Schweiz
Eine bleierne Atmosphäre füllte den Gerichtssaal
Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 17.11.2009
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Vor dem Grossratsgebäude in Chur lauert am Montagmittag ein halbes Dutzend Kameraleute. Die Fernsehreporter halten Ausschau nach den Angeklagten und Verteidigern. In erster Linie wollen sie aber die Angehörigen der Lawinenopfer vor die Kamera.
Als Erster erscheint Eric Buchs, der beim Militärunfall auf der Jungfrau seinen 22-jährigen Sohn Bojan verloren hat. Er kämpft mit den Gefühlen, als er in die Mikrofone sagt, die Militärs hätten die Angehörigen der Opfer im Stich gelassen und unmenschlich behandelt. Ohnmacht und Wut halten sich die Waage.
Die Journalisten erkennen die Angehörigen an ihren versteinerten Gesichtern. Wie alle andern Besucher müssen sie sich in die Schlange stellen. Militärpolizei sichert den Grossratssaal. Wie auf dem Flughafen werden Taschen und Personen geprüft. Im Saal liegt eine bleierne Schwere, es wird nur leise gesprochen. Es geht zwar in erster Linie um die beiden angeklagten Bergführer, doch die Gedanken der Prozessbeobachter sind bei den sechs jungen Soldaten, die am 12. Juli 2007 im Jungfraumassiv in einer Lawine ihr Leben verloren. Und bei ihren Angehörigen.
Schweigeminute zum Auftakt
«Wir gedenken der Toten und sprechen den leidgeprüften Eltern unser Beileid aus», eröffnet der Präsident des Militärgerichts 7, Oberst Felix Egli, die Verhandlung. Er und seine sechs Richter sitzen unter dem monumentalen Wandbild von Alois Carigiet, das eine heile Bergwelt mit Ochsengespann, Bauern, Hirten, Steinböcken, Eulen, Wölfen und Bären zeigt, die friedlich zusammenleben. Ihnen gegenüber befinden sich die beiden Angeklagten, ein Berufsunteroffizier und ein ziviler Bergführer.
Bei der Verlesung der Klageschrift starren sie auf ihre Unterlagen, die Hände verkrampft unter dem Tisch gefaltet. Manchmal werfen sie einen Blick nach vorn, ohne den Kopf zu heben. Sie wissen auch so, dass die Blicke der Angehörigen der Opfer auf ihnen ruhen. Als in der Anklage die Szene beschrieben wird, wie die sechs Soldaten 1000 Meter in die Tiefe stürzen, versteinern sich die Gesichter der Angehörigen, die Atmosphäre im grossen, von vielen Prozessbesuchern gefüllten Saal ist bleiern. Die Worte kommen dem Auditor leise über die Lippen.
Bei der Befragung der beiden Angeklagten geht es vorerst um juristische Formulierungen, Paragrafen, Organigramme. Militärisch präzis und emotionslos sind die Schilderungen und Fragen des Präsidenten. Die übrigen vier Richter und zwei Ersatzrichter flankieren ihn stumm und versinken teilweise in ihren Stühlen, ihre Gesichter lassen keine Regung erkennen.
Geduldsprobe für Angehörige
Für die Angehörigen, die alle im gleichen Sektor sitzen, ist das nüchterne Prozedere kaum auszuhalten, wie sie in der Pause sagen. Sie sind ohnmächtig und fühlen sich auch von der Militärjustiz im Stich gelassen. Eric Buchs war zwar vom damaligen VBS-Chef, Bundesrat Samuel Schmid, empfangen worden, doch seine Worte und Versprechen vermochten ihn weder zu trösten noch zu befriedigen, wie er bestätigt. Deshalb gehören für ihn auch die Verantwortlichen des Militärs bis hinauf zum General auf die Anklagebank.
Bei der Befragung sitzt der angeklagte Berufsmilitär mit zusammengekniffenen Lippen und tiefen Furchen auf der Stirn da. Seine Antworten sind militärisch knapp, er scheint darauf zu achten, kein Wort zu viel von sich zu geben. Er ist es offensichtlich gewohnt, vor Menschen zu sprechen.
Ringen mit den Gefühlen
Schwerer tut sich der zivile Bergführer. Als er die Minuten vor dem Drama schildern muss, ringt er mit Gefühlen und Worten. Seine Stimme ist brüchig, er klammert sich an den Tisch.
Nur einmal wird am ersten Verhandlungstag die monotone Befragung in der uniformen Männerrunde von leisen Emotionen unterbrochen. Als der zivile Bergführer darauf beharrt, dass die Lawinengefahr am Unfalltag seiner Beurteilung nach eher klein gewesen sei, wird der Gerichtspräsident für einen Moment etwas lauter. Es sei offensichtlich, dass die Experten zu einem andern Schluss gekommen seien, hält er dem Bergführer vor. Die versteckte Aussage wird dem Publikum klar: Er solle bitte die Situation nicht verharmlosen. Doch rasch wird der Ton wieder militärisch, so präzis, dass es den Angehörigen der Opfer in den Ohren schmerzt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2009, 10:29 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




