Schweiz

Ein eigensinniger Staranwalt kämpft für Polanskis Freilassung

Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 23.11.2009

Hervé Temime, Anwalt von Roman Polanski, überwirft sich mit seinen Kollegen in Los Angeles. Redet er gar nicht im Namen des verhafteten Regisseurs?

Der Franzose Hervé Temime ist ein «Maître für VIPs».

Der Franzose Hervé Temime ist ein «Maître für VIPs». (Bild: Reuters)

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Berühmte Menschen haben in der Regel nicht nur einen Anwalt, sondern ein Team von teuren Anwälten. Im Fall von Roman Polanski, dem in der Schweiz inhaftierten Filmregisseur, zählt man als Aussenstehender mindestens sechs: einen in der Schweiz, zwei in der Wahlheimat Frankreich, drei in der Filmstadt Los Angeles. Solange sie sich untereinander einig sind, merkt man nichts davon. Wenn sie sich aber überwerfen und sich gar öffentlich widersprechen, fällt das nicht eben positiv auf und nützt wohl auch dem Mandanten nichts.

An diesem Wochenende meldete sich das «legal team» Polanskis aus Los Angeles und erklärte in den Medien, der Kollege in Paris rede nicht im Namen Polanskis. Es sei auch nicht wahr, wie dieser behaupte, dass Polanski eine Auslieferung in die USA nicht akzeptieren würde. Ja, was nun?

Per Zufall zum Auftrag

Rückblende. Als Roman Polanski am 26. September in Zürich verhaftet wurde, in der Kulturwelt darob ein Sturm der Entrüstung aufzog und die Medien nach juristischen Erklärungen suchten, hiess es, der Pariser Strafverteidiger Hervé Temime sei schon auf dem Weg in die Schweiz. Hervé Temime? Es hörte sich nach einem langen Weg an. Und nach einer wichtigen, prominenten Ankunft.

Maître Temime, 52 Jahre alt, geboren in Algier als Sohn französischer Juden, stand plötzlich mittendrin im wohl spektakulärsten Justizfall des Jahres – und das eher zufällig. Einem Fall, der Schlagzeilen machte rund um die Welt. Und überaus emotionale Voten produzierte in Politik und Kultur. Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand fühlte sich zum Beispiel gedrängt, die Festnahme als «schreckliche Ungerechtigkeit» darzustellen, als «eine Falle», die Amerika dem herausragenden Cineasten gestellt habe. Mitterrand wird seine erste Reaktion später relativieren. Im Volk kam sie nicht gut an, in der Regierung auch nicht. Roman Polanski wird im Zusammenhang mit der sexuellen Misshandlung eines 13-jährigen Mädchens im fernen 1977 von der Justiz verfolgt.

Zwei Glückspilze

Temime redet ganz ähnlich wie der Minister, was natürlich für einen Verteidiger nicht aussergewöhnlich ist. Er kam erst vor kurzem zu diesem strahlkräftigen Mandat, wie die Zeitung «Libération» in einem Porträt des Juristen am Wochenende schrieb. Er habe Polanski im vergangenen Sommer kennen und schätzen gelernt, sagt Temime. Man habe beim Gespräch entdeckt, dass man eine ähnliche Auffassung von Gerechtigkeit und Justiz habe: «Als ich ihm erzählte, dass ich meine Berufung schon im Alter von 13 Jahren gefühlt habe, sagte er, wir beide hätten sehr viel Glück, weil wir zu den wenigen gehörten, die Berufe ausüben könnten, von denen sie immer träumten.»

Offenbar reichte das bereits für einen Auftrag. Temime sagt, das öffentliche Geschrei um Polanski und dessen «unglaubliches Schicksal» habe ihn immer empört. «Ich habe also keine Sekunde gezögert.» So reiste er Ende September von Paris nach Zürich. Der Pulk war gross, der Mikrofone und Kameras viele, doch das beeindruckte ihn nicht. Er hat schon so oft prominente Menschen verteidigt: Catherine Deneuve, Guillaume Depardieu (Gérard Depardieus Sohn), Bernard Tapie.

Temime ist ein Staranwalt, ein Maître für VIPs. Sein Büro hat er an der Rue Rivoli, im 1. Arrondissement von Paris. Als Blender gilt er jedoch nicht. Temime sucht das Rampenlicht nicht. Er mag nur die Herausforderung grosser, viel beachteter Fälle. Wenn er verliere, sagte der Anwalt der «Libération», verzichte er auch schon mal auf sein Honorar.

Und was will Polanski?

Temimes Ziel ist es nun, eine weichere Haft für Polanski zu erwirken: Hausarrest im Gstaader Chalet etwa. Wenn es sein müsse, sei sein Klient auch bereit, ein elektronisches Armband zu tragen, sagte er dem «Figaro» in einem Interview am Freitag. Eine hohe Kaution habe man der Schweizer Justiz angeboten, damit sie seinem Mandanten vertraue. Temime geht offenbar davon aus, dass Polanski, 76 Jahre alt und gezeichnet von der Haft, noch etliche Zeit in der Schweiz bleiben werde. Jedenfalls betont der Anwalt, dass sein Mandant nicht bereit sei, die Auslieferung an die USA hinzunehmen.

Tatsächlich nicht? Verfolgen die amerikanischen Anwälte etwa eine andere Linie als Temime, vielleicht eine konziliantere mit der US-Justiz? Wenn dem so wäre, warum ist es so? Und wer redet überhaupt in Roman Polanskis Namen, der selber nicht redet: alle sechs Anwälte, auch wenn sie sich widersprechen? Oder nur drei? Oder nur Hervé Temime? Die Konfusion nährt die Spannung im Justizfeuilleton des Jahres.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2009, 06:50 Uhr

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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.