Schweiz
Frauen statt Ausländer – Ökonomen zweifeln
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 03.05.2012 180 Kommentare
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Der häufige Verweis der Linken auf das umfassende Betreuungsangebot für Kinder in Skandinavien erachtet der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger als problematisch. Tagesschulen und Krippenplätze erforderten enorme staatliche Subventionen. In Dänemark müssten bereits Mittelstandsfamilien über 50 Prozent ihres Einkommens dem Staat abliefern. (Bild: Keystone )
Sommarugas Pläne ernten Kritik von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli: «Das ist ein Ablenkungsmanöver von der verfehlten Migrationspolitik des Bundesrates. Bundesrätin Sommaruga soll zuerst die Schraube bei der Einwanderung anziehen und so zeigen, dass es ihr ernst ist mit dieser Aussage. Einwanderungspolitik und Krippenplätze haben nichts miteinander zu tun.» (Bild: Keystone )
Applaus erhält Sommaruga dagegen vom neuen FDP-Präsidenten Philipp Müller: «Das ist genau das richtige Rezept.» Die FDP habe zwar «lange vor der SP-Bundesrätin» die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie thematisiert. «Wenn das bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde, war das unser Fehler», räumt Müller ein. «Wir müssen Frauen durch bessere Arbeitsmodelle und Kinderbetreuungsplätze in den Arbeitsprozess bringen. Das ist auch eine Art Einwanderungsprävention.» (Bild: Keystone )
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Jedes Jahr holt die Wirtschaft Zehntausende neuer Arbeitskräfte aus der EU – dank Personenfreizügigkeit. Das müsste nicht sein, würden die Firmen stärker auf die gut ausgebildeten einheimischen Frauen setzen, kritisiert SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga. «Indem wir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, steuern wir auch die Zuwanderung», sagte sie in ihrer 1.-Mai-Ansprache auf dem Bundesplatz. Arbeitgeber müssten endlich für familienverträgliche Arbeitsmodelle sorgen und den Frauen den gleichen Lohn wie den Männern bezahlen. Dann liessen sich mehr Frauen zur Erwerbstätigkeit motivieren.
Damit übernimmt Sommaruga die Argumentation des kürzlich von der SP-Parteileitung lancierten Migrationspapiers. Dieses prangert das «blinde Rekrutieren von Arbeitskräften im Ausland» an und fordert Anreize für Mütter, um diese für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Ökonomen bezweifeln allerdings, dass ausländische Arbeitskräfte so einfach durch Frauen ersetzt werden können. «Wenn noch mehr einheimische Frauen einer Arbeit nachgehen oder ihr Arbeitspensum erhöhen, führt das zu höheren Einkommen und dies zur stärkeren Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen», sagt Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Uni Freiburg. «Diese Nachfrage schafft wiederum neue Stellen, die mit ausländischen Arbeitskräften besetzt werden», beschreibt er den Mechanismus.
Ausländisches Krippenpersonal
Zudem bräuchte es deutlich mehr Krippenplätze, wenn viele Frauen statt 50 oder 60 Prozent Vollzeit arbeiten wollten. «Das zusätzliche Krippenpersonal müsste grösstenteils im Ausland rekrutiert werden», sagt Eichenberger. Die massive Zuwanderung halte so lange an, wie die Schweiz im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern viel attraktiver sei. Ein flächendeckendes Betreuungsangebot für Kinder würde der Schweiz eine noch grössere Anziehungskraft verleihen. «Insbesondere für jene, die ihre Kinder hoch subventioniert in die Krippe schicken können, also für weniger qualifizierte Zuwanderer», warnt Eichenberger.
Der häufige Verweis der Linken auf das umfassende Betreuungsangebot für Kinder in Skandinavien erachtet der Freiburger Ökonom als problematisch. Tagesschulen und Krippenplätze erforderten enorme staatliche Subventionen. In Dänemark müssten bereits Mittelstandsfamilien über 50 Prozent ihres Einkommens dem Staat abliefern. Dies führe dazu, dass Mann und Frau 100 Prozent arbeiten müssten, damit ihnen nach Abzug aller Steuern genügend Geld für einen ansprechenden Lebensstandard bleibe. Dass in Skandinavien viele Frauen Vollzeit arbeiteten, sei also häufig eine Notwendigkeit. Eichenberger bezweifelt, dass in der Schweiz die vielen Mütter mit Teilzeitarbeit ihr Pensum massiv erhöhen wollen. «Eltern haben ja auch deshalb Kinder, weil sie diese während einiger Tage pro Woche selbst betreuen wollen.»
Frauen arbeiten meist Teilzeit
Vorsichtiger äussert sich Arbeitsmarktexperte George Sheldon zu Sommarugas Vorschlägen. «Grundsätzlich hat sie recht», sagt der Professor an der Universität Basel. In der Schweiz seien sehr viele Frauen erwerbstätig, aber meist mit Teilzeitpensen. Insofern liege in einem höheren Beschäftigungsgrad der Frauen Potenzial. «Aber wie gross dieses ist und ob die Rechnung von Frau Sommaruga aufgeht, kann ich nicht sagen», sagt Sheldon. Denn die von der Wirtschaft rekrutierten Ausländer seien zu über der Hälfte Akademiker. In der Schweiz verfügten erst 35 Prozent der Arbeitskräfte über einen Hochschulabschluss, weshalb die Firmen den Bedarf mit Ausländern deckten. Dies könnte sich dann ändern, wenn die Schweiz mehr Akademiker ausbilde.
«Das Bildungsprofil der Frauen entspricht häufig nicht den Qualifikationsanforderungen jener Branchen, die im Ausland rekrutieren», sagt der Ökonom und Wirtschaftspublizist Beat Kappeler. «Abgesehen vom Pflegebereich werden in der Schweiz meist hoch Qualifizierte mit ökonomischer Ausbildung gesucht.» Kappeler hält es zudem für falsch, dass die Linke den Staat für das Krippenangebot verantwortlich macht. «Mein Appell geht an die Firmen. Diese sollen es Müttern und Vätern ermöglichen, 70 oder 80 Prozent zu arbeiten. Mit diesen Pensen erreichen Frau und Mann ein ausreichendes Familieneinkommen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.05.2012, 06:20 Uhr
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Da werden junge Frauen teuer ausgebildet und in die Arbeitswelt integriert. Wenn sie dann Kinder bekommen, werden sie üblicherweise aus der Arbeitswelt abgeschoben, ohne eine Chance, ihre erlernten Fähigkeiten zum Wohl unserer Wirtschaft weiter einsetzen zu können. Wenn sie wieder arbeiten wollen, heisst es, sie seien zu lange weg gewesen und nicht qualifiziert.Wie geht CH mit ihren Ressourcen um? Antworten
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