Schweiz
Fast ein Drittel der Neumitglieder der Stadtberner SVP sind Ausländer
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 21.01.2011 37 Kommentare
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Als er in die Schweiz gekommen ist, hat man Shahverdi Ahadov vor dieser Partei gewarnt, die gegen die Ausländer sei. Wie es seiner Natur entspreche, sei er näher zum Feuer gegangen, statt es zu meiden – die SVP hat Ahadov daher gleich interessiert. Und als er deren Programm mit anderen verglich, hat er gemerkt: Das ist meine Partei.
Ein Ausländer in der SVP
Ahadovs Geschichte ist bewegt. Noch vor fünf Jahren war er in Aserbeidschan stellvertretender Wirtschaftsminister und Mitglied der politischen Elite im autoritär regierten Staat. Doch dann wurde sein Vorgesetzter, der als Reformer gilt, des Versuchs eines Staatsstreichs beschuldigt – damit fiel auch Ahadov in Ungnade und wurde verhaftet. Im Januar 2007 gelang ihm die Flucht. Heute lebt er in Bern und besitzt einen B-Ausweis.
Auch wenn Ahadovs Biografie ungewöhnlich ist – der Umstand, dass er als Ausländer der SVP beitritt, ist es offenbar nicht. Zumindest nicht in der Stadt Bern. 30 Prozent der Neumitglieder in den letzten zwei Jahren waren Ausländer – dies gemäss Peter Bernasconi, dem Präsidenten der Berner Sektion. In absoluten Zahlen heisst das: Von 60 Neumitgliedern besitzen 18 keinen Schweizer Pass. Gesamthaft sind 6,5 Prozent der Parteimitglieder der SVP Stadt Bern Ausländer.
Würde man eingebürgerte Einwanderer auch noch dazuzählen, wäre die Zahl wohl noch höher – aber nicht eklatant höher, sagt Bernasconi. Wie viele Parteimitglieder gesamthaft einen Migrationshintergrund haben, kann der Parteipräsident ohnehin nicht exakt sagen – er kann bloss auf Nachnamen achten, was freilich ungenau ist. Was Bernasconi aber auffällt: Es sind auffällig viele Eingewanderte aus dem ehemaligen Ostblock, die sich der SVP zuwenden.
Auch zur SP gehen viele Ausländer
Die Stadtberner Sektion fragt bei der Anmeldung nach Stimm- und Wahlrecht, daher kann Bernasconi überhaupt den Ausländeranteil bei den Neueintritten beziffern – dies ist ungewöhnlich (siehe Kasten). Andere Stadtparteien registrieren die Staatsangehörigkeit bei der Anmeldung nicht, daher gibt es kaum Vergleichswerte. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums, bei der SP, heisst es aber auch, auffällig viele Ausländer träten der Partei bei. Auch wenn es keine Zahlen gebe, sei es frappant, wie viele der neuen Mitglieder ausländisch klingende Namen trügen, sagt Leyla Gül, Sekretärin der SP Stadt Bern (und Stadträtin) – sie schätzt den Anteil auf ein Viertel bis gar ein Drittel.
Auch ob die Sektion Bern in der SVP selbst einen Ausnahmefall darstellt, lässt sich schwerlich beurteilen: In der Mitgliederkartei der kantonalen SVP ist die Nationalität der Mitglieder nämlich ebenfalls nicht registriert, wie es auf Anfrage beim Parteisekretariat heisst.
«Jedes Land muss sein Immunsystem verteidigen»
Obwohl die Vergleichswerte fehlen, für den Präsidenten der Stadtberner SVP hat der hohe Ausländeranteil durchaus Aussagekraft: Es sei eine Bestätigung des harten Kurses in der Ausländerpolitik, sagt Bernasconi. Von den Ausländern bekomme er nämlich zu hören, eine zu grosse Einwanderung gefährde die Errungenschaften der Schweiz, etwa die Sozialwerke, der Lebensstandard und die Sicherheit. «Sie denken also genau dasselbe wie wir.»
Ahadov zumindest ist ein glühender Befürworter einer restriktiven Asylpolitik – dass er selber Flüchtling ist, ist für ihn kein Widerspruch. Er war auch im Migrantenkomitee für die Ausschaffungsinitiative. Es gebe tatsächlich Asylsuchende, die «echte Probleme» hätten – viele Einwanderer kämen aber aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz. Im Durchgangszentrum habe er aber relativ viele «negative Elemente» erlebt, die der Schweiz schadeten. Und Ahadov, der Experte in Agrarpolitik ist, greift zu einem biologischen Vergleich: «Jedes Land muss sein Immunsystem verteidigen – zu viele negative Einflüsse machen einen Organismus sonst krank.»
Ahadov ist in einer muslimischen Familie geboren und besucht wöchentlich die Moschee. Er liest aber auch regelmässig in der Bibel und der Thora und hat eine tolerante Haltung in religiösen Fragen. Aber auch hier gibts keine Differenz zur Partei: Ahadov hat die Minarett-Initiative unterstützt. «Wenn ein Muslim behauptet, echtes Beten ohne Minarett sei nicht möglich, dann soll er doch in ein islamisches Land ziehen», sagt er.
Nussbäume als Dankeschön
Anpassen und Integrieren, das sind Wörter, die Ahadov aus seinem wachsenden Wortschatz oft hervorholt. Er wolle für das Land, das ihm Schutz biete, auch etwas leisten – das verlange er auch von anderen Ausländern. «Solange ich nicht zurückreisen kann, ist die Schweiz meine Heimat», sagt er. Daher will der umtriebige 49-Jährige, der momentan an einem Programm für hoch qualifizierte Stellensuchende an der Uni Bern teilnimmt, «der Schweiz etwas zurückgeben». So bestritt er etwa mehrere Freiwilligeneinsätze für den WWF – verwundert stellte er fest, dass er der einzige Ausländer war. Nun will er vermehrt Migranten dafür motivieren. Seine grösste Herzensangelegenheit ist aber ein Walnuss-Projekt, das er initiiert hat. Der Agronom hat festgestellt, dass Nussbäume selten werden und die Schweiz ihren Bedarf nicht decken kann. Daher hat er einen Verein gegründet und eine Aktion gestartet, bei der Bauern zum halben Preis junge Bäume beziehen können. 2350 Nussbäume mehr stehen inzwischen dank Ahadov in der Schweiz. (Der Bund)
Erstellt: 21.01.2011, 14:29 Uhr
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37 Kommentare
Ich habe zwar sch^wierigkeiten, mir vorzustellen, wie Herr Ahadov den "schutz der bedrohten schweizer Werte" glaubhaft vertreten will. Aber da die Parolenpartei keine Inhaltspartei ist, sollte das nicht weiter problematisch sein. Persönlich finde ich es schade, dass einer, der von aussen kommt, nicht sieht, wofür er sich da engagiert. Oder es sieht und es gerade darum tut? Antworten
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