliche Affäre des damaligen Botschafters in Deutschland, Thomas Borer, berichtete. Es war ein für Schweizer Medienverhältnisse ungewohnter Bruch mit der Privatsphäre. Das Blatt entschuldigte sich später und es kam zu einer finanziellen Einigung. «Obwohl ich nicht mehr beim ‹Sonntagsblick› tätig war, wurde ich vielerorts von Leuten wegen dieser Sache angefeindet», erinnert sich Rothenbühler.

Trotzdem unterscheidet sich die Machart des hiesigen Boulevard-Journalismus vom Treiben auf der Insel. «Was der ‹Sonntagsblick› machte, war nicht kriminell. Und die Geschichte war im Promi-Bereich angesiedelt. So gesehen hatte dies nicht eine so gewaltige Sprengkraft», sagt der Medien-Profi.

Angegriffen nach medienkritischem Film

Immer wieder gerät die Boulevard-Presse in die Kritik. Bestens erinnert sich Übersax noch an die Zeit, als der medienkritische Film «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» gezeigt wurde. Es war die Geschichte über eine Frau, die einen Kriminellen deckte und deswegen von der Boulevard-Presse verfolgt und in die Enge getrieben wurde. «In dieser Zeit wurden wir oft angegriffen», blickt Übersax zurück.

Er war es allerdings auch, der dem Boulevard-Journalismus in der Schweiz selber eine forschere Gangart verordnete. «Wir waren viel direkter, als es bis dahin üblich war, und wir sprachen Dinge aus, die noch tabu waren», erklärt Übersax. Der Journalist lebte in den 50er-Jahren selber in der Wiege der Medienwelt, in London. Sein Vorbild war der «Daily Express», die «damals grösste Zeitung Englands».

Zeitung nach Skandal ruiniert

Dass ihm später beim «Blick» selber so etwas passieren könnte, wie es nun bei «News of the World» geschah, davor hatte er keine Angst. «Ich habe mir immer sehr lange überlegt, ob und wie wir die Geschichte bringen. Und am Schluss habe ich mir selber den Freipass gegeben.»

Dass nun Murdoch die «News of the World» gleich schliesst, kann Übersax nicht nachvollziehen. «Ich bin erstaunt. Das ist ein gewaltiger finanzieller Verlust.» Für Rothenbühler ist die Schliessung eine logische Folge: «Diese Zeitung hatte keine Chance mehr. Mit diesem Skandal ist sie ruiniert. Die Inserenten wenden sich ab. So gesehen ist es nur logisch, dass Murdoch sie einstellt.»

Angst in den Redaktionen

Folgen haben wird die Affäre für die britischen Medien ganz bestimmt: «In allen englischen Redaktionen wird man sich jetzt fragen, ‹wo sind wir gefährdet›. Niemand will ein existenzgefährdendes Urteil riskieren», sagt Rothenbühler. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2011, 15:47 Uhr

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11 Kommentare

Pietro Ammann

08.07.2011, 13:26 Uhr
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Was soll die Frage, ob das bei uns denkbar ist?? Gewisse Medien haben den Anstand bereits längst überschritten. Beispiele: wie oft werden menschen medial in grossen Lettern vorverurteilt, bevor ein gültiges Gerichtsurteil vorliegt. Und wenn das Gericht anders entscheidet dann bringen die Journalisten den Beitrag auf Seite 20 in einer Randspalte, dass möglichst niemand davon erfährt. Antworten


Otti Meier

08.07.2011, 13:00 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Dass über 4000 ! Personen bespitzelt wurden lässt doch auf eine sehr aufwendige, hochkriminelle Infrastruktur schliessen. Da ists mit einer schnellen Schliessung einer Zeitung nicht vorbei. man wird nicht darum herumkommen viel härtere Persönlichkeitsschutzgesetze einzuführen! Antworten



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