Kommentar

Eine Leiche und ihr Beschauer

Wohin mit der Schweiz nach dem 9. Februar? Eindrücke aus Frankreich, Lehren aus England. Ein Kommentar.

Éric Zemmour, Prophet des Niedergangs: «Die Ausländer, die Frankreich mögen, sind beunruhigt über den Verfall seiner Schulen, seiner Kultur, seiner Sprache, ja sogar seiner Küche.

Éric Zemmour, Prophet des Niedergangs: «Die Ausländer, die Frankreich mögen, sind beunruhigt über den Verfall seiner Schulen, seiner Kultur, seiner Sprache, ja sogar seiner Küche. Bild: Keystone

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Was in der schweizerischen Öffentlichkeit vielleicht zu wenig bekannt ist, besonders wenn man unseren Politikern zuhört oder unsere Journalisten liest: Wir sind nicht allein mit unseren Sorgen. Wir sind nicht die Einzigen, die sich über Fragen der Immigration den Kopf zerbrechen. Wenn ein Thema ganz Westeuropa zu beschäftigen scheint, dann ist es der anhaltende Zustrom von Flüchtlingen aus Afrika, Arbeitern aus Rumänien oder Griechenland, Angestellten aus Italien, Ingenieuren aus Polen – und das wachsende Unbehagen über diese Entwicklung unter den Einheimischen.

Zurück aus den Ferien in Frankreich, einem Land, das zerbricht, bin ich noch erfüllt von den vielen, eher deprimierenden Eindrücken. Von Städten, die nach wie vor reich sind, aber nicht mehr blühen, von Landschaften, die leer wie der Wilde Westen sich ausdehnen, aber keinen Pioniergeist wecken, von Menschen, die immer noch kultiviert sind, aber um ihre Kultur bangen.

Rasanter Autor

Éric Zemmour ist womöglich das interessanteste Phänomen in diesem grossartigen Nachbarland, dessen Bewohner mit Eilesschritten nach rechts zu drängen scheinen. Zemmour, ein brillanter Journalist, der für den Figaro schreibt, dem konservativen Blatt der Bourgeoisie, der offenkundig starke Sympathien für Marine Le Pen hegt, der Chefin des rechten Front National, – ein kluger, wirbliger Kopf, der zum Teil Grenzwertiges über Muslime und andere Einwanderer sagt, ein Gaullist, der Frankreich vom Euro befreien und vielleicht sogar aus der EU führen möchte, dabei selber ein Sohn von Einwanderern ist, nämlich ein Jude aus Algerien, ein Mann auch, den ich nie als Liberalen bezeichnen würde, weil er, wie es sich für einen Franzosen gehört, vom Staat alles Heil erwartet und er im Grunde einem nationalen Sozialismus nachtrauert: Dieser geistreiche Mann beherrscht die Debatte auf allen Kanälen. Man sieht ihn in Talkshows am Fernsehen, man hört ihn am Radio, man liest ihn – man hasst ihn, man verehrt ihn.

Vor Kurzem ist erneut ein Buch von ihm erschienen: «Le suicide français», das innert Stunden zum Bestseller aufgestiegen ist. Paris liest Zemmour, Toulouse auch, Strassburg sowieso. Wenn man eine Buchhandlung in Lyon betritt, wo wir waren, stellen sich einem Berge von Zemmours Büchern in den Weg – und die Kunden greifen danach wie Hungernde nach Brot.

Frankreich hat Angst

Zemmour, Prediger des Untergangs: «Frankreich ist der kranke Mann Europas», beginnt sein finsterer Bericht: «Die Ökonomen vermessen den Verlust seiner Wettbewerbsfähigkeit. Die Essayisten setzen sich mit seinem Niedergang auseinander. Die Diplomaten und die Soldaten beklagen sich im Stillen über seine strategische Deklassierung. Die Psychologen sind besorgt über seinen Pessimismus. Die Meinungsforscher messen seine Verzweiflung. Die reinen Seelen bemängeln seinen Rückzug auf sich selbst. Die jungen Akademiker wandern aus. Die Ausländer, die Frankreich mögen, sind beunruhigt über den Verfall seiner Schulen, seiner Kultur, seiner Sprache, seiner Landschaften, ja sogar seiner Küche. Frankreich macht Angst, Frankreich hat Angst. Frankreich ist immer weniger liebenswert, Frankreich liebt sich nicht mehr. Das süsse Frankreich wird zum bitteren Frankreich. Unglücklich wie Gott in Frankreich?»

Es ist ein Choral aus der Apokalypse. Auf gut 500 Seiten, geschrieben von einem Gott des Formulierens, pathetisch, beklemmend, grazil, immer schwarz, entsteht vor den Augen des Lesers wie in einem alten Schlachtengemälde das Bild eines Schlachtfeldes am Tag danach. Blut, Rauch, tote Pferde, tote Soldaten, schwankende Überlebende. Frankreich und Zemmour, eine Leiche und ihr Beschauer. Dass dieser morbide Bericht so viele Leser findet, sagt vielleicht alles über den Zustand der Franzosen. Angesichts von Zemmours Erfolg wäre ich nicht überrascht, wenn Marine Le Pen die nächsten Präsidentschaftswahlen für sich entscheidet. Auch die Intellektuellen sind im Begriff, zu ihr überzulaufen.

Rebellion der Kipper

Etwa zur gleichen Zeit, vor gut einer Woche, gewinnt die Ukip, die United Kingdom Independence Party, ihren ersten Parlamentssitz in England. Weil ein Tory, Douglas Carswell, seine Partei verlassen hatte, um zur Ukip zu wechseln, war eine Nachwahl im Wahlkreis Clacton-on-Sea nötig geworden. Carswell hätte sich seinen Wählern nicht stellen müssen, sondern hätte als ehemaliger konservativer, neuer Ukip-Abgeordneter in Westminster ausharren können bis zu den allgemeinen Erneuerungswahlen, die im nächsten Jahr anstehen. Dass er dies nicht tat, belegt seinen Sinn für Fairness und Demokratie.

Seit Jahren bekannt als einer der intelligentesten Euroskeptiker der Tories, ein grosser, korrekter Mann, der in Uganda aufgewachsen ist, entspricht er ganz sicher nicht dem Klischee des Little Englander, auf Schweizerdeutsch übersetzt: dem Bünzli, der es nur schwer erträgt, wenn Nachbarn Fremde sind.

Trotzdem ist er zur Ukip geflüchtet, in der Meinung, seine Ziele nur in dieser Partei zu erreichen, die sich gegen die EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens und gegen mehr Immigration stellt. Wer den fabelhaften, aber bestürzenden Film «The Last King of Scotland» über Idi Amin gesehen hat, jenes gutgelaunte Monster aus Uganda, hat auch Carswells Vater kennengelernt: Dr. Nicholas Garrigan, der junge schottische Arzt, der im Film zuerst zum Vertrauten von Amin wird und nachher nur mit Glück mit dem Leben davonkommt, weil Amin ihn töten lassen will, ist Carswells Vater. Das Drehbuch beruht auf dessen Erfahrungen in Uganda. Dass der Sohn Douglas zum radikalliberalen Politiker geworden ist, der dem Staat aus grundsätzlichen Überlegungen misstrauisch gegenübersteht, hat offenbar mit dieser Familiengeschichte zu tun: Er habe die Willkürherrschaft eines Politikers erlebt, sagt Douglas Carswell, deshalb sei er zu einem Skeptiker der Macht geworden.

Ubehagen in der Arbeiterschicht

Zwar haben die meisten Beobachter den Wahlsieg Carswells vorhergesagt, dennoch hat sein 
Triumph das Land aufgewühlt. Zum ersten Mal wurde offensichtlich, wie gross die Gefahr ist, die den Tories von der Ukip droht. Wenn zu viele konservative Wähler im kommenden Jahr die Ukip oder die «Kipper», wie sie inzwischen genannt werden, unterstützen, dürfte das zur Abwahl von David Cameron, dem konservativen Premier minister, führen.

Vielleicht aber auch nicht, denn am gleichen Tag musste die linke Labour-Partei erleben, dass die Ukip auch ihre Stellung untergräbt. Fast hätte ihr Kandidat einen sicheren Wahlkreis an die Ukip verloren: Nur 617 Stimmen mehr errang der linke Kandidat als der Vertreter der Ukip, was erst nach einer Nachzählung als definitives Resultat feststand. Die «Kipper» hatten ihren Wähleranteil um sagenhafte 36 Prozent gesteigert. Auf dem dritten Platz, weit abgeschlagen, verwelkten die Tories. Nach der Wahl gefragt, warum sie sich für die Ukip entschieden haben, gaben viele – linke Arbeiter und einfache Leute, die seit Jahrzehnten nichts anderes als Labour gewählt hatten – an: «Wir fühlen uns nicht mehr wie zu Hause. Es hat uns zu viele Einwanderer.»

Wir Schweizer, wir Kellerkinder

Zeitenwende in Europa. Lehren für die Schweiz. Was in unserem Land am 9. Februar bei der Volksabstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative zum Ausdruck kam, diese zunehmende Beunruhigung über die Immigrationspolitik, ein Überdruss, den inzwischen eine Mehrheit teilt, hat wenig mit der Schweiz an sich zu tun, sondern eher damit, dass die direkte Demokratie sehr früh meldet, was die Bürger bewegt – früher als an anderen Orten.

In einem gescheiten Kommentar für den Daily Telegraph schrieb Boris Johnson, der konservative Bürgermeister von London, über das Phänomen der Ukip: «Ich denke, wir müssen anerkennen, dass die Wähler der Ukip und deren potenzielle Anhänger nicht ganz unrecht haben. Der Zorn richtet sich nicht in erster Linie gegen die Immigranten. Die meisten Leute haben keine Ressentiments gegen Ausländer, die hierher kommen, hart arbeiten, Englisch lernen und für ihren Lebensunterhalt selber sorgen. Der Zorn richtet sich gegen die Politiker. (...) Denn die Wähler sind keine Dummköpfe. Sie haben ein gutes Gespür für Versagen: Was sie am meisten stört, sind nicht unbedingt die Einwanderer. Was sie wirklich ärgert, ist der Eindruck, dass die Dinge völlig ausser Kontrolle geraten sind.»

Boris Johnson, der sich sonst als Anhänger einer liberalen Zuwanderungspolitik betrachtet, forderte am vergangenen Wochenende eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit mit der EU – entweder mit Kontingenten, wie sie die Schweiz vor 2007 kannte, oder mittels eines Punkte-Systems, wie es Kanada oder Australien seit Langem anwenden. Wir sind nicht allein. Johnson ist nicht irgendwer. Sollte Cameron nächstes Jahr scheitern, dürfte Johnson sein Nachfolger als Parteichef der Konservativen werden. Er gilt als gefährlichster Rivale Camerons. Er will Premierminister werden.

Die Kunst des Wartens

Wer sich in Europa erkundigt, weiss, wie sehr dort den meisten Politikern klar ist, dass die Schweizer keine besonders ausgeprägten Rassisten sind – auch wenn die europäischen Politiker das öffentlich nie sagen würden. Warum auch? Für die EU ist es einfacher, mit einem Land zu verhandeln, dessen Politiker sich selber ein schlechtes Gewissen einreden, weil sie ihr eigenes Volk nicht mehr verstehen. Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Europa, ob in England oder Frankreich oder selbst in Deutschland, zeigt sich, dass die Schweiz sich in einer viel weniger isolierten Position befindet, als man uns glauben machen will.

Wer weiss? Möglicherweise stellt sich am Ende heraus, dass die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative gar keine Probleme bereitet, weil die EU selbst für ihre Mitglieder ein paar kreative Massnahmen erfunden hat, um die Zuwanderung besser zu steuern. Deshalb tut die Schweiz gut daran, das zu tun, was wir in unserer Geschichte so virtuos und schon so oft getan haben: Wir verlangsamen die Dinge, wir machen uns unsichtbar. Wir warten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.10.2014, 10:21 Uhr

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