Schweiz

Ein Lob auf die Personenfreizügigkeit

Von George Sheldon. Aktualisiert am 18.01.2010 113 Kommentare

Dass die Arbeitslosigkeit unter den Ausländern steigt, trifft zu, schreibt Professor George Sheldon*. Er kennt aber auch das Rezept dagegen.

Soll auch Frieden bringen: Erweitertes Plakat zur Personenfreizügigkeit.

Soll auch Frieden bringen: Erweitertes Plakat zur Personenfreizügigkeit.
Bild: Keystone

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* George Sheldon ist Ökonomieprofessor an der Universität Basel, spezialisiert auf das Thema Arbeitsmarkt.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise mehren sich in den Medien die Meldungen über hohe Arbeitslosenquoten unter Ausländern, welche die Arbeitslosenkasse in der Schweiz belasteten. Zudem wird bemängelt, dass bislang weniger stellenlos gewordene Ausländer in ihre Heimatländer zurückkehren als erwartet. Vor diesem Hintergrund wird das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU als verfehlt betrachtet. Stimmt diese Analyse?

Dass die Arbeitslosigkeit unter den Ausländern steigt, trifft zu. Dies ist aber kein neues Phänomen. Seit Ende der 70er-Jahre nimmt der Anteil der Ausländer im Arbeitslosenbestand wesentlich stärker zu als deren Anteil an der Erwerbsbevölkerung. Ende 2008 machten die in der Schweiz wohnhaften Ausländer rund 40 Prozent aller Arbeitslosen aus, obwohl sie nur rund 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung bildeten. Die Ausländer sind damit im Arbeitslosenbestand um über das Zweifache übervertreten. Die Ursache dafür ist allerdings nicht die Personenfreizügigkeit.

Wir brauchen Hochqualifizierte

Bis Ende der 80er-Jahre war über die Hälfte aller im Ausland rekrutierten Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung. Damals brauchte die Wirtschaft offenbar Niedrigqualifizierte. Seitdem haben sich die Bedürfnisse der Firmen aber stark verändert. Die erhöhten Anforderungen der neuen Technologien und die kontinuierliche Auslagerung anspruchsloser Tätigkeiten in Niedriglohnländer haben die Nachfrage der Firmen hin zu höher qualifizierten Arbeitskräften verschoben, was unter anderem am veränderten Qualifikationsmix der eingereisten Vollzeiterwerbstätigen zu sehen ist.

Vor 1990 waren über 50 Prozent dieser Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung. Weniger als 20 Prozent hatten einen Hochschulabschluss. Heute ist es umgekehrt: 50 Prozent verfügen über einen Hochschulabschluss. Nur rund 20 Prozent sind ungelernt. Bei der Schweizer Wohnbevölkerung ist der Akademikeranteil wesentlich niedriger, derzeit bei rund 10 Prozent. Wo sollen die heimischen Firmen die Hochschulabsolventen finden, wenn nicht im Ausland, zumal die hiesige Bildungspolitik mehr damit beschäftigt ist, der Berufslehre zu neuem Glanz zu verhelfen, als für Nachschub bei den höheren Qualifikationen zu sorgen?

Bildungs-, nicht Einwanderungspolitik ist gefordert

Bis 1980 hatte Bildung keine Auswirkung auf die Arbeitslosigkeit. Heute ist die Arbeitslosenquote der Ungelernten doppelt so hoch wie jene der Absolventen einer Lehre. Diese übersteigt wiederum jene der Hochschulabsolventen um 50 Prozent. Da die Mehrheit der in der Vergangenheit rekrutierten Ausländer ohne Berufsausbildung ist, sind sie heute besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen.

Dieser Trend wird sich fortsetzen. Rund 20 Prozent der Einwandererkinder verlassen jedes Jahr das Bildungssystem ohne eine Ausbildung. Bei den Schweizern beträgt der Anteil 5 Prozent. Auch hier gilt: Das Problem ist nicht die Personenfreizügigkeit, sondern die mangelnde Integration der vor Jahren in die Schweiz eingewanderten und inzwischen niedergelassenen Ausländer mit tiefer Qualifikation. Hier ist die Bildungspolitik gefordert, nicht die Einwanderungspolitik.

Europa beneidet uns

Damit leuchtet ein, dass eine Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU oder eine Ventilklausel keine Abhilfe schaffen würde. Im Gegenteil: Der gestiegene Bildungsstand der gegenwärtig zuwandernden Ausländer bringt der Schweiz grosse wirtschaftliche Vorteile: verbesserte Integration, höhere Arbeitsproduktivität, mehr Wirtschaftswachstum, weniger Lohnungleichheit sowie einen besseren Saldo zwischen dem, was die Ausländer an staatlichen Leistungen beziehen, und dem, was sie über Steuern, Abgaben und Gebühren mitfinanzieren. Europa beneidet uns um diese positiven Effekte. Wie lange dauert es noch, bis alle Schweizer dies erkennen?

*George Sheldon ist Ökonomieprofessor an der Universität Basel, spezialisiert auf das Thema Arbeitsmarkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2010, 11:30 Uhr

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113 Kommentare

Urs Bremer

18.01.2010, 12:57 Uhr
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Offenbar vergessen hat der Autor, dass bereits vor dem Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU Zuwanderer in die Schweiz kamen (und zwar überwiegend aus EU-Ländern). Einfach indem die Schweiz Kontingente für gesuchte Personengruppen bereitstellte. Dies war zielgerichteter als die heutige Freizügigkeitsregelung! Und auch damals wurde ein Ausländeranteil von zuletzt 18% erreicht. Antworten


Walter Kunz

18.01.2010, 11:39 Uhr
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Die Frage ist nur aus welcher Position man dasselbe Problem anschauen kann, schlimmstenfalls anschauen muss. Ob belehrend, regulierend oder eben selbst davon betroffen. Wer in der Schweiz als Gast arbeiten will, hat sich gefälligst mit eigene Initiative anzupassen und nicht umgekehrt. Selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird das ebenso gehandhabt. Antworten



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