Gierige Firmen profitieren von gierigen Kunden

Wir geben den SBB unsere Kundendaten und bekommen im Gegenzug das Gefühl, sparen zu können: Unternehmen wissen genau, wie man Konsumenten knackt.

Die SBB arbeiten an einer App, die alle Zugfahrten aufzeichnet: Digitale Billettkontrolle. Foto: Christian Beuter (Keystone)

Die SBB arbeiten an einer App, die alle Zugfahrten aufzeichnet: Digitale Billettkontrolle. Foto: Christian Beuter (Keystone)

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Meine Krankenkasse hat eine App, ganz chic und schnittig, und wer sie herunterlädt, der erhält eine Aufforderung, in Zukunft die eigenen Schritte zu zählen. Jeden Tag. Und die Zahl mit der lieben Krankenkasse zu teilen. 20 Rappen pro Tag spart man bei 7500 Schritten, 40 Rappen bei 10’000.

Coop hat kürzlich die Nutzungsbedingungen für die Supercard geändert. Künftig liest der Grossverteiler den ganzen Warenkorb seiner Kunden aus. Registriert, wer online auf welches Produkt geklickt und ob er es auch gekauft hat. Registriert wird auch, wie brav die Kunden ihre Produkte selbst scannen. Wer beim Betrügen erwischt wird, der fällt in eine niedrigere «Vertrauenskategorie».

In unserer Gier geben wir den Unternehmen alles von uns. Wie wir einkaufen. Wie wir uns bewegen. Wie wir leben.

Verschiedene Autovermieter überwachen seit längerem, wie umweltschonend ihre Kunden unterwegs sind. Nach jeder Fahrt (die per GPS aufgezeichnet wird) erhält der Fahrer eine Bewertung. Heute kann man damit Preise gewinnen, später sollen damit die Mietpreise individualisiert werden.

Und damit zu unserer liebsten grossen Firma. Den SBB. Die Bundesbahnen versuchen schon seit längerem, die Wege ihrer Kunden aufzuzeichnen und im besten Fall zu lenken. Momentan arbeiten die SBB an einer App, die alle Zugfahrten aufzeichnet und dann automatisch den besten Tarif verrechnet.

Bilder – SBB-Pilotversuch mit Bodycams

Es ist bei all diesen Firmen das Gleiche. Wir geben ihnen unsere Daten und sie uns das Gefühl, etwas Geld zu sparen. Bei den einen hat das einen (ziemlich ärgerlichen) pädagogischen Anstrich («Beweg dich mehr!» – «Schalt doch endlich in den Fünften!»), bei den anderen geht es gleich ganz ohne: In unserer Gier geben wir den Unternehmen alles von uns. Wie wir einkaufen. Wie wir uns bewegen. Wie wir leben.

Das mag für den durchschnittlichen Kunden vielleicht profitabel sein. Doch man muss es von der anderen Seite anschauen, von jener der Schwachen. Von jenen, die nicht die Norm erfüllen. Zu Ende gedacht, haben diese ach so fortschrittlichen «Kundenoptimierungen» ein grausames Potenzial – vor allem, wenn man all diese Daten in der Zukunft einmal verknüpfen kann.

Unternehmen sind keine altruistischen Denkkreise

Da verzichtet man dann nicht mehr freiwillig auf die 20 Rappen Ersparnis, wenn man die 7500 Schritte pro Tag nicht schafft. Sondern wird von der Krankenkasse einfach nicht mehr aufgenommen. Erhält einen freundlichen Brief von eben jener Krankenkasse, dass man in Zukunft doch etwas weniger Wein im Coop kaufen sollte. Wird wegen einer «unstabilen» Lebensweise nie mehr ein Auto mieten können. Wird als Rentner von den SBB darauf hingewiesen, dass man künftig für den übervollen Pendlerzug kein Ticket mehr bekommt.

Übertrieben? Vielleicht. Doch man sollte auch nicht naiv sein. Unternehmen sind keine altruistischen Denkkreise zur Förderung und Wohlfahrt des Menschen. Unternehmen wollen Profit machen. Und offenbar versprechen sie sich genau das, wenn sie beginnen, unser Leben zu vermessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2017, 14:39 Uhr

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