Schweiz
Einreisewelle aus dem Balkan schwappt in die Schweiz
Von David Vonplon. Aktualisiert am 24.02.2010 192 Kommentare
60'000 Mazedonier in der Schweiz
Die Einwohnerzahl Mazedoniens beträgt 2,1 Millionen, ein Viertel davon sind Albaner. Laut dem Bundesamt für Migration wohnen in der Schweiz 60'000 Einwanderer aus dem Staat Mazedonien (Stand Ende 2008), ein beträchtlicher Teil davon sind Albaner. Aus Serbien leben 180'000 Menschen in der Schweiz, aus Bosnien-Herzegowina 37'000, und aus dem Kosovo 4000.
Artikel zum Thema
Seit Dezember letzten Jahres dürfen die Bürger Serbiens, Montenegros und Mazedoniens ohne Visum nach Westeuropa reisen. Wer über einen biometrischen Pass verfügt, kann sich ab dann bis zu 90 Tage im Ausland aufhalten - und das im gesamten Schengenraum, also auch in der Schweiz
Diese Aufhebung der Visumspflicht hat nun vor allem in Mazedonien eine kleine Völkerwanderung ausgelöst. In nur sieben Wochen haben nach Angaben des Innenministeriums in Skopje fast 150'000 Personen die neue Reisefreiheit genutzt, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Es dürfte sich dabei nicht nur um Touristen handeln: Laut Schätzungen dürften mehr als zwei Drittel der ausgereisten Mazedonier die Heimreise nicht angetreten haben. Hochburg der Auswanderungsbewegung ist der albanisch dominierte Westen Mazedoniens: Dort starten in einigen Dörfern täglich bis zu fünf Busse nach Westeuropa. Aber auch im südserbischen Presevo-Tal, ebenfalls ein mehrheitlich von Albanern bewohntes Gebiet, sind nach inoffiziellen Angaben bereits etwa 10'000 Personen ausgereist.
Wer ausreisen kann, tut dies auch
«Viele Menschen verlassen ihre Heimat, weil dort eine verbreitete Perspektivlosigkeit herrscht», erklärt Migrationsexperte Gianni D’Amato von der Universität Neuenburg gegenüber baz.ch/Newsnet. «Die Möglichkeit, sich dort ein eigenes Leben aufzubauen, ist für viele nicht gegeben.» Es sind aber nicht nur die prekären Lebensbedingungen, welche die Menschen ins Ausland treiben: «Einige Balkanregionen blieben in den Jahren nach dem Krieg praktisch abgesperrt. Die Aufhebung der Visumspflicht bietet gerade jüngeren Leuten erstmals die Gelegenheit, nach Westeuropa zu reisen. Wer diese Möglichkeit erhält, nutzt sie auch», so D’Amato.
Für die Länder des Schengenraums – auch für die Schweiz – bringt die Völkerwanderung Probleme mit sich. Denn viele junge Menschen aus dem Balkan reisen in den reicheren Westen, um dort Arbeit zu finden, obwohl das Touristenvisum die Erwerbstätigkeit ausdrücklich untersagt. Als beliebte Reiseziele für die Mazedonier gelten Belgien, Deutschland, die skandinavischen Länder – und die Schweiz. «Sie ist für die Menschen aus dem Balkan eine attraktive Zieldestination. Zumal sie hier auch oft schon ein Netzwerk von Landsleuten vorfinden», sagt D’Amato. Denn wo Bezugspersonen schon vor Ort sind, sei es auch einfacher in den Arbeitsmarkt zu gelangen, wenn auch in den illegalen (siehe Info-Box).
Einiges spricht deshalb dafür, dass vor allem junge Menschen aus den Balkanländern, nach Ablauf der Frist von 90 Tagen untertauchen, um einer Ausweisung zuvorzukommen. Sie werden versuchen, sich Zugang zum illegalen Arbeitsmarkt zu verschaffen. «Nur wer schwarz arbeitet, kann sich ein Einkommen verschaffen», sagt D’Amato. Das aber ist ein äusserst schwieriges und risikoreiches Unterfangen: «Nach Ablauf ihres Touristenvisums dürfen diese Menschen nicht mehr auffallen und müssen stets befürchten, erwischt zu werden.» Hinzu komme, dass sie haben kaum Zukunftsperspektiven haben.»
Glarus spürt bereits negative Auswirkungen
Obwohl die Aufhebung der Visumspflicht erst Mitte Dezember letzten Jahres eingeführt wurde und die 90-Tage-Frist damit noch nicht überschritten wurde, macht sich die Einwanderungswelle bereits in einzelnen Kantonen bemerkbar. «Glarus ist ein kleiner Kanton», sagt Michael Schneider, Leiter der kantonalen Fachstelle für Migration gegenüber baz.ch/Newsnet, «leider aber stellen wir schon in den ersten Monaten negative Auswirkungen der Aufhebung der Visumspflicht fest.»
In zwei Fällen seien Personen aus dem Balkan mit einem biometrischen Pass eingereist, um hier zu arbeiten. Dabei handle es sich um junge Frauen, die als Besucherinnen geholt wurden, sich hier aber als Kindermädchen betätigen oder als Haushaltshilfe. «Sofern die Verzeigung beweiskräftig ist, wird es zu einer unmittelbaren Wegweisung kommen, mit der Folge eines Einreiseverbots», sagt Schneider. Auch er hält es jedoch noch für zu früh, um die Folgen der Aufhebung der Visumspflicht abzuschätzen. Andere Kantone wie St. Gallen und Zürich stellen dagegen keine signifikante Erhöhung von Verstössen gegen die fremdenpolizeilichen Vorschriften fest.
Bund: Im Normalfall keine Kontrolle
Noch zu früh für eine erste Bilanz ist es für den Bund. «Wir wissen noch nicht, ob es vermehrt Einreisen aus Mazedonien gab», erklärt Jonas Montani, Sprecher des Bundesamts für Migration. Ohnehin ist es für die Behörden äusserst schwierig abzuschätzen, wie stark die Schweiz von der Völkerwanderung im Balkan betroffen ist, seit die Grenzkontrollen aus dem Schengenraum aufgehoben wurden. «Wir kontrollieren diese Personengruppe im Normalfall nicht. Nur Verdächtigte werden angehalten», so Montani. In der Statistik tauchten einzig Leute mit Einreiseverbot auf, welche von der Polizei aufgespürt werden. Sie werden zurück in ihre Heimat geschickt - wobei Mazedonien, Serbien und Montenegro verpflichtet sind, ihre Staatsangehörigen aufzunehmen, wenn sie sich länger als 90 Tage in den Schengen-Staaten aufhalten.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.02.2010, 15:20 Uhr
Kommentar schreiben
192 Kommentare
Im kleinen Kanton Glarus kennt eben jeder jeden. Das fällt es auf, wenn plötzlich Besucher bei Verwandten auftauchen und nach 3 Monaten nicht mehr zurückkehren. Aber in den Städten und Agglomerationen merkt das doch kein Mensch. "Touristen" die ein paar Jahre untertauchen werden dann zu "Härtefällen" und können aus "humanitären Gründen" plötzlich nicht mehr zurück geschafft werden. SP sei Dank. Antworten
Solange es immer wieder Arbeitgeber gibt, die diesen Menschen Arbeit geben, wird das niemals aufhören! Die Schweiz muss für sich und ihre Schweizer selber schauen und sich nicht weiter von dieser Einwanderungswelle niederdrücken lassen, irgendwo muss "Ende Fahnenstange" sein, sonst geht die Schweiz selber vor die Hunde! Antworten
Schweiz
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
- 1Roger de Weck in der Kritik
- 2Die Weisheit, nichts, aber auch gar nichts zu tun
- 3300 Einsprachen gegen Bauprojekte – Initianten gehen auf die Barrikaden
- 4Die seltsame Vergabepraxis des Bundesamts für Migration
- 5«Die Schweiz muss intensiver nach Steuerbetrügern fahnden»
- 6Möglicher Euro-Austritt: Bund arbeitet an Notfallplan



































