Schweiz
England behält seine Hooligans zu Hause
Von Alan Cassidy. Aktualisiert am 06.09.2010 1 Kommentar
Dossiers
Artikel zum Thema
- Hooligans am Internet-Pranger: Die ersten haben sich gemeldet
- Spurs-Fan: «Ich mache mir eher Sorgen wegen den Schweizer Fans»
- Woher die eingetragenen Hooligans stammen
Umfrage
Die englischen Behörden bekamen das Gewaltproblem an Fussballspielen mit rigorosen Massnahmen in den Griff. Ist das Modell England auch ein Vorbild für die Schweiz?
Ja
Nein
224 Stimmen
Stichworte
So richtig glauben konnten sie es selber nicht, die britischen Polizisten an der Fussball-WM in Südafrika. «Das ist absolut beispiellos», sagte Andy Holt, Chef der 12-köpfigen Gruppe von Verbindungsoffizieren, zum Reporter des «Guardian». Die Beamten waren zur Unterstützung ihrer südafrikanischen Kollegen mit den englischen Fans mitgereist. Sie waren auf vieles vorbereitet – doch einen dermassen friedlichen Auftritt ihrer Landsleute hatte keiner von ihnen erwartet.
Von den über 25'000 Engländern, die im Juni nach Südafrika kamen, wurde nur gerade ein einziger Fan verhaftet. Er wurde verzeigt, weil er sich nach dem Spiel zwischen England und Algerien Zutritt in die Mannschaftskabine verschafft hatte. Dort schüttelte er David Beckham die Hand.
Die Wende in Charleroi
Über solche Probleme hätten die Sicherheitskräfte im belgischen Charleroi vor zehn Jahren nur gelacht. Am 17. Juni 2000 trafen dort die beiden Erzrivalen England und Deutschland an der Europameisterschaft aufeinander. Danach wüteten englische Hooligans in der Innenstadt. Zu massiven Ausschreitungen kam es auch in Brüssel. Insgesamt wurden während des Turniers knapp tausend Engländer verhaftet und ausgeschafft.
Belgien wurde 1985 schon einmal Schauplatz von Fussballgewalt. Damals brachten englische Hooligans im Heysel-Stadion eine Mauer zum Einsturz, worauf 39 Zuschauer starben. Auf die Tragödie reagierte die britische Politik mit ersten Gesetzen. Doch erst nach Charleroi schuf Premier Tony Blair mit der «Football Disorder Act» die Grundlage für das Anti-Hooligan-Regime, um das die britischen Sicherheitsbehörden von ihren europäischen Pendants beneidet werden.
Pass bei der Polizei hinterlegt
Als mächtigstes Instrument hat sich die «Football Banning Order» erwiesen – eine gerichtlich verfügte Massnahme gegen Chaoten. Wer eine Banning Order erhält, darf je nach Schärfe der Massnahme während drei bis zehn Jahren kein Stadion besuchen, an Spieltagen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und muss sich von Plätzen und Kneipen fernhalten, über welche die Polizei ein Rayonverbot verfügt. Ausserdem müssen Personen mit einer Banning Order vor jedem Auswärtsspiel der Nationalmannschaft ihren Pass bei der Polizei hinterlegen. Während eines Turniers können Betroffene so während bis zu vier Wochen daran gehindert werden, Grossbritannien zu verlassen. Die Strafen für Verstösse gegen die Auflagen sind hart: Es drohen bis zu sechs Monate Gefängnis, eine Busse von 5000 Pfund (7800 Franken) sowie die Verlängerung der Massnahme.
Für die Gerichte ist der Spielraum, den ihnen das Gesetz lässt, gross. Um eine Banning Order zu kassieren, muss jemand nicht zwangsläufig wegen eines früheren Vergehens verurteilt sein. Es genügt ein Antrag der örtlichen Polizei. Und diese ist wenig zimperlich: Schon nur, wer während eines Spiels gegen Stadionangestellte ausfällig wird, läuft Gefahr, auf die Liste zu gelangen. In Grossbritannien wird denn in letzter Zeit auch zunehmend Kritik an den Banning Orders laut: Sie schränkten die Freiheitsrechte zu sehr ein.
Nur 14 Verhaftungen in zwei Jahren
Die Behörden verweisen auf die Statistik, die den Erfolg des drastischen Durchgreifens belegen soll. In der heimischen Clubsaison 2008/2009 wurden bei insgesamt 37 Millionen Zuschauern noch 3752 Personen verhaftet – die Zahl ist seit Jahren leicht rückläufig. Gut die Hälfte der Verhaftungen fielen auf Partien in der Premier League, der höchsten Spielklasse. Froh sind die Engländer vor allem darüber, praktisch keine Hooligans mehr zu exportieren: «In den vergangenen zwei Jahren hatten wir an den Auswärtsspielen der Nationalmannschaft 14 Verhaftungen», sagt Andrew Bell, Sprecher des Innenministeriums. «Diese Zahl ist vernachlässigbar.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 06.09.2010, 07:43 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Schweiz
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
- 1Roger de Weck in der Kritik
- 2Die Weisheit, nichts, aber auch gar nichts zu tun
- 3300 Einsprachen gegen Bauprojekte – Initianten gehen auf die Barrikaden
- 4Die seltsame Vergabepraxis des Bundesamts für Migration
- 5«Die Schweiz muss intensiver nach Steuerbetrügern fahnden»
- 6Möglicher Euro-Austritt: Bund arbeitet an Notfallplan




































