Schweiz

Ein Unentschieden im Wortduell

Von Philipp Loser, Zürich. Aktualisiert am 13.01.2011 16 Kommentare

Es war hochstehend, giftig zuweilen und stets unterhaltsam. Das Rededuell zwischen Alt-Bundesrat Christoph Blocher und dem Luxemburger Premierminister Jean-Claude Juncker ging unentschieden aus.

Leidenschaftlich: Christoph Blocher und Jean-Claude Juncker unterhielten das Publikum königlich.

Leidenschaftlich: Christoph Blocher und Jean-Claude Juncker unterhielten das Publikum königlich.
Bild: Keystone

Das Zürcher Schauspielhaus erlebte gestern Abend vor vollbesetzten Rängen das finale Duell eines Verbalkrieges in vier Schlachten. Ein Duell zweier Modelle, zweier Europa-Verständnisse, zweier Welten gar. Jean-Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg, ist ein Europäer durch und durch. Alt-Bundesrat Christoph Blocher ist vor allem Schweizer. Er ist der personifizierte Sonderfall. Den Fehdehandschuh als Erster geworfen hatte Juncker in einem Interview mit der «Zeit»: Dieser weisse Fleck mitten in Europa sei ein «geostrategisches Unding», sagte Juncker und wünschte sich gleichzeitig den Beitritt der Schweiz in die EU.

Alt-Bundesrat Christoph Blocher liess den Handschuh erst abprallen und antwortete dann zwei Wochen später mit der Nazi-Keule. Solche Reden erinnerten ihn an Hitler, erzählte er auf «Teleblocher» und lieferte damit jenen Stoff, den das mediale Schlachtengeheul bis zum gestrigen direkten Duell der beiden befeuerte. Da konnte Theaterregisseur Lukas Bärfuss des Langen und Breiten in seiner Einleitung darauf hinweisen, dass die «Zeit» nicht zum «Duell» oder zum «Showdown» ins Schauspielhaus geladen habe – kaum hatten die beiden Herren die Bühne betreten, erlebten die Zuschauer nichts anderes. Ein Duell. Meist mit Finesse, manchmal mit Grobheiten.

Für und Wider die EU. Die beiden Politiker begannen auf vertrautem Terrain. Luxemburg habe seinen Erfolg zu grossen Teilen der Europäischen Union zu verdanken, sagte Juncker: «Nur dank der Mitgliedschaft konnten wir in die Weltspitze des Wohlstands aufsteigen.» Ganz ähnlich tönte das bei Blocher, nur umgekehrt. Die Schweiz sei ein ausserordentlich erfolgreicher Staat, gerade weil man nicht bei der EU sei, weil man sich auf die schweizerischen Eigenheiten verlasse, die direkte Demokratie im Speziellen. Und dann begann es, das Sticheln. «Weh und bange wird uns, wenn wir hören, wir seien ein geostrategisches Unding.» Die Römer hätten schon versucht, sich die Schweiz einzuverleiben, der Napoleon und die Habsburger und Preussen und eben, die Nazis. «Da reagieren wir sehr empfindlich.» Applaus für Blocher und ein wenig Gemurre, die Lager der beiden waren im Publikum in etwa gleich gross.

Wir Kleinstaatler

Junckers Replik rief die gleichen Reaktionen hervor – jeweils von der anderen Hälfte des Publikums. Als Luxemburger und damit als Kleinstaatler verstehe er die Gefühlslage der Schweiz bestens. «Wir schätzen es auch nicht, wenn sich jemand ausserhalb von Luxemburg in unsere Angelegenheiten mischt.» Schweizfreundlich sei sein Interview gewesen, nichts Negatives falle ihm zur Schweiz ein. Er schätze die Schweiz als Land sehr. «Und solche Sprüche hat es von Hitler ganz sicher nicht gegeben.» Es sei ganz alleine die Entscheidung der Schweiz, ob sie Mitglied der EU werden möchte. «Ich wünschte es mir. Die EU könnte ein wenig gesunden Menschenverstand gebrauchen. Aber ich zwinge sicher niemanden zu einem Beitritt!» Und darum wehre er sich entschieden, in die Nähe von Hitlers Gedankengut gerückt zu werden. «Glauben Sie mir: Ich bin der grösste Schweizer, den es in Europa überhaupt gibt!»

Das mit dem Nichtzwang hörte Blocher gern. «Und das entspricht auch genau dem Willen unserer Bevölkerung.» Da drehten sie sich dann ein wenig im Kreis. Ein ums andere Mal betonte Juncker, die EU wolle und werde der Schweiz ganz sicher nicht dreinreden, wenn die Schweizer Bevölkerung sich gegen einen EU-Beitritt stelle. Ein ums andere Mal sagte Blocher, dass die Schweiz und die Schweizer Bevölkerung eben diesen Beitritt nicht wolle. Und irgendwie wurde man das Gefühl nicht los, dass die beiden so unterschiedlichen Politiker gar nicht so weit weg voneinander entfernt seien. Fazit des Abends: unentschieden! (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.01.2011, 09:41 Uhr

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16 Kommentare

Damian Streuli

13.01.2011, 11:22 Uhr
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Wann hört das Schweizer Fernsehen endlich auf, solche Dominanzrituale ohne jeden Erkenntnisgewinn auszustrahlen? Wann hört die Presse endlich auf, über solche Dominanzrituale ohne Erkenntnisgewinn zu berichten? Antworten


Dieter Wundrig

13.01.2011, 10:22 Uhr
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Weshalb sollte die Schweiz eigentlich der EU beitreten?Das wäre doch wirklich ein"Unding". Weiterhin Starrköpfigkeit gegenüber der EU beweisen, alle Verträge aufkündigen und sich verschanzen. Ein Beitritt wäre nur eine Blockade der EU, das haben die Habsburger und andere auch erkannt. Weiterhin nur von der Vergangenheit träumen und die Zukunft einfach ausblenden. Man genügt sich einfach selbst! Antworten



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