Schweiz
Gefahrenzone Spital: Bis zu 1700 Tote pro Jahr
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 13.09.2010 12 Kommentare
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«Krisengebiet Krankenhaus» betitelte das Hamburger Magazin «Stern» seine letzte Aufmachergeschichte. Von 18 Millionen Patienten (Stand 2009), die jährlich in deutsche Spitäler eingeliefert werden, erkranken dort 500'000 an nosokomialen Infektionen, die durch Mikroorganismen hervorgerufen werden. Diese Krankenhausinfektionen führen bei 150'000 der Betroffenen zu Lungenentzündungen oder Wundinfektionen. Und für rund 4500 endet der Aufenthalt, der sie eigentlich gesund machen sollte, mit dem Tod.
Aufgrund von Personalmangel und Zeitdruck gibt es auch öfter Patientenverwechslungen mit zum Teil bösen Folgen. Und nach Schätzung des emeritierten Pharmakologieprofessors Christoph Fröhlich sterben jährlich 57'000 Menschen auf inneren Stationen wegen Medikamenten. «Davon wären 28'000 Todesfälle vermeidbar», so Fröhlich gegenüber dem «Stern.»
Knappe Personaldecke
Der Krankenhausstandard und die Ausbildung des Spitalpersonals in Deutschland sind auf gleichem Niveau wie in der Schweiz. Somit stellt sich die Frage, wie die Lage in den hiesigen 318 Spitälern ist. Experten sind sich einig, dass auch hier mit «nicht zu viel Personal» gearbeitet wird. Noch sei man mit der Qualität der diplomierten Pflegefachleute zufrieden, heisst es beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer. «Wir schätzen Schweizer Spitäler als sicher ein», sagt Vizepräsidentin Barbara Gassmann. Aber: «Werden mehr Patienten in kürzerer Zeit behandelt und die Anzahl diplomierter Pflegefachleute nicht angepasst, steigt die Gefahr von Komplikationen nachweislich.»
Bei den Ärzten ist die Arbeitsbelastung nicht so extrem wie in Deutschland. Dort gelten etwa bei Chirurgen 60 bis 80 Wochenstunden durchaus als normal. Aber die aktuelle Kampagne der Assistenz- und Oberärzte des Kantons Bern, die gegen die üblich gewordenen 60 Wochenarbeitsstunden statt der gesetzlich festgelegten 50 Stunden protestieren, weist auf nicht ideale Verhältnisse hin.
«Man ist in Schweizer Spitälern so sicher oder unsicher wie in anderen vergleichbaren europäischen Ländern», meint Marc-Anton Hochreutener, Geschäftsführer der Zürcher Stiftung für Patientensicherheit. Aufgrund von Schätzungen geht man davon aus, dass pro Jahr 700 bis 1700 Patienten in hiesigen Spitälern durch Fehler sterben. Tragisch: «Studien zeigen, dass bei rund 2 bis 8 Prozent aller Hospitalisationen vermeidbare Fehler stattfinden», sagt Hochreutener. Eine aktuelle Untersuchung der Stiftung brachte ans Licht, dass jeder Fünfte der 4000 befragten Patienten bereits ein «patientensicherheitsrelevantes» Ereignis während eines stationären Aufenthalts erlebt hatte.
Böse Keime
Pro Jahr erkranken von den rund 1,12 Millionen in Schweizer Krankenhäusern Hospitalisierten laut Bundesamt für Gesundheit 7 Prozent an Infektionen. Doch den Anstieg multiresistenter Staphylokokken (MRSA), die bei geschwächten Personen zu kaum heilbaren Wundinfektionen führen können und denen viele Antibiotika nichts anhaben können, hat man im Griff. «Dank des nationalen Überwachungssystems für Antibiotikaresistenzen können wir sagen, dass die Situation in den Schweizer Spitälern zurzeit im Schnitt recht stabil ist», sagt Kathrin Mühlemann, Leiterin der Spitalhygiene am Berner Inselspital.
Dafür sorgen Kontrollen, zu denen die Suche nach MRSA-Trägerpatienten gehört, die in Spitälern isoliert untergebracht werden. Sowie Bemühungen, den Antibiotikakonsum so gering wie möglich zu halten. Ein Grund, warum in Deutschland Infektionen mit dem Wundkeim MRSA häufiger auftreten, ist, dass Ärzte dort Antibiotika grosszügiger verschreiben. «Auch propagieren wir in der Schweiz stark Handhygiene. Sie ist ein wichtiger Faktor, um MRSA-Infektionen zu vermeiden», so Mühlemann.
Zuverlässigkeit bei der Handhygiene
Es ist bekannt, dass sich durch rigorose Handhygiene vonseiten des Personals generell ein Drittel aller in Spitälern erworbenen Infektionen vermeiden lässt. Den Beweis erbrachte Thomas Bregenzer, Facharzt für Infektiologie und innere Medizin am Kantonsspital Aarau. Seit 2005 engagierte er sich zusammen mit seinem Team für Infektiologie und Spitalhygiene stark im Bereich Handhygiene und Infektprävention. Ein Jahr später waren die nosokomialen Infektionen im Spital um 30 Prozent gesunken. Als er vorübergehend weniger Personal hatte, stieg die Rate der im Spital erworbenen Infektionen wieder an. Sein Fazit: «Zuverlässigkeit bei der Handhygiene ist Voraussetzung für eine niedrige Rate von Spitalinfektionen. Um das Bewusstsein wachzuhalten und Handhygiene regelmässig zu schulen, ist aber ein entsprechender Personalbestand nötig.»
Doch nicht alle Spitäler können sich einen Facharzt für Spitalhygiene leisten, und in kleineren Häusern kümmert sich oft allenfalls eine Teilzeitkraft darum. So sieht Christian Ruef, Präsident von Swiss-NOSO, einer Expertengruppe Schweizer Infektiologen, «in Sachen Spitalhygiene Raum für Verbesserung». Seiner Meinung nach werden 50 Prozent aller Krankenhäuser mittelfristig in dieses Thema investieren müssen.
Gefährliche Medikamente
Medikation gilt als der Bereich mit der höchsten Fehlerquote. Eine Studie, die 2004 am Universitätsspital Zürich und am Kantonsspital St.Gallen unter 6383 Teilnehmern durchgeführt wurde, ergab: 1 von 200 Patienten erleidet wegen eines Medikationsfehlers eine Nebenwirkung. Bei der Stiftung für Patientensicherheit schätzt man, dass Medikationsfehler in Schweizer Spitälern pro Jahr zu 250 Todesfällen führen.
Abhilfe schafft heute Software, die verhindert, dass Patienten gefährliche Dosierungen oder Kombinationen erhalten. Hochreutener sieht diese Software im Kommen, hält sie aber für nicht ausreichend. Es könne passieren, dass das Spitalpersonal das System befrage, aber danach beim Sortieren der Tabletten unaufmerksam sei. Die Lösung bietet seiner Meinung nach nur eine Elektronifizierung des gesamten Medikationsprozesses bis hin zum Krankenbett.
Riskante Operationen
Fälle wie der einer Frau, die Jahre nach einer Operation Katheterteile ausschied, die der Chirurg vergessen hatte, sind rar. Aber: Bei rund 10 Prozent aller Operationen weltweit gibt es Komplikationen. Das könnte ein Time-out kurz vor dem Eingriff verhindern. Chirurgen und Pflegepersonal arbeiten eine Checkliste mit den wichtigsten Daten der zu operierenden Person ab. Und zählen nach getaner Arbeit, ob noch ebenso viele intakte Instrumente wie vor der OP vorhanden sind. «Manche Spitäler setzen das konsequent um, andere nur in einzelnen Abteilungen», weiss Hochreutener.
Er fordert, dass diese Massnahmen bei allen OP Standard werden. Und generell, dass sich die Politik in der Schweiz stärker der Patientensicherheit annimmt. «Und mehr Geld bereitstellt. Die Spitäler allein sind damit finanziell überfordert», so der frühere Arzt. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.09.2010, 07:49 Uhr
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