Schweiz
«Es macht traurig, wenn Kunden leiden müssen»
Von Silvana Guanziroli, Patrick Giesser. Aktualisiert am 27.10.2012 17 Kommentare
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Paul Nyffeler lebt die Kantonalbank. Das wird schnell klar, wenn man dem 73-jährigen Nationalökonom zuhört. Im Interview mit der Basler Zeitung verteidigt er die Institution leidenschaftlich und erklärt, wieso die Schweiz die Kantonalbanken braucht, aber auch, wo ihre Schwachstellen liegen. Nyffeler war von 2004 bis 2010 Präsident des Verbands Schweizer Kantonalbanken. Zuvor leitete er die Basellandschaftliche Kantonalbank.
BaZ: Herr Nyffeler, der Ruf der Basler Kantonalbank hat stark gelitten. Der Bank wurden risikoreiche Investment-Geschäfte zum Verhängnis. Kunden haben ihr Geld verloren. Was sagen Sie dazu?
Es schmerzt mich, wenn eine Kantonalbank schlecht da- steht, weil die Kantonalbank eine gute Institution ist. Es macht mich deshalb umso trauriger, wenn Führungskräfte operative Fehler machen und Kunden unter diesen Fehlern leiden müssen. Die Schweiz wäre aber nicht so weit gekommen ohne die Kantonalbanken. Rund ein Drittel aller Hypotheken, die in der Schweiz vergeben werden, kommen von den Kantonalbanken. Die Kantonalbanken sind auch Hauptpartner der KMU. Bei der Bündner Kantonalbank zum Beispiel haben zirka 60 Prozent der Arbeitnehmer ihr Lohnkonto.
Ein Vertrauen, das nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte.
Es ist eine Verpflichtung, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Hier geht es darum, dass Löhne gesichert werden. Grundsätzlich ist das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Kantonalbank sehr gross. Wenn jedoch Fehler passieren, dauert es lange, bis dieses Vertrauen wieder aufgebaut ist. Auch wenn bei der Basler Kantonalbank etwas passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen, bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass die Basler Kantonalbank eine gute Bank ist.
Wie ist die Kantonalbank Basel-Stadt aufgestellt und strukturiert?
Die Kantonalbank Basel-Stadt ist normal aufgestellt. Sie hat die notwendigen Ausschüsse. Natürlich ist es so, dass jede Bank im Verlauf der Zeit Entwicklungen durchläuft und sich den Bedürfnissen der Kunden anpasst. In Basel-Stadt ist die Kantonalbank eher eine Stadtbank und kann sich führungsmässig einfachere Strukturen geben, weil sie für die Kundschaft leichter zu erreichen ist. Im Kanton Graubünden, mit dem Engadin, sieht das ganz anders aus. Dort kann die Eigenverantwortung der Filialen sicher etwas grösser sein.
Was meinen Sie mit «sie hat die notwendigen Ausschüsse»?
Während meiner Zeit als Präsident des Verbands Schweizer Kantonalbanken war die Corporate Governance ein grosses Thema. Corporate Governance steht dafür, wie man letztlich die Aufsicht regelt und verteilt. Dieses Regelwerk sagt, dass innerhalb einer Kantonalbank verschiedene Gruppen gebildet werden müssen. Der Bankrat oder Verwaltungsrat bildet Ausschüsse, also einen Strategieausschuss, einen Rechtsausschuss und einen Ausschuss, der sich mit personellen und lohnspezifischen Fragen beschäftigt, und einen Controlling-Ausschuss. Heute kontrollieren zudem die Revisionsgesellschaften, ob die Kantonalbanken die Anforderungen der vom Bund vorgegebenen Corporate Governance erfüllen.
Wie weit hat man hier als Präsident des Verbandes den Überblick?
Es ist nicht die Aufgabe des Präsidenten, einzelne Banken auf diese Strukturen zu überprüfen. Aktiv wird jedoch der Verband, wenn eine Bank in Schwierigkeiten geraten könnte. Dafür wurde ein Frühwarnsystem eingerichtet, um rechtzeitig erkennen zu können, wann eine Bank zum Beispiel zu grosse Kredit- oder Zinsrisiken eingeht. Als Präsident erhält man halbjährlich detaillierte Zahlen vorgelegt. Ich selbst musste im Kanton Glarus intervenieren.
Die Kantonalbank steht dafür, dass sie Kleinunternehmern finanzielle Sicherheit bietet. Sind risikoreiche Investmentgeschäfte nicht ein Widerspruch?
Das hängt von der Strategie ab, die eine Bank fahren will. Und hier ist jede Kantonalbank völlig frei. Aber grundsätzlich lässt sich sagen: Wenn die Kantonalbanken heute nur noch Sparbüechli und Kassenobligationen machen müssten und Hypotheken vergeben, braucht es sie tatsächlich nicht mehr. Die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft sind sehr vielfältig geworden und diese Bedürfnisse müssen abgedeckt werden. Schliesslich hat doch auch der Handwerker das Recht, sein Vermögen dort anzulegen, wo er bereits seine Hypothek hat. Die entscheidende Frage ist aber, wie man das Geschäftsmodell aufzieht.
Als Kantonalbank muss man also bei risikoreichen Investmentgeschäften mitmachen, um sich überhaupt noch auf dem Markt positionieren zu können?
Dies ist sehr selektiv zu betrachten. Das Bedürfnis der Bevölkerung ist aber da, das heisst, der Kunde sucht eine gute Rendite für seine Anlage. Entscheidend ist, welches Risikoprofil Sie sich als Bank geben. Gerade im Bereich des Zins- und Kreditgeschäftes muss man eine gute Risikoanalyse machen. Bei Kantonalbanken hat der Kunde die Garantie durch den Kanton, dass sein Sparkapital gesichert ist. Es gab bereits Fälle, bei denen die Kantonalbank in ihren umfassenden Aktivitäten das Mass nicht kannte. Dort musste der Kanton einstehen, was bedeutete, dass zum Teil grosse Millionenbeträge am Steuerzahler hängenblieben sind.
Sie sagen, es sei entscheidend, welches Risikoprofil sich eine Bank gibt. Wer gibt dieses Profil vor?
Der Bankrat muss eine solche Strategie genehmigen. Oft ist es so, dass die Geschäftsleitung ihm einen Entwurf unterbreitet und der Bankrat diesen prüft, diskutiert und absegnet.
Der Bankrat ist teilweise ein Laien-Gremium, auch aus Politikern. Birgt das nicht eine Gefahr in sich, wenn heikle Strategien entwickelt werden müssen?
Heute ist es üblich, dass für Bankräte Anforderungsprofile erstellt werden. Man zielt eine ausgewogene Zusammenstellung an, man wünscht sich eine Diversität. Das gilt für die Berufe, für das Alter, für das Geschlecht. Wichtig ist auch die Kontinuität. Man wächst in solche Geschäfte über die praktische Tätigkeit rein. Ich hatte auch kein spezifisches Bankwissen und wäre, würde man bei allen Bankmanagern eine grosse Bankerfahrung voraussetzen, 1989 nicht Chef der Baselbieter Kantonalbank geworden. Man kann deshalb nicht einfach so pauschal sagen, dass Bankräte aus der Politik nicht geeignet sind. Aber die Anforderungen haben sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt, das ist richtig. So haben insbesondere die grösseren Kantonalbanken Top-Leute im Bankrat, vor allem auch aus der Wirtschaft.
Welche Rolle spielt die Regierung? Welchen Einfluss hat sie?
Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Im Kanton Zürich ist die Regierung nicht in die Verantwortung eingebunden, dort ist die Kantonalbank dem Parlament direkt verpflichtet. Im Kanton Basel-Stadt wird der CEO von der Regierung bestätigt. Grundsätzlich steht in den meisten Kantonen der Bankpräsident in regelmässigem Kontakt mit der Regierung. An diesem Treffen nimmt er oft den CEO mit, er legt Revisionsberichte vor, bespricht die Strategie oder andere aktuelle Problemkreise und beantwortet Fragen der Regierung. Es ist ideal, wenn die Bank ein guter Partner der Regierung in Finanzgeschäften ist. Der Kanton verdient ja auch an der Kantonalbank. Die Bank sollte meiner Meinung nach nicht mehr als die Hälfte des Gewinns ausschütten. Die andere Hälfte sollte idealerweise in die Bankreserven zurückgestellt werden. Das ist eine langfristige Kapitalbildung. Allerdings gibt es hier Unterschiede, weil es ja in jedem Kanton ein eigenes Kantonalbankengesetz gibt.
Ist das nicht das Dilemma der Bankräte? Wollen sie für die Staatskasse nicht so viel Geld wie möglich verdienen, so- dass sie die Kantonalbank letztendlich dadurch schädigen?
In der Regel fühlen sich die Mitglieder des Bankrates mehr der Bank verpflichtet als dem Kanton. Schliesslich ist das Wohl der Bank ihre spezifische Aufgabe. Im Extremfall erheben sie sogar Einspruch, wenn die Regierung zu viel an Gewinn aus der Bank herausnehmen will. Wählt man eine risikoreichere Strategie, braucht es eben eine ordentliche Risikoabschätzung. Hier sehe ich kein Dilemma, wenn die Verantwortlichen dies sorgfältig ausdiskutieren und beurteilen.
Nicht jeder Kanton hat heute noch eine Kantonalbank. In Solothurn und in Appenzell Ausserrhoden sind sie verschwunden. Weitere Kantone haben ihre Bank teilweise privatisiert. Braucht es Kantonalbanken noch? Was sagen Sie dazu?
Schliesslich entscheidet jeder Kanton selber. Ich bin der Überzeugung, dass eine gut geführte Kantonalbank ein gutes Institut ist. Die Bündner Kantonalbank zum Beispiel ist sakrosankt. Auch im Baselbiet gibt es keine Diskussion darüber, die Kantonalbank zu privatisieren. Erst gerade kam es im Kanton Aargau zu einer Volksabstimmung zu der Frage. Dort wollte das Volk die Bank behalten. Das sagt doch viel.
Wird das Risiko für eine Kantonalbank grösser, wenn die Bank anfängt, den volkswirtschaftlichen Leistungsauftrag weniger zu gewichten?
Das glaube ich nicht. Es kommt darauf an, wie der Leistungsauftrag formuliert ist. Das Anlagegeschäft ist nicht per se ein Risikogeschäft. Sie haben Geld von einem Kunden und legen es an. Wenn die Performance vier oder mehr Prozent ist, ist der Kunde happy und Sie stehen als guter Bankier da. Eigentlich ein ganz einfaches Geschäft.
Haben hier die Kontrollstufen versagt?
In Bezug auf die Vorfälle bei der Basler Kantonalbank kann ich mich nicht konkret äussern. Ich kenne ja den Bericht nicht. Ich kann nur sagen, dass offenbar selbst der Verband keine Veranlassung gehabt hat, einzugreifen. Deshalb komme ich zum Schluss: Die Basler Kantonalbank erfüllt die Faktoren, die in Bezug auf die Seriosität eine Rolle spielen.
Und trotzdem gab es interne Fehler, wie es im Bericht der Zürcher Kanzlei Bär & Karrer heisst. Ist man also machtlos, wenn jemand betrügen will?
Irgendwie schon. Es ist aber fast unmöglich, jeden kriminellen Akt vorhersehen zu können. Und je grösser ein Gebilde wird, desto schwieriger wird es. Bei den Kantonalbanken sollten intern die Kontrollen so aufgebaut sein, dass die Ausschüsse Auffälligkeiten erkennen und mit dem CEO der Bank besprechen.
Ist es für eine Kantonalbank ratsam, offensiv und mit einem Ableger zu arbeiten? Gerade auch, weil dieser Ableger offenbar sehr autonom vorging?
Ich kann es nur wiederholen: Jede Kantonalbank gibt sich eigene Strategien und eigene Strukturen, mit eigenem Kontrollapparat. Eine allgemeine Aussage: Der Mensch neigt dazu, dass er etwas Schlechtes nicht nach oben trägt, weil er Angst hat, ein schlechtes Licht auf sich zu werfen oder gar seine Arbeit zu verlieren. Ein permanentes ehrliches Gespräch zwischen Führung und den operativen Einheiten ist wichtig. Das hängt aber stark von Personen ab. Gerade, wenn es um Ableger geht, sollte ein Punkt beachtet werden: Es ist gefährlich, wenn das Gesamtziel zu stark monetär gesetzt wird.
Nach dem ASE-Debakel werden jetzt in Basel Stimmen laut, die Kantonalbank besser von der Politik her zu kontrollieren. Was halten Sie davon?
Ich glaube nicht, dass Politiker per se das besser können. Obwohl ich selbst als Regierungsrat auch Politiker war. Aber ich bin der Meinung , dass die Regierung etwas zu sagen haben soll. Sie ist auch letztlich der Träger nach aussen und der Eigentümer. (Basler Zeitung)
Erstellt: 27.10.2012, 21:25 Uhr
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17 Kommentare
War ja vorauszusehen, die Gesetze waren und bleiben so lasch um auf kosten der Sparer zocken zu können. Welche Bank es war und es sein wird spielt keine Rolle. Man könnte den Kleinanleger ja auch mal mehr Gewinne zukommen lassen statt das sie nur alles Risiko tragen. Antworten
Es gab in der Vergangenheit schon so viele Pleiten, weil die Bank, um im mainstream mitzuschwimmen, sich verspekuliert hat.Das könnte man wissen. Anderseits eben, die erwünschte Rendite misst sich an der Hüllkurve, also an jeweils jenem Marktteilnehmer der am meisten Glück hat. Eine solid aufgestellte Bank, welche sich nicht daran orientiert - das ist Vertrauen. Antworten
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