Schweiz

Eine Neuauflage der Anbauschlacht

Von Stefan Häne, Bern. Aktualisiert am 20.09.2012 89 Kommentare

Bei der gestrigen Agrardebatte fiel häufig der Name Friedrich Traugott Wahlen – denn es ging um den Selbstversorgungsgrad der Schweiz. Dieser beträgt heute weniger als 60 Prozent. Politiker wollen diesen Wert halten, Experten zweifeln.

Vielen noch präsent: Anbauschlacht vor dem Bundeshaus während des Zweiten Weltkriegs.

Vielen noch präsent: Anbauschlacht vor dem Bundeshaus während des Zweiten Weltkriegs.
Bild: Keystone

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Vater der Anbauschlacht: Friedrich Traugott Wahlen (Mitte). (Bild: Keystone )

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Parkanlagen in der Stadt, umfunktioniert zu Kartoffelfeldern: Diese Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg sind verstaubt, ihre Wirkung hingegen ist nicht verblasst; dies hat sich gestern während der Agrardebatte im Nationalrat gezeigt. Mehrmals fiel der Name Wahlen. Gemeint war Friedrich Traugott Wahlen, Vater der Anbauschlacht und später Bundesrat: Aus Furcht vor einer Lebensmittelknappheit wurde zwischen 1939 und 1945 die Anbaufläche hierzulande verdoppelt. So musste die Schweiz als einziges Land in Europa Kartoffeln, Gemüse und Obst nie rationieren. Die Anbauschlacht wurde zum Symbol für die Widerstandskraft der Schweiz.

«Ehrgeiziges Vorhaben»

Der Selbstversorgungsgrad stieg damals auf 70 Prozent, ein Rekordwert. Heute beträgt er knapp 60 Prozent – ein im internationalen Vergleich niedriger Wert. Der Tiefstand, 52 Prozent, stammt aus den 1930er-Jahren. In solche Zeiten soll die Schweiz nicht mehr zurückfallen. Mit 117 zu 67 Stimmen hat der Nationalrat gestern beschlossen, den Begriff «Ernährungssouveränität» im Landwirtschaftsgesetz zu verankern. Dies mit dem wichtigen Zusatz, dass die «Bedürfnisse der Konsumenten» nach «inländischen Produkten» zu berücksichtigen seien. Dafür stimmte die bürgerliche Mehrheit.

Das links-grüne Lager wollte den Begriff anders verstanden haben: als internationale Solidarität mit den Bauern in Entwicklungsländern. SVP-Politiker bestritten, mit ihrer Definition die Abschottung der eigenen Märkte verstärken zu wollen. Ziel sei einzig, die Nahrungsmittelproduktion ins Zentrum der Agrarpolitik zu stellen und den Selbstversorgungsgrad zu halten. Glaubt man Experten, dürfte dies jedoch schwierig werden. Vinzenz Jung vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) spricht von einem «ehrgeizigen Vorhaben». Eine Einschätzung, die am ETH-Institut für Agrarwissenschaften unwidersprochen bleibt.

Das Hauptproblem ortet Jung in der Kombination aus zwei Faktoren: stetiges Bevölkerungswachstum und schleichender Kulturlandverlust. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anbaufläche auf 352'000 Hektaren ausgeweitet, 80'000 mehr als heute. Zudem zählte die Schweiz damals nur 3,5 Millionen Einwohner, nun sind es 8. Dass der Selbstversorgungsgrad heute gleichwohl nur 10 Prozentpunkte tiefer als 1945 ist, verdankt sich dem Fortschritt: So ist der Ertrag pro Hektare stetig gewachsen, allein seit 2002 um fast 10Prozent. Laut BLW-Fachmann Jung lässt sich die Produktivität allerdings nicht beliebig weiter steigern: «Es gibt natürliche Grenzen.» Eine Ähre etwa könne nicht beliebig viele Einzelblüten besitzen, da sie ihr Eigengewicht sonst zu Boden drücke.

Weniger essen als Lösung?

Wie weit sich die Schweiz selber versorgen kann, hat die Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad selber in der Hand. «Wenn die Schweizer weniger essen würden, stiege der Selbstversorgungsgrad automatisch an», sagt Fachmann Jung. Wie viel weniger nötig wäre, um ihn auf 100 Prozent zu steigern – dazu will er keine Schätzung vornehmen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno geht davon aus, dass ein Mensch im Durchschnitt 2200 Kalorien pro Tag benötigt. Heute verbraucht der Schweizer im Mittel 3400. Während der Anbauschlacht waren es weniger als 2800. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2012, 06:26 Uhr

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89 Kommentare

Patrick Meier

20.09.2012, 06:46 Uhr
Melden 85 Empfehlung 1

Und die zwei Faktoren Bevölkerungswachstum und schleichender Kulturlandverlust können auf eine Ursache zurückgeführt werden: Einwanderung! ECOPOP Initiative unterschreiben - jetzt! Antworten


John Peer

20.09.2012, 07:06 Uhr
Melden 72 Empfehlung 0

Und wieso genau brauchen wir ausgerechnet in der Landwirtschaft möglichst selbstversorgend zu sein? Was ist mit anderen, genauso essenziellen Bereichen? Könnte es sein, dass hier ein Mythos von Medien und Bevölkerung nicht hinterfragt wird, obwohl er in Wirklichkeit nur dazu dient, die Pfründe einer Minderheit zu sichern?
Keinen Dank an den Autor für seine unkritische Schreibe.
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