Schweiz
«Ein grosser Teil der Suizide sind Kurzschlusshandlungen»
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 29.07.2010 5 Kommentare
Vladeta Ajdacic ist Soziologe. Er arbeitet an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in den Forschungsbereichen Klinische und Soziale Psychiatrie. (Bild: PD)
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Gäbe es in der Schweiz weniger Selbstmorde, wenn es weniger Schusswaffen in den Haushalten hätte?
Ja, denn jede Suizidmethode hat ihre eigene Klientel: Männer bringen sich viel häufiger mit Schusswaffen um als Frauen. Frauen und Bewohner städtischer Gebiete greifen öfter zu Medikamenten. Wenn man eine neue Methode populär macht, nehmen Suizide zu. Wenn man ein Suizidmittel wegnimmt, werden Suizide verhindert.
Jene, die gegen den Einzug der Armeewaffen sind, sagen: Wer sich umbringen will, findet immer einen Weg.
Das ist ein Vorurteil. Es ist die Ausrede von Politikern, die nicht handeln, weil sie keine Stimmen verlieren wollen. Ein grosser Teil der Suizide sind Kurzschlusshandlungen. Und hier ist die Verfügbarkeit von Suizidmitteln wie Waffen entscheidend. Die Suizidrate hängt natürlich von mehreren Faktoren ab. Die Verfügbarkeit der Mittel ist einer davon.
Ist die Verfügbarkeit von Suizidmitteln der entscheidende Faktor für die Selbstmordrate?
Nein, der Hauptfaktor ist der Umgang mit Krisen und Problemen. Holt man in einer Krise Rat und Hilfe? Eine wesentliche Rolle spielt auch, wie eng die Leute miteinander vernetzt sind. In den Städten sind die Leute eher isoliert und haben weniger Ansprechpartner.
Konnten Sie untersuchen, welcher Anteil der Suizide mit Armeewaffen begangen wurde?
Die Todesursachenstatistik schlüsselt das nicht auf. Es gibt dazu drei Studien aus Basel, Zug und dem Thurgau. Daraus lässt sich ablesen, dass vor etwa zehn Jahren rund 40 Prozent der Suizide mit einer Armeewaffe verübt wurden. Dieser Anteil dürfte zurückgegangen sein. Hier spielt die Armeereform und die Munitionsabgabe eine Rolle.
Heisst das, dass die Armee Waffen nicht mehr nach Hause abgeben soll?
Ein grosser Teil der Menschen wird im Leben einmal suizidal, sagen wir rund ein Fünftel. Das bedeutet auch, dass jeder fünfte Armeeangehörige, jeder fünfte Polizist oder Jäger einmal selbstmordgefährdet ist. Der Einzug der Waffe kann eine vernünftige Massnahme sein.
Warum hat der Kanton Zürich den gleichen Anteil an Schusswaffen-Suiziden wie der Kanton Bern, obwohl in Bern in den Haushalten deutlich mehr Schusswaffen vorhanden sind? Oder warum hat Zug viele Waffen, aber wenig Suizide mit Schusswaffen?
Auf der Ebene von Einzelbeispielen lässt sich das nicht erklären. Es gibt aber erklärbare Fälle für andere Kantone mit vielen Schusswaffen und relativ wenigen Suiziden mit Schusswaffen. Im Appenzellerland bringen sich viele durch Erhängen um. In Zug gab es viele Suizide durch einen Sturz von der Brücke, bevor diese gesichert wurde.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.07.2010, 22:49 Uhr
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5 Kommentare
Interessant finde ich die Beantwortung der letzten Frage ...lässt sich nicht erklären. Genauso wie mir der Quervergleich mit Japan mit den meisten Selbstmorden weltweit fehlt. Oder England mit einer der höchsten Schusswaffen(selbst-)morden europaweit - wo privater Waffenbesitz gänzlich verboten ist. Aber schön wenn man sich profilieren kann. Fragt sich nur was es der Allgemeinheit nützt. Antworten
Die Graphik zeigt den vom Autor behaupteten Zusammenhang nicht: Die "Schusswaffendichte" ist von links nach rechts in etwa konstant (mit Schwankung um 20 %), währenddem die Selbstmorde einfach der Grösse nach geordnet sind. Zweitens ist auch die "Spontanselbstmordtheorie" des Autors im Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




