Geld für Pinocchio, Yoga und Zirkus-Kurse

Das gefährdete Programm Erasmus+ ist nur zu einem kleinen Teil für den Studentenaustausch da. Mit dem überwiegenden Teil der Gelder wurde ein Sammelsurium an Projekten unterstützt.

Mit dem Erasmus-Geld wurden unter anderem auch Yoga-Kurse unterstützt.

Mit dem Erasmus-Geld wurden unter anderem auch Yoga-Kurse unterstützt. Bild: Keystone

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Drastisch waren die Reaktionen, als bekannt wurde, die Schweiz werde im Herbst 2014 nicht mehr am europäischen Studentenaustauschprogramm Erasmus teilnehmen. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) war «schockiert» und bedauerte den «vorläufigen Tod für die internationale Dimension der Schweizer Hochschullandschaft». Für die Gegner der Masseneinwanderungs-Initiative war klar: Die Studenten sind die ersten Opfer der Zustimmung an der Urne.

Doch was ist ist das Programm genau? Seit 2011 beteiligt sich die Schweiz als Vollmitglied bei Erasmus. Es hat nur zu einem kleinen Teil mit Studentenaustausch zu tun. Die Schweiz bezahlte gemäss Botschaft für 2011 bis 2013 einen Beitrag von 77,5 Millionen Franken. Das Geld ging nach Brüssel und dann wieder zurück an die nationale Agentur bei der CH-Stiftung in Solothurn zur Verteilung. Dort wurden 86 Millionen Euro vergeben. Davon gingen aber nur 17 Millionen Euro an die Büros in den Universitäten und die rund 3000 Studierenden von Universitäten und Fachhochschulen, die jedes Jahr ein oder zwei Semester im Ausland studierten. Nur einer von fünf Franken dieses Programms wird also für Studentenaustausch ausgegeben. Mit dem überwiegenden Teil der Gelder fördert Erasmus Aktivitäten von Hunderten von Organisationen, Stiftungen und Unternehmen.

Sammelsurium an Subventionen

20'000 Euro gingen beispielsweise an ein «Pinocchio-Forum», welches das Bewusstsein für Kreativität stärken soll. 32'000 Franken erhielt die Vegetarische Vereinigung, um ihr Management zu professionalisieren und auf der Strasse für vegetarische Ernährung zu werben. Stolze 300'000 Franken erhielt ein tierärztliches Lehrmittel in Hufanatomie. Gleich viel ging an ein Bildungsangebot für fremdsprachige Frauen in der Schweiz. Für 16'000 Euros wurden Yoga-Kurse unterstützt, die «östliche Weisheit in die westliche Bildung» bringen sollten. Zirkus-Kurse für Erwachsene stehen genauso auf der Liste der geförderten Projekte wie der «Dachverband der Regenbogenfamilien» und «Milchbüechli – die Zeitschrift für falschsexuelle Jugend».

Erasmus ist zudem nur ein kleiner Teil der internationalen Aktivitäten der Schweizer Hochschulen. Die Universitäten Bern, Zürich, Fribourg und Lausanne sind beispielsweise in einem weltweiten Austauschprogramm mit rund 200 Universitäten in 42 Ländern, insbesondere den USA verbunden. Die weltweit besten Universitäten stehen gerade nicht in der EU, sondern in den USA und in Asien. Und die Spitzen-Unis in Grossbritannien sind wiederum ein besonderer Fall, bei dem Erasmus nur bedingt einsetzbar ist.

Trotzdem anmelden

Die laufenden Anmeldungen zu einem Studentenaustausch über Erasmus sind auch nicht einfach hinfällig. Es bestehen Verträge zwischen den einzelnen Universitäten. Der Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, der Basler Uni-Rektor Antonio Loprieno, empfiehlt den Studierenden denn auch, sich trotzdem anzumelden.

Der Zürcher Uni-Rektor Michael Hengartner befürchtet, dass die Schweiz auch ausländischen Studenten für ihren Aufenthalt in der Schweiz Geld zahlen müsste, dass ein Austausch zustande käme. Für die EU selber ist hingegen klar, dass die Schweiz weiterhin als Drittstaat an Erasmus teilnehmen kann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.03.2014, 09:54 Uhr

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